22.01.2021 - 19:29 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Trotz Risiko keine schnelle Impfung: "Ich gehöre zu den Vergessenen"

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Wegen des Impfbeginns verbinden viele das neue Jahr mit Hoffnung. Johannes Gollwitzer ist wenig hoffnungsvoll. Obwohl er Hochrisiko-Patient ist, wird er nicht so bald geimpft. "Ich gehöre zu den Vergessenen", sagt der Weidener.

Johannes Gollwitzer an seinem Computer- und Therapieplatz. Seit der Coronapandemie findet ein Großteil seines Alltags hier statt. Auf eine frühzeitige Impfung gegen das Virus wagt der Mukoviszidose-Patient derzeit nicht zu hoffen, obwohl er zur Hochrisikogruppe gehört.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

"Für mich ist das Jahr gelaufen.“ Das sagte Johannes Gollwitzer im März 2020 im Interview mit Oberpfalz-Medien. Der Weidener hat Mukoviszidose, eine seltene Stoffwechselerkrankung, die unter anderem seine Lunge und seinen Darm angreift. Der 36-Jährige hat deshalb eine 100-prozentige Behinderung. Eine Ansteckung mit Covid-19 wäre für ihn absolut lebensgefährlich. Deshalb fuhr er sein Sozialleben zu Beginn der Pandemie noch stärker als andere herunter. Und das gilt bis heute. Persönlichen Kontakt habe er nur zu seinen Eltern, seiner Freundin und einer weiteren Freundin, erzählt er. Andere in der Mukoviszidose-Community hätten sich komplett abgekapselt, auch von Familie und Freunden.

„Damit Risikogruppen wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, müssen eigentlich alle immunisiert sein – durch Impfung oder dadurch, dass sie das Virus schon besiegt haben. Ich kann mich erst immunisieren, wenn es einen Impfstoff gibt. Sonst bleibt es für mich besonders gefährlich“, erklärte er zu Beginn der Pandemie im Interview. Nun gibt es endlich Impfstoffe und Impfungen von besonders gefährdeten Menschen der höchsten Prioritätenstufe. Doch Johannes Gollwitzer – und viele weitere Menschen mit Behinderungen oder schweren Erkrankungen, die nicht in einem Heim leben – gehören nicht zu dieser Impfgruppe. Und ebenfalls nicht zur zweiten oder dritten. „Ich gehöre zu den Vergessenen“, sagt Gollwitzer. Wie kann das sein?

"Wie ein Mensch zweiter Klasse"

Weil Mukoviszidose in der Impf-Verordnung nicht wie beispielsweise die Lungenkrankheit COPD, Asthma, chronische Niereninsuffizienz oder Diabetes mellitus als Krankheit aufgelistet und Johannes Gollwitzer obendrein jung ist, wird er nicht hoch priorisiert. „Ich werde kategorisiert wie Otto Normal, in die letzte Gruppe. Und das geht eigentlich allen Menschen mit Behinderung so, die zu Hause ein selbstbestimmtes Leben führen. Für viele von ihnen wäre eine Infektion sofort lebensgefährlich.“ Besonders pikant: Käme es bei zu vielen Covid-Patienten für die vorhandenen Behandlungsplätze zu einer Triage-Entscheidung, bei der den Empfehlungen zufolge Patienten mit den besten Überlebenschancen zuerst behandelt werden, stünden Menschen mit Krankheiten wie Mukoviszidose unten auf dieser Prioritätenliste, weil sie wenige Überlebenschancen haben.

Zu Johannes Gollwitzers psychischer Gesundheit, die ihm zufolge durch die Isolation ohnehin angeschlagen ist, trägt das nicht gerade bei: „Man fühlt sich wie ein Mensch zweiter Klasse. Man versucht, sich einzureden, dass alles gut ist. Aber ich fühle mich jetzt manchmal noch nutzloser als sonst. Es ist sehr verletzend. Ich darf gar nicht so darüber nachdenken. Wir müssen unbedingt lauter werden und auf das Thema aufmerksam machen. Wir Betroffenen sind sauer und haben Angst, aber wenn die Öffentlichkeit nichts davon weiß, kann sich nichts ändern.“

Entscheidung im Einzelfall?

Eine kleine Änderung hat die Ständige Impfkommission nun vorgenommen. In der ersten Aktualisierung ihrer Impfempfehlung sind neuerdings Einzelfallentscheidungen bei Impfwilligen mit seltenen, schweren Vorerkrankungen mit hohem Risiko enthalten. Der impfende Arzt kann diese Menschen nun also selbstständig in eine höher priorisierte Gruppe einordnen. Mit einem Anspruch ist das aber nicht verbunden, und automatisch passiert dies auch nicht. Johannes Gollwitzer ist skeptisch. „Man muss überhaupt mal an einen Arzt gelangen, der weiß, was Mukoviszidose ist, der über die neue Möglichkeit der Einzelfallentscheidung Bescheid weiß und der sich traut, diese Entscheidung zu treffen.“

Johannes Gollwitzer im März 2020 - "Für mich ist das Jahr gelaufen"

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Wichtige Fragen und Antworten

  • Was ist Mukoviszidose? Eine seltene, unheilbare Stoffwechselerkrankung, bei der das Sekret der schleimbildenden Organe (Lunge, Bauchspeicheldrüse, Leber, Geschlechtsorgane, Darm) die Organe verstopft. Symptome: Husten, Lungenentzündungen, Untergewicht, Verdauungsprobleme. Die Lebenserwartung gilt als geringer als bei Gesunden.
  • Wie wird über Impf-Priorisierungen entschieden? Grundlage sind Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko). Basis dafür wiederum sind Evidenzen aus Studien zu Voraussetzungen für einen besonders schweren Covid-19-Verlauf (in denen Menschen mit seltenen Erkrankungen selten vorkommen) und das Nutzenprinzip: Wer muss als erstes geimpft werden, um das Gesundheitssystem zu entlasten? Das sind diejenigen, die es in großer Zahl belasten oder die beispielsweise in einem Heim leben, wo ein Ausbruch schnell weite Kreise zieht. Menschen mit seltenen Erkrankungen oder Behinderungen, die zu Hause leben, werden deshalb weniger hoch priorisiert.
  • Für wen sind Einzelfallentscheidungen möglich? Die Stiko empfiehlt neuerdings Einzelfallentscheidungen, weil in ihren Empfehlungen nicht alle Krankheitsbilder oder Impf-Indikationen berücksichtigt werden können. „Es obliegt den für die Impfung Verantwortlichen, Personen (...) in die jeweilige Priorisierungskategorie einzuordnen. Dies betrifft z. B. Personen mit seltenen, schweren Vorerkrankungen, für die bisher zwar keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz bezüglich des Verlaufes einer Covid-19-Erkrankung vorliegt, für die aber ein erhöhtes Risiko angenommen werden kann“, heißt es im Beschluss zur ersten Aktualisierung der Impfempfehlung. Ein Anspruch darauf besteht allerdings nicht. Es müsste daher jeder Betroffene einzeln dafür kämpfen.

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