22.05.2019 - 08:18 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mit Studium in den Kreißsaal

Die geplante Gesetzesreform zur Hebammenausbildung sieht vor: Wer künftig Hebamme werden will, muss ein Studium absolvieren. Eine Neuregelung, die nicht nur Beifall findet.

Süß, so ein kleiner neuer Erdenbürger. Damit er einen guten Start ins Leben hat, ist das Engagement einer Hebamme ausgesprochen wichtig.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Anita Schmidhuber allerdings, die stellvertretende Leitende Hebamme des Geburtshilfeteams am Klinikum Weiden, findet das im Gesetzesentwurf geforderte duale Studium "eine tolle Sache". Letztlich werde damit nur eine längst geltende EU-Richtlinie umgesetzt, sagt sie. Viele Detailfragen seien aber noch offen: "Wie wird es mit der Einstufung der studierten Hebammen im Vergleich zu den nicht studierten, wie mit der Bezahlung?"

Die 38-Jährige geht davon aus, dass die Berufsfachschulen für Hebammen noch mehrere Jahre gebraucht werden. "Es gibt so viele Schülerinnen, die können nicht alle an die Universität." Während des Gesprächs kräht im Hintergrund übrigens Klein-Alois. Anita Schmidhubers Sohn ist gerade mal 18 Monate alt.

Die Ausbildung an den Berufsfachschulen zu abrupt oder gar komplett zu beenden, das hält auch Claudina Golkowski, Leitende Hebamme an der Frauenklinik in Amberg, für den falschen Weg. Dabei hat die 39-Jährige selbst studiert. "Aber erst als ich schon zehn Jahre in der Praxis war, berufsbegleitend", betont sie. "Das Studium hat mir persönlich viel gebracht. Nach zehn Jahren hat sich viel verändert." Entscheidend sei aber letztlich die Praxis. Deshalb sei es sehr schade, dass der praktische Teil im Studium verringert werden solle. Golkowski betont: "Die Ausbildung an den Berufsfachschulen ist super gut, und wir haben super gute Hebammen in Deutschland." Ihrer Ansicht nach sollte man die Ausbildung in Zukunft deshalb zweispurig laufen lassen.

Wenig begeistert äußert sich Andrea Günther über die künftige Studienanforderung. Die Nachwuchsgewinnung dürfte dadurch deutlich schwieriger werden. "Ich finde das schade für junge Frauen, die den Beruf sehr gerne erlernen möchten, aber nicht studieren können, weil sie kein Abitur haben." Dabei sieht die 54-Jährige - sie betreibt gemeinsam mit Susanne Hausdorf die Hebammenpraxis "Bauchladen" in Neustadt - bei einer Geburt in erster Linie handwerkliches Können gefordert. "Da braucht es geschickte Finger." Während ihrer 35-jährigen Laufbahn hat sie fast 3000 Babys auf die Welt geholfen. Zuletzt in den Krankenhäusern in Neustadt und Tirschenreuth.

Seit einigen Jahren übernimmt sie als freiberufliche Hebamme nur noch Wochenbettbetreuung und die Nachsorge bei Schwangeren. "In der Nachsorge, bei den Hausbesuchen, gibt es so viel zu tun. Ich könnte Tag und Nacht arbeiten, 30 Stunden am Tag. Da kippt man um." Deshalb habe sie sich entschlossen, keine Geburten mehr zu betreuen. "Eigentlich schade. Das ist so eine wichtige Arbeit, so ein schöner Beruf."

Nachwuchs werde also dringend benötigt. Die Studienpflicht könnte aber - befürchtet Günther - auch dazu führen, dass Interessierte sich sagen: "Dann hänge ich noch ein paar Semester an und werde gleich Mediziner."

"Alles hat Vor- und Nachteile", meint Nadine Sailer. Was sie als Vorteil sieht: Durch ein Studium könnten Hebammen eine andere Wertigkeit bei den Ärzten erfahren, meint die 42-Jährige. Sie war bis vor vier Monaten als Hebamme in Weiden tätig. 18 Jahre freiberuflich, davon 16 Jahre im Kreißsaal. Ihre Erfahrung dabei: "Viele Ärzte sehen uns Hebammen nicht als gleichwertige Partner bei der Betreuung von Schwangeren und Neugeborenen an. Ein Studium könnte da Abhilfe schaffen."

Doch ob mit Studium oder mit einer Ausbildung an einer Berufsfachschule wie bisher: "Hebamme ist ein sehr anstrengender Job. Da müssen Mann und Kinder schon mitziehen." Sie selbst leistet deshalb jetzt als freiberufliche Hebamme in Oberbayern keine Geburtshilfe mehr. Die Aufteilung im Weidener Klinikum - ein freiberufliches Team, das die Betreuung im Kreißsaal übernimmt und andere freiberufliche Hebammen, die sich um die Nachsorge und Wochenbettbetreuung kümmern - habe sie sehr begrüßt. "In meinen Augen hat das sehr gut funktioniert."

Professor Anton Scharl, Direktor der Frauenkliniken, befürchtet Hebammenengpass - Sein Appell::

Studium, ja, und Schule beibehalten

"Sechs Jahre hat man nichts gemacht und jetzt soll das Hebammenreformgesetz ganz schnell umgesetzt werden." Professor Anton Scharl, Direktor der Frauenkliniken Amberg-Tirschenreuth-Weiden, hat an dem vorliegenden Referentenentwurf einiges zu kritisieren. Übrigens nicht nur als Direktor der Frauenkliniken, sondern auch als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), die eine Stellungnahme zu der geplanten Gesetzesreform herausgegeben hat.

Seine größte Befürchtung: Die seiner Ansicht nach überstürzte Einführung der Ausbildungsreform dürfte den teilweise bereits bestehenden Engpass an Hebammen in Kreißsälen weiter verschärfen. "Es gibt schon einige akademische Ausbildungen für Hebammen und Entbindungspfleger in anderen Bundesländern." Die DGGG begrüße die Einrichtung von Hochschulstudiengängen dieser Art auch. "Wir sind zum Beispiel die Kooperationsklinik für die Hochschule in Fulda." Doch wenn die Berufsfachschulen für Hebammen, wie bisher vorgesehen, im Jahr 2023 geschlossen werden sollten, gebe es noch nicht genügend akademischen Nachwuchs, um dies auszugleichen. Der erste Studiengang in Bayern solle erst im kommenden Herbst an der OTH in Regensburg starten.

"Im Krankenhaus Tirschenreuth war die Geburtshilfe schon einmal akut bedroht. In Amberg ist die Besetzung ausreichend. In Weiden suchen wir noch Kräfte." Hier könnte sich die Situation also weiter verschärfen, falls nicht genügend junge Kräfte nachfolgen. Seine Hoffnung: Dass sich bis zum Inkrafttreten der Gesetzesreform Anfang 2020 noch einige Vorgaben ändern.

Dazu kommt nach Ansicht von Scharl ein Missverständnis: "In der EU-Richtlinie von 2013 steht eigentlich drin, der Zugang zur Hebammenausbildung sollte auf einer 12-jährigen Schulzeit beruhen. In Deutschland wird das jetzt so umgedeutet, dass eine akademische Ausbildung gefordert wird." Dabei seien Hebammen von Berufsfachschulen "hervorragend ausgebildet. Sie arbeiten jetzt schon als Kollegen auf Augenhöhe mit den Ärzten." In gewisser Hinsicht sei die Geburtshilfe außerdem als Handwerk zu betrachten, sagt der Gynäkologe. Die Ausbildung an Berufsfachschulen habe sich bewährt. Seiner Meinung nach sollten schulische und akademische Ausbildung deshalb parallel bestehen bleiben. "Lasst den jungen Menschen doch die Wahl, was ihnen lieber ist."

Professor Anton Scharl warnt vor einer überstürzten Einführung des Hebammenreformgesetzes.

Für Sie empfohlen

 

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.