23.10.2020 - 14:38 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Die „wahre Ortszeit“: Sonnenuhren ticken anders

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Wenn sich jemand auskennt mit der Zeit, dann Peter Paul Schön aus Altenstadt/WN. Der Gnomoniker ist Experte für Sonnenuhren. Er erklärt, warum diese am Sonntag nicht umgestellt werden können.

Die Sonnenuhr am Sonnenhaus in Altenstadt/WN (Kreis Neustadt/WN) hat einen Punkt als Zeiger.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Zur Sonnenuhr gibt es viele Sprüche. Einer heißt: Sie geht nicht vor, sie geht nicht nach, geht immer richtig Tag für Tag. Doch was ist, wenn die Uhr von Sommer- auf Winterzeit umgestellt wird, wie an diesem Sonntag (25. Oktober)?

„Die Uhrumstellung ist eine Erfindung der Menschen“, sagt Peter Paul Schön. Aber die Zeit wird nicht umgestellt. Schön nimmt sich Zeit – und holt aus: „Die Urmenschen und Tiere haben nur Tag und Nacht. Fertig.“ Erst die Ägypter haben den Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in Vormittag, Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht, und Nachmittag eingeteilt. Sie haben Obelisken aufgestellt und deren Schatten beobachtet – etwa 4000 vor Christus.

Die ersten Sonnenuhren haben die Römer erfunden. Zu Zeiten Cäsars etwa 50 vor Christus soll es drei in Rom gegeben haben, weiß Schön. Der Altenstädter beschäftigt sich in seiner Freizeit als Gnomoniker mit diesen Uhren, als einer von etwa 50 in Deutschland. Benannt ist die Wissenschaft nach dem Gnomon, dem Stab, der Schatten wirft und mit dem sich der Stand der Sonne ermitteln lässt. Die Erfindung der Römer hat sich bis heute gehalten. Schön hat etwa 20 Sonnenuhren in der Gegend berechnet und gebaut.

Peter Paul Schön vor der Sonnenuhr in der Türlgasse in Weiden. Als Gnomoniker beschäftigt sich Schön in seiner Freizeit mit Sonnenuhren.

Sonne sollte Pause bestimmen

„Wenn die Sonne am höchsten steht, ist der ,wahre Mittag‘ – und der ist nicht veränderbar. Egal, was die Armbanduhr sagt“, erklärt der 63-jährige Maschinenbaumeister. Daher sei es im Sommer, wenn die Uhr eine Stunde vorgestellt ist, nicht um 12 Uhr am heißesten, sondern um 13 Uhr. Schön empfiehlt etwa Dachdeckern, sich bei der Mittagspause nach der Sonne und nicht nach der Uhr zu richten.

Da hilft ein Blick auf die beiden Sonnenuhren am Bräuwirt in Weiden (Unterer Markt und Türlgasse. Sie zeigen die „wahre Ortszeit“ von Weiden an – „wahre Ortszeit“ ist ein wissenschaftlicher Begriff aus der Gnomonik. Ist es auf der Armbanduhr 12 Uhr, dauert es noch ein paar Minuten, bis es auch auf der Sonnenuhr so weit ist. Denn die mitteleuropäische Zeit, die in Deutschland als Richtmaß gilt, wird am 15. Längengrad Ost gemessen, etwa an der Grenze zu Polen.

Weiden liegt allerdings ungefähr auf dem 12. Längengrad Ost. Pro Grad benötigt die Sonne vier Minuten. „Wir sind immer zwölf Minuten hinter der mitteleuropäischen Zeit – theoretisch“, sagt Schön. Da aber die Erde nicht auf einem Kreis, sondern einer Ellipse die Sonne umrundet, muss ein Gnomoniker noch eine komplizierte Formel für die Zeitverzögerung hinzurechnen, die jeden Monat eine andere ist.

Eine weitere Besonderheit der von Schön konstruierten Uhren am Bräuwirt: Weil die beiden Uhren an verschiedenen Seiten des Gebäudes angebracht sind, kann sich der Betrachter vor- und nachmittags „die Zeit holen“. Scheint die Sonne nicht mehr auf die Uhr am Unteren Markt, tut sie es in der Türlgasse. Vorausgesetzt, es ist nicht bewölkt.

Die Sonnenuhr stammt noch aus der Klosterzeit Waldsassens und shmückt heute den Giebel eines Teils vom Finanzamt.

Besonderheit im Herbst

Wegen der Zeitverzögerung sind Ende Oktober, nach der Umstellung auf Winterzeit, und Ende November die „wahre Ortszeit“ in Weiden und die Zeit, die die Armbanduhren anzeigen, dieselbe. Im Februar ist der Unterschied am größten: Dann liegt eine halbe Stunde zwischen Armbanduhr und Sonnenuhr.

Schön richtet sich am liebsten nach letzterer. In seinem Garten habe er zehn Sonnenuhren, viele hat er selbst berechnet und konstruiert. Manchmal setzt er sich auf eine Bank. Dann „gönne ich mir einen Strich, eine echte, wahre, bewusste Stunde“. Der 63-Jährige schaut sich im Garten um, beobachtet Insekten und Pflanzen. „Da hat die Zeit noch einen richtigen Wert.“

Diesen Wert hat sie wohl verloren, als 1893 im Deutschen Reich eine einheitliche Zeit eingeführt wurde. Zuvor galt überall die „wahre Ortszeit“. Doch das vergleichsweise schnelle Verkehrsmittel Eisenbahn passt nicht zur Vielzahl der Ortszeiten. Unfälle geschahen, weil die Taschenuhr des Lokführers nicht mit dem Abfahrtsplan übereinstimmte. Eine Einheitszeit musste her: Die Politik bestimmte die mitteleuropäische Zeit per Reichsgesetz.

Info:

Sonnenuhren in der Region

In der Region soll es früher viele Sonnenuhren gegeben haben, weiß Peter Paul Schön. Es zog sich ein "Sonnenuhrengürtel bis nach Böhmen". Etliche gibt es noch, auch moderne Konstruktionen kamen hinzu. Einige Beispiele:

  • Weiden: Zwei Sonnenuhren gibt es am Bräuwirt (Unterer Markt und Türlgasse), eine in der Thermenwelt. Alle hat Schön berechnet und gebaut.
  • Altenstadt/WN: Zwei Sonnenuhren sind am Sonnenhaus (Kapuzinerstraße) angebracht.
  • Tirschenreuth: Die Uhr am Fischereimuseum "gibt mir Rätsel auf", sagt Schön. Optik und Gnomonik seien eben zwei verschiedene Künste. Eine weitere Uhr gibt es am Fischhof.
  • Waldsassen: Zwei Sonnenuhren sind am heutigen Finanzamt angebracht.
  • Amberg: Eine Sonnenuhr gibt es im Maltesergarten, eine weitere im Biergarten von Bruckmüller.
  • Regensburg: Zwei historische Sonnenuhren sind am Südpfeiler des Doms befestigt. Sie stammen von etwa 1500.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.