12.10.2018 - 17:50 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wanzen sind die Klimagewinner

Invasion oder Plage? In jedem Fall lästig ist das gehäufte Auftreten von Stinkwanzen in diesem Sommer und Herbst. "Wir werden uns daran gewöhnen müssen", sagt Experte Dr. Olaf Zimmermann aus Karlsruhe. Weitere Schädlinge werden folgen.

Der nächste Schädling steht vor der Tür: die Grüne Reiswanze (Nezara viridula). Sie saugt gerne an Tomaten, Himbeeren, Reis oder Soja und schädigt so ganze Ernten. Sie ist in den Tropen und im Mittelmeerraum verbreitet und wurde vermutlich in Obstkisten eingeschleppt.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Der Biologe erforscht am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) in Karlsruhe das Leben von Nützlingen wie auch Schädlingen. Er hat im Onetz von der "Invasion der Stinkwanzen" (www.onetz.de/2508937) in der Region gelesen und sich in der Redaktion gemeldet und gibt Entwarnung: Der Experte bestätigt, dass es sich bei den veröffentlichten Fotos nicht um die schädliche Marmorierte Baumwanze handelt, sondern um die heimische Graue Gartenwanze. "Es fehlen die fünf typischen hellen Flecken auf dem Rücken und die Streifen auf dem transparenten Flügelteil." Die beiden Wanzenarten würden gerne verwechselt, weiß der Biologe, der am LTZ Zoologische Diagnostik betreibt.

Er kennt sich aus mit Wanzen, vor allem mit der Marmorierten Baumwanze (Halymorpha halys). Diese invasive Art aus Asien kam über die Schweiz nach Deutschland und sorgte erstmals 2012 im Raum Konstanz am Bodensee bei den Obstbauern für massive Ernteschäden. Im Südwesten Deutschlands mittlerweile an verschiedenen Stellen gesichtet, tritt der Schädling in Bayern bisher nur punktuell auf, zum Beispiel in München. Die Oberpfalz hat "Halymorpha" bisher ausgelassen, vielleicht weil das Klima hier (noch) rau ist. Das könnte sich in Zukunft ändern, wie Zimmermann sagt. Mit dem Klimawandel werden manche Insektenarten künftig häufiger auftreten. "Wanzen und zum Beispiel auch Zikaden sind eindeutig Klimagewinner", sagt der Biologe.

Immer der Nase nach

Heuer hat sich besonders die Graue Gartenwanze in den Gärten der Region wohlgefühlt. Anders als ihre asiatische Verwandte ist "Rhaphigaster nebulosa" eine heimische Art und kein Schädling. Mit ihrem Rüssel sauge sie nur an Pflanzen. "Die Tiere sind halt lästig. Mal kommen mehr, mal weniger", sagt der Biologe. Dabei lieben sie markante und große Gebäude mit heller Wandfarbe. Offenbar mit ein Grund, warum die Tiere vermehrt an Kirchenfassaden sitzen. Dass beim Nachbarn unter Umständen mehr Wanzen auftreten, könne auch am sogenannten Versammlungshormon (Aggregatspheromon) liegen, das die Krabbler verströmen. Sie folgten sozusagen einem geheimen Code, weiß Zimmermann.

Während viele sich vor Wanzen ekeln würden, sei es für ihn als Biologe gerade eine spannende Zeit. "Das verstärkte Auftreten der Gartenwanze sensibilisiert die Bürger für das, was gerade in der Natur vor sich geht und forciert wiederum meine Forschungsarbeit. Die Welt der Insekten verändert sich." Immer mehr Arten drängten in den Norden Europas vor, begünstigt durch wärmere Winter.

So hat zum Beispiel auch die Grüne Reiswanze die Grenze zu Europa überschritten. Über den Seeweg oder in Kisten aus China eingeschleppt, saugt sie sich durch die Gemüsebeete oder Himbeersträucher in der Rheinebene. Gärtnermeister und Naturschützer Stefan Eisenbarth aus dem badischen Gernsbach hat jüngst ein Exemplar in den Tomaten gesichtet. "Die legen bis zu 100 Eier und vermehren sich rasant, vor allem wenn es warm ist", sagt er auf Nachfrage. Für den Karlsruher Biologen Olaf Zimmermann ist es "die schädlichste Wanzenart überhaupt". Auch er hat immer mehr mit ihr zu tun. Eine Bekämpfung sei schwierig. "Wird die Wanze frühzeitig entdeckt, dann könnte man sie direkt mit Gift bespritzen." Ein großflächiger Einsatz von Spritzmitteln sei jedoch problematisch. Im Gegenteil, die Gifte würden auch anderen Insekten schaden.

Kaum natürliche Feinde

In ihrer asiatischen Heimat hätten die Wanzen verschiedene natürliche Feinde, wie zum Beispiel Schlupfwespenarten, die die Eier der Wanzen parasitieren und so den Bestand von Marmorierter Baumwanze oder der Reiswanze erfolgreich reduzierten. In Europa seien bis jetzt nur wenige natürliche Feinde bekannt, die einen Befall aber nicht in ausreichendem Umfang eindämmen würden, sagt der Experte.

Im Fall der Gartenwanzen hofft der Biologe, dass der Spuk bald vorbei ist. Fallen die Temperaturen unter 9 Grad würden die erwachsenen Tiere ein Winterquartier suchen. Das können Felsspalten oder Baumhöhlen sein. Fehlten diese - zum Beispiel in Ballungsgebieten -, dann kriechen die Tiere gerne auch in Tür- und Fensterritzen oder Rolladenkästen. Fliegengitter vor den Fenstern oder die Wanzen in eine Tüte einsammeln und einfrieren seien giftlose Tipps, um ihnen Einhalt zu gebieten.

Wer sich nicht sicher ist, welche Wanzenart er bei sich zu Hause hat, kann sich gerne an das LTZ in Karlsruhe zur Bestimmung wenden. "Gemeinsam mit meinen bayerischen Kollegen von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft sind wir gerade dabei, die Ausbreitung der asiatischen Marmorierten Baumwanze zu erfassen und zu kartografieren", erklärt der Experte. Beobachtungen aus der Bevölkerung seien willkommen und hilfreich.

Lästig, aber harmlos: die heimische Graue Gartenwanze. Sie ernährt sich von Pflanzensaft.

Wanzenfunde melden:

Das LTZ Augustenberg in Karlsruhe erfasst gemeinsam mit dem Bayerischen Amt für Landwirtschaft (LfL) in Freising die Verbreitung der Marmorierten Baumwanze. Falls Sie eine Wanze entdecken, die der genannten Beschreibung entspricht, senden Sie ein Foto (wenn möglich die Wanze von oben und unten) unter Angabe des Fundortes per Mail an invaprotect[at]ltz.bwl[dot]de oder an ips[at]lfl.bayern[dot]de. Falls Sie unsicher sind, ob es sich um eine Marmorierte Baumwanze oder eine Graue Gartenwanze handelt, informieren Sie die Experten trotzdem.

Hier nochmal die wichtigsten Merkmale einer Marmorierten Baumwanze: Bis zu 5 helle Flecken auf dem Rücken, transparenter Flügelteil mit Streifen statt Punkten, Unterseite weiß-beige ohne Punkte. Weitere Infos unter: www.lfl.bayern.de oder www.ltz-augustenberg.de. (shl)

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