Weiden in der Oberpfalz
30.05.2026 - 00:01 Uhr

Wackersdorf: Vom WAA-Konflikt zur wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte

Die geplante WAA in Wackersdorf spaltet die Oberpfalz der 1980er Jahre. Heftige Proteste prägen das Bild, ehe der Bau gestoppt wird. Heute blüht auf dem Gelände ein Industriepark mit BMW als größtem Arbeitgeber.

Info:

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie von Artikeln im Jubiläumsjahr von Oberpfalz-Medien. Viele davon sind in einer Beilage unserer Tageszeitungen am 30. Mai 2026 erschienen.

Drei Buchstaben prägen in den 1980er Jahren die Schlagzeilen: WAA. Der Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernbrennstäbe im Taxöldener Forst bei Wackersdorf (Landkreis Schwandorf) sollte fast ein Jahrzehnt lang die Oberpfalz in zwei Lager spalten. Die CSU-Staatsregierung unter Ministerpräsident Franz Josef Strauß will den Energiekonzernen unter Federführung der VEBA mit aller Macht den Weg zur Anlage ebnen. Mit dem massiven Widerstand in der Oberpfalz rechnet in München niemand. Die Sorge um radioaktive Belastung ihrer Heimat durch Abluft und Abwasser der Anlage aber treibt die Menschen um – und auf die Straße.

Wackersdorf rückt Anfang der 1980er Jahre in den Fokus. Wirtschaftlich brennt es zu dieser Zeit in der Region: Die Bayerische Braunkohleindustrie (BBI) steht vor dem Aus; die Arbeitslosenzahlen erreichen die 20-Prozent-Marke. Zieht das Arbeitsplatzargument für den Bau der WAA? Bei vielen nicht. Rund 150 Schwandorfer beschließen am 7. Oktober 1981 die Gründung einer Bürgerinitiative gegen die WAA. Viele weitere BIs sollten folgen. Landrat Hans Schuierer (SPD) wird zum erbitterten Gegner der Anlage, zum politischen Gesicht des Widerstands. Mit der Entscheidung der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) für den Standort Wackersdorf am 4. Februar 1985 nimmt der Widerstand neue Dimensionen an. Wenige Tages später demonstrieren 35.000 Menschen in Schwandorf gegen die WAA. Als sich Schuierer weigert, die Baugenehmigung für die WAA zu erteilen, beschließt die CSU im Landtag 1985 ein Selbsteintrittsrecht des Staates. Diese "Lex Schuierer" gilt noch heute.

Mit der Rodung im Taxöldener Forst nehmen die Massenproteste weiter Fahrt auf. Hüttendörfer werden unter massivem Polizeieinsatz geräumt. Am Ostermontag 1986 demonstrieren mehr als 100.000 Menschen am WAA-Gelände, es kommt zu Ausschreitungen am „Chaoteneck“. Die Polizei setzt am Bauzaun CS-Gas ein. Festnahmen, Anzeigen, Prozesse, Hausdurchsuchungen und Razzien auf Bauernhöfen, die Demonstranten beherbergen (sollen), gehören zur Szenerie. Wenige Tage nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl im April 1986 eskaliert an Pfingsten in Wackersdorf die Situation. Während zigtausende friedlich demonstrieren, suchen Autonome die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht. Hunderte Menschen auf beiden Seiten werden verletzt. Es vergeht kein Sonntag, an dem nicht tausende am WAA-Zaun demonstrieren. Das fünfte „Anti-WAAhnsinns-Festival“ in Burglengenfeld am 26. und 27. Juli 1986 mit weit über 100.000 Besuchern markiert einen weiteren Höhepunkt des Widerstands. BAP, Die Toten Hosen, Herbert Grönemeyer, Haindling, die Biermösl Blosn, Rio Reiser: Das damalige „Who’s Who“ der deutschen Rockmusikszene steht auf der Bühne. Der Bau der WAA läuft weiter, der Protest bleibt. Mit dem Tod von Franz Josef Strauß im Oktober 1988 verliert das Projekt seinen wohl wichtigsten politischen Unterstützer. Nur gut ein halbes Jahr später werden die Bauarbeiten am 31. Mai 1989 eingestellt. VEBA-Manager Rudolf von Bennigsen-Foerder verkündet den Ausstieg aus Wackersdorf, deutsche Brennstäbe sollen in Frankreich aufgearbeitet werden. Wackersdorf sei zu langwierig, zu teuer, heißt es. Bei einem spontanen Fest am Zaun knallen bei den WAA-Gegnern die Sektkorken.

Milliarden an WAA-Ausgleichsmitteln fließen danach in die Oberpfalz, schon bald kauft BMW einen großen Teil des Geländes im Taxöldener Forst, beginnt mit der Produktion. Das große "Wunder von Wackersdorf" lässt dennoch noch etwas auf sich warten. Der "BMW-Industriepark" wird 1998 zum "Innovationspark Wackersdorf". Der Autokonzern und viele Zulieferer schaffen die Grundlage für das, was Wackersdorf als Industriegemeinde heute ausmacht. Allein auf und um das ehemalige WAA-Gelände lassen sich rund 30 Firmen nieder, darunter neben BMW Sennebogen, Krones, Gerresheimer. Wackersdorf hat heute knapp 5500 Einwohner, und bietet knapp 5800 Arbeitsplätze. Ein weithin einmaliges Verhältnis. Größter Arbeitgeber ist BMW. Die Erinnerung an die Proteste wird wachgehalten - etwa im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg, bei Veranstaltungen, in Filmen, unzähligen Büchern, Artikeln, wissenschaftlichen Arbeiten.

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