Weiden in der Oberpfalz
03.02.2025 - 15:24 Uhr
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Traumatisierte Flüchtlinge: Große Not und große Behandlungslücken

Welche Gefahr geht von psychisch auffälligen Asylbewerbern aus? Welche Hilfen für traumatisierte Flüchtlinge gibt es in Weiden und im Landkreis Neustadt/WN? Das fragen sich viele – nicht erst seit der Messerattacke in Aschaffenburg.

In der Gemeinschaftsunterkunft in der Kasernenstraße fehlen noch Strukturen für ein Pilotprojekt, das zum Ziel hat, traumatisierten Flüchtlingen eine erste Hilfe zu bieten. Archivbild: Gabi Schönberger
In der Gemeinschaftsunterkunft in der Kasernenstraße fehlen noch Strukturen für ein Pilotprojekt, das zum Ziel hat, traumatisierten Flüchtlingen eine erste Hilfe zu bieten.

Nach einer Reihe tödlicher Messerangriffe und der Tat von Aschaffenburg möchten viele Menschen nichts mehr hören von psychisch erkrankten Asylbewerbern. Doch quälende Fragen stellen sich: Hätten Taten verhindert werden können? Wie gefährlich sind geflüchtete Menschen? Was läuft falsch bei der Behandlung psychisch auffälliger Asylbewerber? Und welche Anlaufstellen gibt es für traumatisierte Flüchtlinge in Weiden und im Landkreis Neustadt/WN?

Dr. Markus Wittmann, ärztlicher Direktor des Medbo-Bezirksklinikums Wöllershof, gehört zu den Menschen, die mit der Behandlung traumatisierter Flüchtlinge langjährige Erfahrung haben. Er sagt zum einen, dass er keine Daten kenne, aus denen hervorgehe, dass Flucht an sich zu größerer Gewaltbereitschaft führe. Und zum anderen betont Wittmann, dass psychisch Erkrankte statistisch betrachtet nicht zu mehr Straftaten neigen als nicht Erkrankte. Aber wenn eine Suchterkrankung hinzukomme, könne das zu mehr Straftaten führen.

Vor allem Akutbehandlungen in Wöllershof

Im Medbo-Bezirksklinikum Wöllershof werden auch Menschen behandelt, die von der Polizei in die Psychiatrie gebracht werden, wie Wittmann schildert. Aber auch einen gefährlichen Menschen dürfen Ärzte nicht einfach gegen dessen Willen behandeln. Das Bayerische Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz setzt hier hohe Hürden. „Eine Unterbringung in einer Klinik darf nur bei erheblicher Eigen- oder Fremdgefährdung aufgrund einer psychischen Erkrankung erfolgen, die außerdem die gesunde Willensbildung beeinträchtigt.“

Insbesondere geht es laut Wittmann um Akutbehandlungen, wenn Geflüchtete im stationären Bereich in Wöllershof Patienten sind. Das liegt aber allein schon daran, dass fast der komplette stationäre Bereich der Klinik auf Akutbehandlung ausgelegt ist. Drogenkonsum, Psychosen, Suizidgedanken – das plagt die Patienten. Die Wartezeiten auf eine psychotherapeutische Behandlung sind lang, führt Wittmann aus. Nicht selten dauere es 1 Jahr oder mehr, bis eine ambulante Psychotherapie begonnen werden könne. Bei Geflüchteten komme noch hinzu, dass oft auch eine sprachliche und kulturelle Barriere überwunden werden müsse. „Es fehlen schlicht die Ressourcen“, fasst Wittmann zusammen.

Idee für Pilotprojekt in Weiden

Einrichtungen, die auf Hilfen für psychisch auffällige Flüchtlinge spezialisiert sind, gibt es weder in der Stadt Weiden noch im Landkreis Neustadt/WN, wie die Pressestellen der Stadt und des Landratsamtes Auskunft geben. Erste Anlaufstellen hierfür wären in Nürnberg und Regensburg.

Eine Mitarbeiterin der Diakonie Weiden zeichnet ebenfalls ein düsteres Bild, wenn es um Hilfen für Asylbewerber geht, die Flucht und Verfolgung erlitten haben und eine psychotherapeutische Behandlung brauchen. „Es gibt nichts, wo ich Leute hinvermitteln könnte, ohne Konkurrenzdruck in der regionalen dünnen Versorgung aufzubauen. Aktuell haben wir keine Lösung vor Ort“, sagt sie. Und bei ihr schlage ja nur die Spitze des Eisbergs auf.

Sie arbeite daran, ein Pilotprojekt Erste Hilfe von Flüchtlingen für Flüchtlinge der Gemeinschaftsunterkunft in Weiden aufzubauen. Dafür habe es bereits Schulungen bei der Organisation Refugio in München gegeben, erzählt sie. Die Umsetzung sei aber nicht leicht, da Strukturen fehlen. Sie betont die gute Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen für ein Schutzkonzept zur Prävention von Gewalt als ersten Schritt in Weiden, nach Vorlage des Bayerischen Staatsministeriums und mit Unterstützung der Regierung der Oberpfalz in Regensburg vom Sachgebiet 14.2 „Unterbringung und Verteilung von Flüchtlingen“.

Frühes Erkennen hilft

„Menschen, die wirklich schwer krank sind, sind kaum in der Lage, selbst in eine Sprechstunde zu kommen“, erklärt Heike Martin, Pressereferentin des Beratungs- und Behandlungszentrums Refugio München, das in der Erstaufnahme der Landeshauptstadt auch ein Früherkennungsprojekt leitet, das Inspiration für die Idee in Weiden ist. Refugio-Mitarbeiter, die selbst Fluchterfahrung haben und die Sprache sprechen, sollen unter den vielen Schutzbedürftigen jene finden, die in besonders großer seelischer Not sind. Sie sind darin geschult, auch Menschen mit Schutzbedarf zu erkennen, die nicht sofort jedem auffallen. Wenn die Refugio-Mitarbeiter durch die Unterkunft gehen, achten sie ganz gezielt auf diejenigen unter den Neuankömmlingen, die sich zurückziehen und keinen Kontakt zu anderen Bewohnern aufnehmen. Besondere Schlafstörungen – also wiederkehrende, schlimme Albträume – sind ebenfalls ein Anzeichen dafür, dass ein Mensch dringend Hilfe braucht.

Was die Refugio-Helfer in München dank frühem Erkennen erreichen können: die Verlegung eines psychisch kranken Flüchtlings in eine ruhigere Umgebung oder wenn möglich sogar in ein Einzelzimmer. Was sie nicht versprechen können: eine Therapie. Der Zugang zum Gesundheitssystem ist für Asylsuchende in den ersten 3 Jahren auf Notfallbehandlungen beschränkt. Das heißt, die Behandlung beschränkt sich im psychischen Bereich meist auf Menschen, die drohen, sich umzubringen oder eine akute Krise haben. Weitere Behandlungen liegen im Ermessen der zuständigen Sozialämter.

Therapien speziell für Geflüchtete bieten in Bayern drei Beratungs- und Behandlungszentren an. Sie sind in München, Nürnberg und Neu-Ulm. Bei der letzten Anmeldung im Oktober bekam Refugio – das größte der drei Zentren – 236 Anfragen von Sozialdiensten, die ihrerseits bereits nur die schwersten Fälle auswählen. Gerade einmal 37 Menschen konnten die Mitarbeiter ein Erstgespräch anbieten. 25 werden nach derzeitigem Stand eine Therapie aufnehmen können. Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF) wirbt angesichts des enormen Bedarfs für eine bessere psychologische Betreuung Geflüchteter. Studien würden zeigen, dass rund 30 Prozent der geflüchteten Menschen an psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden.

Flüchtlingsrat übt Kritik

Bei Menschen, die durch ein Trauma sehr stark belastet sind, kann eine frühzeitige therapeutische Hilfe einer posttraumatischen Belastungsstörung vorbeugen. Durch die EU-Aufnahmerichtlinie ist Bayern schon seit Jahren rechtlich verpflichtet, Geflüchteten solche frühen Hilfen anzubieten. Ein ähnliches Angebot wie in München gibt es derzeit aber lediglich im Bezirk Unterfranken.

Der Bayerische Flüchtlingsrat übt vor diesem Hintergrund nun einmal mehr Kritik. „Wir fordern eine flächendeckende und systematische Früherkennung von allen vulnerablen Personen. Dazu gehören auch psychisch kranke Personen. Und wir fordern Behandlungsmöglichkeiten, wenn Vulnerabilität erkannt wird. Nur eine frühzeitige Diagnostik und angemessene psychiatrische und psychosoziale Versorgung können Attentaten wie diesem in Aschaffenburg vorbeugen“, sagt Jana Weidhaase, Sprecherin des Bayerischen Flüchtlingsrates. Die Unterbringung von psychisch kranken Personen in Flüchtlingsunterkünften sei ein großer Risikofaktor für Gewalttaten.

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Hintergrund:

Aktuelle Zahlen

  • Stadt Weiden: 2030 Flüchtlinge mit und ohne Anerkennung inklusive ukrainischer Kriegsflüchtlinge hielten sich laut Angaben der städtischen Pressestelle Ende Dezember 2024 in Weiden auf. Zum Vergleich: Ende September 2024 wurden 1949 gezählt. In diesen Zahlen seien auch diejenigen anerkannten Flüchtlinge enthalten, die schon länger in Deutschland leben und über einen unbefristeten Aufenthaltstitel verfügen.
  • Landkreis Neustadt/WN: Derzeit sind in den staatlich betreuten Unterkünften im Landkreis 1186 Personen untergebracht, wie die Pressestelle des Landratsamtes mitteilt. Wie viele Flüchtlinge bereits privat im Landkreis wohnen, könne man nicht beantworten, da diese nicht durch das Landratsamt betreut werden.
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