23.04.2019 - 17:32 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Das ist unglücklich gelaufen"

Der Entschluss fiel spontan, deshalb verlief die Durchführung wohl auch etwas unglücklich. Das räumt Professor Ulrich Schubert selbst ein, angesprochen auf den Vorfall beim Osterkonzert. Er erhält dabei Schützenhilfe von verschiedenen Seiten.

Er habe versucht, den Ärger für alle Seiten gering zu halten, erklärt Professor Ulrich Schubert.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

"Ich habe Verständnis für das Dilemma, in dem sich Professor Schubert befand", erklärt dazu Veit Wagner, Grünen-Stadtrat und Mitorganisator der Kulturbühne Weiden. "Während seiner Rede war ständig ein Jammern zu hören. Da hat er gesagt, dass für die Rundfunkaufnahme dringend Ruhe nötig ist. Er hat sicher gedacht, das geht sonst daneben." Er habe sich gewundert, dass die Betreuerin der betroffenen Behindertengruppe nicht von sich aus mit dem Jugendlichen aus dem Saal gegangen ist, um ihn zu beruhigen, meint Wagner. Seine Vermutung: "Manche Konzertbesucher wussten offenbar nicht, dass der Bayerische Rundfunk für die Aufzeichnung tagelang sein Equipment aufgebaut hat." Und er gibt zu bedenken: Letztlich spiele die Internationale Junge Orchesterakademie (IJOA) ja für behinderte Kinder und für deren Integration.

Darauf verweist auch Geschäftsführer Johannes Häring von der Max-Reger-Halle. "Das ist unglücklich gelaufen", beurteilt er den Vorfall von Montagabend. Letztlich verfolge die IJOA genau das gegenteilige Ziel von dem, was Kritiker des Ereignisses vermuten würden. Sie unterstütze mit den Konzerten ja schwerkranke Kinder. "Offenbar war das mit der Rundfunkaufnahme nicht allen Besuchern so bekannt", vermutet Häring. "In den Vorjahren wurde oft nur am Karfreitag und Ostersamstag aufgezeichnet." Als die Aufzeichnung beginnen sollte, habe Professor Schubert etwas unternehmen müssen, um die nötige Ruhe herzustellen. "Das war eine Situationsentscheidung und sicher nicht geplant."

"Ich wusste, wenn ich nichts mache, geht das Ganze baden", schildert Schubert, Indendant der IJOA, dass er sich in Zugzwang fühlte. Während seiner Rede sei er ständig durch Geräusche gestört worden. Er erinnert an ein Ereignis am Ostermontag 2018. Damals sei die gleiche Gruppe von einem Blindeninstitut in Regensburg beim Osterkonzert der IJOA zu Gast gewesen und habe sich auch nicht ganz still verhalten. "Damals kamen viele Besucher nach dem Konzert zu mir und haben erklärt, sie wollten klassische Musik genießen und hätten sich gestört gefühlt." Das habe man den Betreuern damals gesagt und angeboten, die Gäste aus Regensburg könnten ein Konzert in Pleystein oder einem anderen Ort (ohne Rundfunkaufnahmen) besuchen. Den diesjährigen Betreuern sei das offenbar nicht bekannt gewesen.

Weiden in der Oberpfalz

Um die Situation zu retten, habe er sich spontan entschieden, den Betroffenen anzubieten, das Konzert backstage zu verfolgen. "Bei Wagners Tristan hört man einen Bleistift fallen. Da ist absolute Ruhe nötig." Bruckner dagegen sei deutlich lauter. Deshalb hätte ein Teil der Gruppe den zweiten Konzertteil wieder im Publikum verfolgt, der andere Teil dagegen auf der Bühne. "In der Pause saßen wir mit den Musikern zusammen. Da hat die Betreuerin aus Regensburg gesagt, sie wären nie an diesem Tag gekommen, wenn sie das mit der Aufnahme gewusst hätten. Sie fand toll, dass sie das Konzert backstage verfolgen konnten." Insgesamt seien über 30 Behinderte in diesem Konzert gewesen. "Das zeigt, dass das an und für sich kein Problem ist." Mit ihren Konzerten und der daraus entstehenden CD spiele die Internationale Junge Orchesterakademie alljährlich viel Geld für schwerkranke Kinder ein. Auch dieses Ziel habe er bei seiner Entscheidung im Blick gehabt.

"Es war vielleicht unglücklich, was Professor Schubert einleitend gesagt hat", meint OB Kurt Seggewiß, der ebenfalls im Konzert war. "Er hat die Situation in der Pause aber souverän gemeistert, und am Ende des Konzerts waren alle zufrieden."

Kommentar:

Sturm im Wasserglas

Natürlich ist es richtig, die Stimme zu erheben, wenn Behinderte diskriminiert werden. In diesem Fall handelt es sich aber wohl eher um einen Sturm im Wasserglas. Was ist geschehen? Intendant Ulrich Schubert bat eine Gruppe von Behinderten und deren Betreuer hinter die Bühne, um das Klassikkonzert von dort aus zu verfolgen, weil er eine Störung des Publikums und der Rundfunkaufnahme befürchtete. Die Betroffenen selbst haben das angeblich gelassen aufgenommen. Einige haben den Besuch backstage sogar sehr interessant gefunden, hört man. Die Betroffenen selbst waren am Dienstag wegen der Ferienzeit leider nicht erreichbar. Aber es ist ja bekannt, dass der Blick hinter die Kulissen viele Fans begeistert.
Dazu kommt: Die Internationale Junge Orchesterakademie unterstützt mit ihren Spenden regelmäßig schwerkranke und krebskranke Kinder, hat also kein Interesse an Diskriminierung – im Gegenteil. Noch einen Aspekt gilt es zu berücksichtigen: 2018 ging angeblich ein Betreuer des gleichen Instituts mit seinem Schützling nach dem ersten Satz aus dem Konzert, weil er erkannt hatte, dass der Jugendliche die Aufführung zu sehr stören würde. Die Reaktion der Veranstalter? Sie boten der Gruppe für 2019 den Besuch anderer Konzerte an, ohne Liveaufzeichnungen. Diese Information ist im Laufe des vergangenen Jahres offenbar verloren gegangen. Schade, denn sonst wäre allen Beteiligten viel Wirbel erspart geblieben.

Jutta Porsche

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