23.12.2020 - 09:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wie tickt das Management?

Fragen, die man sich als Job-Wechsler stellen muss, und Tipps von einem Oberpfälzer Professor und Transformations-Coach.

Prof. Dr. Günther Schicker
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Ist Jobhopping eine gute Idee?

Wer sich im Job unwohl fühlt oder seinen Lebensmittelpunkt wechseln will, sollte sich verändern. „Man muss das machen, was man wirklich will, sonst empfindet man sich zeitlebens immer nur als Opfer der Umstände“, meint Coach Schicker: „Jeder hat die wichtigen Lebensentscheidungen selbst in der Hand.“ Treffe jemand eine harte Entscheidung, müsse er andererseits bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Mit „Die Entscheidung liegt bei Dir“ ist ein Lieblingsbuch von Professor Dr. Günter Schicker betitelt, „Du hast die Wahl: Lieber das bekannte Unglück oder das unbekannte Glück?“ – eine der Lieblingspassagen in diesem Buch: “Das widerspiegelt das Verhalten vieler Menschen.“ Aber: „Jobhopping ist für mich etwas anderes, ein Jobhopper ist jemand, dem es nirgends gefällt. Der, um „Karriere“ zu machen, von Stelle zu Stelle springt und häufig wenig hinterlässt, was von bleibendem Wert für das Unternehmen ist.“ Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber sollten bei Bewerbungen und Stellenbesetzungen auf längerfristige Perspektiven setzen. „Wenn ich diesen Willen bei einem Bewerber nicht erkennen kann, würde ich mich als Arbeitgeber schon fragen, ob ich die Person einstelle.“

Gibt es in der Oberpfalz diese Perspektiven?

Der Engpass sei in der Oberpfalz nicht der Bedarf für gute Leute, im Gegenteil: „Der ist da und wird in den nächsten Jahren massiv steigen. Die Frage ist: Wie mache ich mich als Arbeitnehmer wertvoll? Wenn ich darauf die richtige Antwort finde, dann kann ich mir überall meine Jobs aussuchen.“

Oberpfalz schlägt München?

Jein: „Hinter der verkürzten Formulierung ,Oberpfalz oder München?‘ stehen zwei unterschiedliche Lebensentwürfe. Man muss sich überlegen, was man will. So etwas wie Schwabing werde ich bei uns nicht finden. Wenn ich das möchte, muss ich nach München. Ich habe mich bewusst für die Oberpfalz entschieden. Das ist mein Zuhause, genauso wie die alten Freunde aus dem Fußballverein. Was mein Arbeitsumfeld angeht: Da agiere ich nicht ortsgebunden. Gleichzeitig nutze ich für meine Arbeit die Oberpfälzer Standortvorteile.

Wie können Neubürger „ankommen“?

Schicker kommt auch hier sofort der Fußballverein in den Sinn: „In meiner Jugend war der Fußballverein wie eine zweite Familie. Die Freundschaften von damals haben bis heute gehalten. Es war dort immer selbstverständlich – und ist es immer noch – jeden zu integrieren, der dabei sein wollte. Wir hatten sogar einen Ostfriesen als Vorstand“, erinnert sich Schicker. „In der Oberpfalz gibt es funktionierende Dorfgemeinschaften. Fremde können da gut mitmachen, keine Sorge.“

Wie findet man den richtigen Arbeitgeber?

Da gehe es nicht nur um Aufgabe und Branche: „Viel wichtiger ist das Mindset im Unternehmen. Man sollte herausbekommen: Wie tickt das Management? Wie geht man miteinander um? Wie ist der Zusammenhalt im Team? Ich zum Beispiel bin ein freiheitsliebender Mensch und könnte es nicht ertragen, wenn mir andere permanent sagen würden, was ich zu tun oder zu lassen habe. Führung ist: nicht an die Kette legen.“

OTH-Professor Dr. Bernt Meyer: Woran das Management (nicht nur) in Corona-Zeiten denken sollte...

Weiden in der Oberpfalz

Worauf ist am Anfang zu achten?

Erst einmal zuhören und beobachten sei das Wichtigste: „In jedem Unternehmen sind die Glaubenssätze andere, es gibt Dos und Don‘ts. Man kann sich in vielen Unternehmen schnell verbrennen, weil sie über Jahre zu dem geworden sind, was sie sind. Was in einem Unternehmen gern gesehen wird, ist anderswo ein Fauxpas. Was sind die Probleme in der Firma? Wo kann ich wirklich helfen? Als Neuer sollte man diesen Fragen nachspüren, dann kann ich ganz anders anpacken.“

Was gefällt an der Oberpfalz und den Oberpfälzern?

„Dieses Pragmatische, Unaufgeregte“, sagt Schicker. „In meiner Branche habe ich viel mit klassischen Konzernstrukturen zu tun, mit Hierarchien und festen Rollenmustern. Aber wenn wir als Oberpfälzer kommen, dann wird sogar der Vorstand schnell geerdet. Mit unserer Oberpfälzer Mentalität schaffen wir das. Die reden beim Zoigl ganz anders als im Münchner Headoffice und genießen, so wie ich, die Natur. Ich hatte schon Kunden da, die mit uns beim Schwammerlsuchen waren. Und danach hatten wir die Stimmung, die es braucht, um miteinander und füreinander in Teams für die Unternehmen Lösungen zu finden.“

Info:

Spontane Fragen, spontane Antworten

  • Lieber Großstadt oder lieber Kleinstadt? „Kleinstadt! Die verbinde ich mit einem familiären Umfeld. Freunde sind mir wichtiger als Oper.
  • Lieber Anonymität oder lieber Gemeinschaft? Beides. Im privaten bleibe ich lieber anonym, schätze Familie und Freunde. Im Business sind mir Gemeinschaft und Netzwerke wichtig. Das ist Teil meines Geschäfts. Am Abend möchte ich aber nicht mehr durchgereicht werden.
  • Lieber Natur oder lieber Kultur? Eine Kombi aus beidem. Ich liebe die Natur, meine Frau und ich lieben aber auch Musik und Kultur. Ich spiele für mich gerne auf der Steierischen.
  • Lieber selber Sport treiben oder lieber ins Stadion gehen? Je nachdem. Walken, Rad fahren, Wandern - das macht schon Spaß. Ich fahre aber auch gerne nach München und sehe mir – in coronafreien Zeiten – ein Spiel des FC Bayern an. Das passt alles gut in einen Oberpfälzer Lebensentwurf, man ist ja nicht aus der Welt.
Zur Person:

"Das Glück beim Schopf packen"

Professor Dr. Günter Schicker (47) ist Mit-Gesellschafter und einer der Geschäftsführer des „Instituts für systemisches Management und Organisation“, ISMO GmbH in Weiherhammer (Kreis Neustadt/WN). Schicker lehrte lange Jahre an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden, an der er sich als „Student der ersten Kohorte“ erste akademische Sporen verdiente. Sein weiterer Weg führte den gebürtigen Oberpfälzer unter anderem nach Wiesbaden und Nürnberg. Schicker lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern in der Nähe von Waldsassen (Kreis Tirschenreuth). Als Transformations-Coach und Berater begleitet er „Veränderungsprozesse“ in Unternehmen. Dabei beobachtet er: „Viele Menschen verstehen sich zeitlebens als Opfer. Sie machen etwas, was ihnen nicht gefällt. Aber was hindert sie daran, das zu ändern?“ Man müsse das Glück beim Schopf packen. Das kann auch als Entscheidungsmaxime für Menschen verstanden werden, die sich beruflich neu orientieren und (wieder zurück) in die Oberpfalz wollen.

 

 

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