Update 24.02.2020 - 16:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wechselvolle Geschichte der jüdischen Gemeinde Weiden

250 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde heute. Dass das in Weiden einmal anders war, davon lässt sich der SPD-Ortsverein Stadtmitte bei einem Besuch in der Synagoge berichten.

Gemeindevorsitzender Leonid Shaulov gewehrt den Weidener Genossen einen Blick auf die drei Thorarollen im Gebetsraum der Synagoge.
von Helmut KunzProfil

„Pogrome gegen Juden ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte“, erklärte Werner Friedmann am Dienstagabend beim Besuch des SPD-Ortsvereins Stadtmitte in der Synagoge der jüdischen Gemeinde. Immer wenn es den Leuten wirtschaftlich schlecht ergangen sei, habe man Juden ermordet und vertrieben. „Juden waren Außenseiter. Jemand, der sich abgesondert hat, nicht zur Masse passte", sagte Friedmann.

„Auch Christen waren dafür verantwortlich, dass Juden nicht erwünscht waren.“ Und dies nicht nur in jüngster Vergangenheit. Friedmann blendete Jahrhunderte zurück. Juden hätten auch nicht überall in deutschen Städten wohnen dürfen. Ihnen wurden Gebiete zugewiesen. In Floß etwa 1760 der Judenberg. Weiden sei als als Wohnort nicht erlaubt gewesen. Ansiedlungen außerhalb des jüdischen Gebiets waren verboten.

Erst 1861 seien die Judengesetze aufgehoben worden. „Man erreichte Gleichstellung.“ 1863 wurde Weiden dann wirtschaftliches Zentrum und Juden durften zuziehen. Ihre Muttergemeinde sei aber nach wie vor Floß gewesen. 1889 habe man das Grundstück mit der Synagoge in der Ringstraße erworben. Seit 1900 sei die jüdische Gemeinde in Weiden eigenständig.

Friedmann erinnerte an die Reichspogromnacht, in der das Gebäude verwüstet und anschließend arisiert worden sei - als Teil einer Bonbonfabrik der angrenzenden Firma Landgraf. Erst 1947 sei die Synagoge auf Betreiben der Besatzungsmacht wieder in jüdische Hände gekommen. Aus dieser Zeit stammten auch die Wandmalereien im Gebetssaal. Die Gemeinde zählt heute 250 Mitglieder. Sie sei, so Friedmann, kulturelles, gesellschaftliches und religiöses Zentrum.

Gemeindevorsitzender Leonid Shaulov gestattete den SPD-Mitgliedern einen Blick auf die drei Thorarollen, die zwischen 110 und 130 Jahre alt sind. Die Originale hätten zwar im Dachgeschoss des Alten Rathauses versteckt werden können, befänden sich aber heute irgendwo auf der Welt. Niemand wisse wo. Thorarollen, die fünf Bücher Mose, dürften nur dann beim Wortgottesdienst verwendet werden. Sie müssen handschriftlich mit einer bestimmter Naturfarbe auf koscherem Papier verfasst sein.

Friedmann fühle sich als Oberpfälzer, sagte er abschließend. „Wir sind alle hier geboren und sind echte Weidener.“ Die Besucher wollten noch wissen, wie die jüdische Gemeinde zu „Stolpersteinen" stehe, wie sie in Regensburg im Gedenken an den Holocaust angelegt worden seien. Friedmann erklärte, dass die Jüdische Gemeinde Weiden Stolpersteine ablehne, da mit Füßen auf den Namen herumgetreten werde. Geeignetere Formen, um den Ermordeten zu gedenken, seien hier aber noch niemandem eingefallen. Stelen vor den Häusern ehemaliger jüdischer Mitbürger oder Erinnerungstafeln an den Hausfassaden anzubringen, scheiterten wohl daran, dass die Gebäude sich in Privatbesitz befänden.

Werner Friedmann skizziert die Geschichte der jüdischen Bevölkerung.
Hinweis zur Aktualisierung:

In einer ersten Version des Berichts waren Aussagen Werner Friedmanns so verkürzt, dass der falsche Eindruck entstand, die Jüdische Gemeinde Weiden befürworte die Stolpersteine. Das ist unzutreffend. Wie auch Dr. Sebastian Schott vom Stadtarchiv in einer Pressemitteilung feststellt, vertrete die Jüdische Gemeinde den Standpunkt von Charlotte Knobloch, Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern: Sie hält es für unerträglich, dass die Namen auf Tafeln stehen, auf denen herumgetreten werde. Beim Termin mit der SPD teilte Friedmann lediglich seine persönliche Meinung mit, wonach Stolpersteine möglicherweise „besser als nichts“ wären.

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