04.10.2018 - 18:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Zu viele Autofahrer mit Handy am Steuer

22 Autofahrern, die durch die Weigelstraße fahren, scheint ihr Handy wichtiger als ihre eigene Sicherheit zu sein. Während einer zweistündigen Beobachtung habe ich so einiges erlebt.

Die eine Hand am Steuer, die andere am Handy: Das kann teuer werden.
von Redaktion OnetzProfil

2200 Euro. So viel hätte die Weidener Polizei in kürzester Zeit am Donnerstagnachmittag eingenommen. Weshalb? Rund 22 Personen haben an diesem Tag zwischen 13.30 und 15.30 Uhr an der Weigelstraße ihr Handy während der Autofahrt benutzt. Ich habe mitgezählt.

Im ersten Halbjahr 2018 hat die Polizei in Bayern rund 38 000 Verkehrssünder mit einem Mobilgerät am Steuer erwischt. Zudem waren 2700 Radfahrer durch ihre Smartphones vom Verkehr abgelenkt. Das teilt das Bayerische Innenministerium mit.

Zu viele Fälle in der Region

Allein 227 Fälle trägt der Landkreis Neustadt/WN zu dieser Zahl bei, 32 der Raum Vohenstrauß und 320 Fälle Weiden - von Handys abgelenkte Fahrradfahrer sind hier mit eingeschlossen. "Und es gibt eine sehr hohe Dunkelziffer", sagt Thomas Wirth, Sachbearbeiter für Verkehr in der Polizeiinspektion Neustadt. Das Problem: "Nach aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen erhöht die Nutzung von Kommunikationsmitteln während der Fahrt das Unfallrisiko mindestens um das Vierfache", mahnt das Innenministerium.

Zurück zur Kreuzung Weigelstraße: Zwei Stunden lang beobachte ich das Verkehrstreiben dort. Die angekündigten verschärften Polizeikontrollen und die Bußgelderhöhung von 60 auf 100 Euro sind vielen Fahrern an diesem Tag egal. Es ist der berühmte Blick nach unten, der sofort deutlich macht, dass hier jemand seine Finger nicht vom Mobiltelefon lassen kann.

Dabei sind es aber nicht unbedingt immer die jungen Fahranfänger, die während der Fahrt einen Blick auf ihr Smartphone werfen. Während meiner Beobachtung sind von 22 Personen nur 7 Autofahrer dabei, die schätzungsweise zwischen 18 und 30 Jahren alt waren und ihr Mobiltelefon in der Hand hielten. Die restlichen 15 mit Handy-Griff sehen deutlich älter aus.

Schon beim Hinrollen an die rote Ampel wird die Brille gezückt, in der Tasche gekramt und hektisch nach dem Handy gesucht. Bereits rund zehn Meter vor der Ampel bleibt das Auto abrupt stehen. Die restlichen Verkehrsteilnehmer werden komplett ausgeblendet. Mancher Handy-Nutzer verschläft gar das Umschalten der Ampel. Es werden Textnachrichten geschrieben, der richtige Song gesucht oder gar telefoniert. Sowohl während des Hinfahrens an die Kreuzung als auch beim späteren Losfahren. Dazwischen wird kurz der Kopf gehoben, um einen prüfenden Blick zur Ampel zu werfen. Selbst wenn der eine oder andere ganz vorne an der Kreuzung warten muss, hat er keine Scheu, sein Handy zu nutzen. Ab und zu muss ich mir ein Lachen fast verkneifen. Dabei ist das Thema alles andere als lustig. Aber da ist dieses Mädchen, das in einem Cabrio sitzt. An der Ampel schießt es ein Selfie von sich. Eine weitere Dame hat ihre Kopfhörer im Ohr. Sie singt lautstark mit. Das Handy samt Playlist liegen griffbereit auf ihrem Schoß.

Keine Scheu vor Folgen

Ein Rollerfahrer steht ganz vorne an der Ampel. Kaum hat er das Moped abgestellt, holt er sein Handy aus der Hosentasche. Doch da schaltet die Ampel schon wieder auf Grün. Jetzt aber zackig. Nervös versucht er, sein Mobiltelefon wieder zu verstauen. Hinter ihn drängeln schon die Autos.

Statistisch belastbar sind meine Beobachtungen natürlich nicht. Aber eindrücklich. Ich bemerke, dass alle Fahrer, die zum Handy greifen, allein unterwegs sind. Ich vermute, dass sie auch allesamt sehr solvent sind. 100 Euro Bußgeld für einen Griff zum Mobiltelefon sind schließlich nicht ohne. Und was ich ganz sicher weiß, ist, dass sie alle viel Glück haben, nicht erwischt zu werden. Ansonsten wären das - ich wiederhole - 2200 Euro in zwei Stunden gewesen.

Info:

Das Handy liegt auf dem Beifahrersitz, es klemmt in der Mittelkonsole oder wird auf dem Oberschenkel balanciert – und das kostet bereits 100 Euro Bußgeld? Thomas Wirth, Sachbearbeiter für Verkehr in der Polizeiinspektion Neustadt, definiert den Handy-Verstoß so: „Sobald man das Handy in der Hand hält.“ Laut § 23 der StVO seien eine Freisprechanlage sowie die Nutzung der Vorlesefunktion erlaubt.

Zur Bedienung und Nutzung des elektronischen Geräts darf nur ein kurzer, den Straßen- und Wetterverhältnissen angepasster Blick zugewendet werden. Das klingt nach viel Interpretationsspielraum oder? „Es ist weniger erlaubt, als die meisten Autofahrer wissen“, sagt Johann Wurm, Polizeihauptkommissar der Polizeiinspektion Weiden. „Telefoniert werden darf nur über eine Freisprechanlage. Das Handy zu nutzen ist erlaubt, wenn der Motor bewusst ausgeschaltet wird. Bei einer Start-Stopp-Automatik darf das Mobiltelefon in keinster Weise verwendet werden!“ (pjaf)

Kommentar:

Handyfreie Zone

Wer hat sich noch nicht dabei ertappt: Das Handy liegt in der Mittelkonsole des Autos, eine Nachricht ploppt auf, und man verspürt diesen Drang, während der Fahrt einen Blick auf das Gerät zu werfen. Eine Versuchung, die böse enden kann.
Egal ob beruflich oder privat – unsere Gesellschaft ist geprägt von dem Druck, ständig erreichbar sein zu müssen oder zu wollen. Dass diese kurzen Augenblicke der Unaufmerksamkeit tödliche Folgen haben können, wurde uns unter anderem vor drei Jahren bewusst. Auf der Staatsstraße bei Waldau starb ein Traktorfahrer, nachdem ihm ein Auto ins Heck gekracht war. Dessen junger Fahrer schrieb gerade eine SMS.
Diese Gefährdung von Verkehrsteilnehmern und das Unfallrisiko sind absolut vermeidbar. Die eigene Sicherheit und die der Mitmenschen gehen vor. Doch meist scheint die Sucht nach dem Handy stärker.
Es wäre ein Anfang, sich bewusst auch mal eine handyfreie Zeit zu verordnen – vor allem während der Autofahrt. Um die Sucht statt der Sicherheit auszubremsen.

Jasmin Füchsl

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