06.11.2018 - 15:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Stummfilm mit Orgelklang

Zurückversetzt in die Zeit vor einem knappen Jahrhundert fühlten sich die 50 Besucher der Konzertreihe "Orgel plus Kino" in der Stadtkirche St. Josef. Der Stummfilm "Nathan der Weise" wurde effektvoll mit Orgelimprovisationen unterlegt.

Christiane Michel-Ostertun an der Eisenbarth-Orgel in St. Josef.
von FSBProfil

Die Reihe "Stummfilm mit Orgelimprovisation", die nun auf Anregung des hauptamtlichen Kirchenmusikers von St. Josef, Pajak Piotr, auch in Weiden erprobt wurde, hatte bereits in vielen deutschen Städten großen Anklang gefunden. Dazu begrüßte Dr. Thomas Kreuzer vom Förderkreis für Kirchenmusik die Organistin, Professorin Christiane Michel-Ostertun aus Mannheim, deren Orgelspiel dem Stummfilm-Klassiker "Nathan der Weise" die besondere Note gab.

Plädoyer für Toleranz

Der 1922 entstandene Film "Nathan der Weise" von Manfred Noa basiert auf dem berühmten Klassiker von Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781), einem Hauptwerk der Aufklärung. In ihm wird ein eindringliches Plädoyer für Humanität, Gedankenfreiheit und Toleranz formuliert, durch die man Brücken bauen kann zur gleichberechtigten Koexistenz der drei monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum. Die Filmadaption wurde in den 1920er Jahren zwar freigegeben, aber als gefährlich eingestuft. In München war wegen Drohungen keine Vorstellung möglich. Im Nationalsozialismus widersprach die Hauptperson als menschlich vorbildlicher Jude der Nazi-Ideologie. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt der Film als verschollen, doch eine in Moskau gefundene, aufwendig restaurierte Kopie wurde 2006 durch das Filmmuseum München wiederveröffentlicht.

Im zweistündigen Drama brilliert Stummfilmstar Werner Krauss, der 1920 den internationalen Durchbruch mit "Das Cabinet des Dr. Caligari" geschafft hatte. "Nathan der Weise" spielt im 12. Jahrhundert in Jerusalem zur Zeit des Dritten Kreuzzuges. Schlüsselszene der Geschichte ist die Ringparabel, die der reiche jüdische Kaufmann Nathan dem Sultan erzählt. Darin geht es um einen Ring, der seinen Träger "vor Gott und den Menschen angenehm" macht.

Harmonisch und meditativ

In der meditativen Veranstaltung ergänzten sich die visuelle und auditive Wahrnehmung auf harmonische Weise. Der fast 100 Jahre alte Film entpuppte sich als erstaunlich modern. Organistin Christiane Michel-Ostertun entlockte der klangmächtigen Eisenbarth-Orgel zu den bei ihr auf Monitor übertragenen Filmszenen eine beeindruckende, perfekt abgestimmte Stegreifkomposition: mal aufwühlend, klagend, mal ruhig, fröhlich, mit arabischen Einschlägen und knarrenden Tönen bis hin zum versöhnlichen Schluss der Verständigung der Völker und Religionen.

Der lang anhaltende Applaus des Publikums für die ausgezeichnete Improvisationsleistung der Organistin war wohl auch als Ansporn für die Veranstalter gedacht, in diesem Sinne weiterzumachen.

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