29.11.2020 - 10:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Verkehrsplaner in Weiden mit heikler Mission

Schon die Überschrift zeigt's: Die Stadt Weiden will nicht nur ein Verkehrs-, sondern ein Mobilitätskonzept erarbeiten. Alle Verkehre sollen dabei verbessert werden. Es geht den Autos ans Blech. Die Planer starten in eine heikler Mission.

Alles ein Lernprozess, der mit einem Bußgeld von bis zu 35 Euro beschleunigt wird, Obwohl verboten, parken im Sommer 2020 die Autofahrer in Kolonnenstärke auf dem breiten Mittelstreifen in der Dr.-Pfleger-Straße, der eigentlich als Fußgänger-"Querungshilfe" geschaffen wurde.
von Josef-Johann Wieder Kontakt Profil

Mann, das dauert. Verkehrsplaner Dr.-Ing. Ralf Huber-Erler macht seine ersten Erfahrungen mit den Weidener Ampelschaltungen, noch bevor er den Auftrag zur Erarbeitung des neuen Konzepts für den innerstädtischen Verkehr in der Tasche hat. Er berichtet beiläufig in der gemeinsamen Sitzung von Bau- und Hauptverwaltungsausschuss von den langen Ampelzeiten in der Stadt. Fast zwei Stunden lang stellt er seine Bestandserhebung sowie -analyse den Weidener Stadträten vor. Natürlich, es gibt viel zu tun. Aber er lobt die Weidener.

Es sei schon sehr viel geschehen, um die Verkehrsflüsse zu verbessern und die Verknüpfung der Verkehrsarten zu ermöglichen. Sein Auftrag, seine Mission: Das geht aber noch weiter. Der motorisierte Verkehr in der Innenstadt ist zu reduzieren, um die Kohlendioxidbelastung zu senken, attraktivere Stadträume zu gestalten und die Lebens- und Wohnqualität der Bürger steigern zu können.

Jeder Verkehrsplaner wisse, wie sehr Autofahrer am Auto hingen. Darum erwarte er bei seiner heiklen Mission "schwere Diskussionen". Als Geschäftsführer der "R+R Verkehrsplanung GmbH" (Darmstadt) habe er kein "fertiges Konzept", das er Weiden überstülpen wolle. Vielmehr seien alle Bürger aufgefordert, am Konzept mitzuarbeiten. Deshalb setze er auf eine starke Öffentlichkeitsbeteiligung. Die Präsentation von Grundlagen und Analyse ist mit Bürgerworkshop und Online-Beteiligung für Februar geplant.

Bürger sind gefordert

Im Mobilitätskonzept würden alle Verkehrsarten betrachtet, erläuterte Bau- und Planungsdezernent Oliver Seidel. Der Fokus liege auf dem Pkw ebenso wie bei den Angeboten für Radfahrer, Fußgänger sowie Stadtbus und Bahn. "Es ist alles zu hinterfragen. Am Ende soll die optimale Verknüpfung aller stehen." Große Erwartungen setze er in das Mobilitätsmodell, mit dem sich die Auswirkungen von Eingriffen in das Verkehrsgeschehen voraussagen ließen, etwa bei längeren Straßensperrungen oder der Neuordnung von Flächen. Dies ermögliche "ganz frühe, belastbare Antworten" auf die Frage, wie sich dabei das Mobilitätsgeschehen entwickle. Oberbürgermeister Jens Meyer appelliert an die Stadträte und Bürger, "neue Wege zu denken und zu gehen". "Darauf müssen wir uns alle einlassen."

Chancen zum Umsteigen steigern

Bereits im Frühjahr und Sommer 2019 erhob das R+T-Team um Christina Kugel, die das Projekt Weiden betreut, die "Rohdaten", zum Beispiel durch eine intensive Verkehrszählung. "Wir verstehen etwas von dem, was wir machen", unterstreicht Huber-Erler. Das Büro bestehe seit 40 Jahren, beschäftige 40 Mitarbeiter und habe etwa 1800 abgeschlossene Konzepte, darunter auch für Neumarkt und Regensburg, vorzuweisen.

"Wer auf das Auto angewiesen ist, soll es nutzen können. Alle anderen brauchen die Chance zum Umsteigen", erklärt er. "Wir müssen uns mit den Menschen beschäftigen. Mit ihrem veränderten Verhalten ändern sich die Anforderungen an die Verkehre und die nötige Infrastruktur." Auf einem Weg müsse die Nutzung aller Verkehrsarten möglich sein. Deshalb seien Bahn und Bus, Auto, Rad- und Fußwegbeziehungen zu betrachten.

Feines Austarieren

Als Zielgröße ist die Mobilität in der Stadt Weiden im Jahr 2035 angedacht. Und damit sind viele Unwägbarkeiten vorhanden. Wie entwickelt sich die Zahl der Einwohner, der Arbeitsplätze, der Pendler, und Schüler? Was sind die Energieträger im Verkehr, fahren Busse, Autos und Räder mit Strom? Wo sind Ladesäulen nötig und möglich? "Solche Projekte dauern eine Weile, stellt der Verkehrsexperte aus 30-jähriger Erfahrung fest. Durch "sanftes Schraubendrehen" sollen Entwicklungen in die gewünschten Bahnen, Autofahrer zu Nutzern alternativer Mobilitätsformen gelenkt werden, fordert Ralf Huber-Erler. "Wir müssen das fein austarieren."

Noch nicht angefasst sind die heißen Themen Totalsperre der Sedanstraße, Verlängerung der Südost-Tangente, Querung von der Max-Reger-Straße über Schillerstraße in den Wittgarten-Durchstich sowie die Neugestaltung der Frauenrichter Straße am "Beyer-Anwesen" mit Gaswerk-, Siechen- und Lerchenfeldstraße. Weder Stadt noch Verkehrsplaner wollen sich drücken, sondern sich in der "Vertiefungsphase" dieser besonderen Bereiche annehmen. Dabei gilt: "Weitere Verkehrsberuhigung im Stadtzentrum erfordert leistungsfähige Alternativen."

Hintergrund:

Verkehr in Weiden: Großes Lob und dennoch lange Mängelliste von Verkehrsplanern

  • Motorisierter Verkehr. Gute Abkopplung der Stadt durch die Autobahn vom Nord-Süd-Durchgangsverkehr. Problem in Ost-West-Richtung, weil Bundes- und Staatsstraßen durch die Stadt führen. Staus und Behinderungen: "hausgemacht". Gegenmaßnahme: "Straßenergänzungen" sollen Engstellen weiten.
  • Parken. 1600 Stellplätze rund um die Innenstadt im öffentlichen Raum, weitere 1826 in Tiefgaragen und Parkdecks. Problem: Sie sind "insgesamt alles andere als gut gefüllt". Zwei besonders kritische Stellen: Stadtteil Scheibe mit Parkplatzsuchverkehr und "insgesamt unbefriedigender Situation". Gegenmaßnahme: Ausweitung des Anwohner-Parkens, Fremdparker sollen in Parkierungsanlagen. Engpässe in der Bahnhofstraße. Maßnahme: Parkraumbewirtschaftung "weiter optimieren", Angebot von Park+Ride ausbauen.
  • Parkleitsystem. Urteil: "äußerst unbefriedigend", da nur "statisch". Besser: dynamisches Parkleitsystem, das anzeigt, wie viele Stellplätze wo noch frei sind.
  • Radwegenetz. Besonderes Lob für Weiden, aber Potenzial nach oben: Wegenetz besser als in vielen vergleichbaren Städten verwoben. "Da ist viel geschehen, viele Schutzstreifen." Alle wichtigen Punkte der Stadt können per Rad erreicht werden. "Die Stadt ist auf einen guten Weg." Problem: Lücken klaffen noch, Beschilderungen, Markierungen und Querungshilfen fehlen. Radler finden sich oft und schnell "wieder im Mischverkehr". Es fehle an sicheren Radabstellanlagen, etwa am Bahnhof.
  • Fußgänger. Insgesamt sehr gute Infrastruktur für Fußverkehr, viele vorbildliche Querungshilfen, Wege meist ausreichend breit. Problem: Wartezeiten an Ampeln häufig viel zu lang, Grünzeiten viel zu kurz. Gegenmaßnahmen: Steuerungszeiten werden laut Baudezernent aktuell überarbeitet. Lob für sehr gute Verbindung der Fußgängerzonenabschnitte. Barrierefreiheit im Straßenraum weit fortgeschritten. Problem: Engstellen und Hindernisse auf Fußwegen, zu geringe Aufstellflächen an Querungshilfen und noch fehlende Querungshilfen.
  • Stadtbus. Öffentlicher Personennahverkehr auf den Bedarf abgestimmt. Vorbildliche Informationstafeln an den Haltestellen. Problem: Einige Haltestellen weisen zu großen Einzugsbereich auf (über 300 Meter Laufweg). Aber: Haltestellen kaum barrierefrei, viele bieten weder Wetterschutz noch Sitzmöglichkeit. Mögliche Maßnahme: Eine höhere Frequenz in den Bussen könne auch durch angehobene Parkgebühren im Zentrum gefördert werden.
Die Verkehrsplaner Christina Kugel und Dr.-Ing. Ralf Huber-Erler bei der gemeinsamen Sitzung von Bau- und Hauptverwaltungsausschuss im Gustav-von-Schlör-Saal.

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Kalle Dobler

Die Situation in der Sedanstraße/Issy-Platz zeigt exemplarisch, dass manchmal zu umständlich gedacht wird. Aktuell kann man das eigentlich keinem Kind erklären, wann und wie man die Straße richtig queren kann, wann die Ampel gilt und wann nicht. Allein dieser Gedanke verbietet eigentlich die bestehende Lösung. Warum nicht eine einfache und logische Variante umsetzen? Tempo 30 im ganzen Abschnitt, die Ampeln weg. Auf Höhe C&A und Issy-Platz jeweils eine richtige Fußgängerinsel und ein Zebrastreifen, der Bürgersteig und Insel verbindet. Pflegeleicht, kostengünstig, von der StVO abgedeckt. Da brauche ich keine Sedanstraße mehr sperren, der Verkehr wird ausgebremst, die Sicherheit der Fußgänger erhöht.

29.11.2020