08.11.2020 - 16:07 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weiden: Pandemie bremst Erinnerung an den Nazi-Terror

Dieses Jahr gibt es am 9. November kein öffentliches Gedenken in der Adenauer-Anlage zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors, der mit den Novemberpogromen 1938 erst so richtig begann. Corona zwingt die Veranstalter zu einer besonderen Improvisation.

Der Gedenkstein in der Konrad-Adenauer-Anlage erinnert an die jüdischen Mitbürger aus Weiden, die den Nazi-Terror nicht überlebt haben, ist viele Jahrzehnte alt. Deshalb ist in der Inschrift „nur“ von 34 ermordeten Juden die Rede. 55 waren es in der schrecklichen Realität.
von Manfred Hartung Kontakt Profil

Als wäre der November nicht trist und grau genug, beherbergt dieser Monat auch einen der traurigsten Gedenktage: Die Erinnerung an die Novemberpogrome 1938, die den Auftakt bildeten für ein unglaubliches Leid für die jüdische Bevölkerung.

Auch in Weiden wird jeden 9. November am Gedenkstein in der Adenauer-Anlage unter der Regie der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit der Opfer der braunen Schreckensherrschaft gedacht.

Schlüssel zum Verständnis

Juden, katholische und evangelische Christen stehen einträchtig in Trauer nebeneinander und in der Hoffnung, dass sich so eine unvergleichliche Zeit des absoluten Schreckens nie mehr wiederholt. Das Erinnern und das Gedenken sind der Schlüssel zum Verständnis dessen, was durch das Grundgesetz seit 1949 umfassend garantiert wird.

In diesem Jahr ist alles anders. Wegen der Corona-Pandemie ist keine öffentliche Gedenkfeier möglich. Die christlich-jüdische Gesellschaft hat deshalb einen Flyer konzipiert und verschickt, der sozusagen ein "Gedenken to go" ermöglichen soll.

Das Papier enthält auch einen "Segen to go": "Gruß und Segen allen jungen Menschen in den Armeen dieser Welt - und nicht den Waffen, mit denen sie üben und wir uns reich verdienen in unserem Land. Gruß und Segen allen Dienern der großen Wirtschaftsbosse und Politiker - und nicht den Marterinstrumenten, zu denen sie greifen, wenn sie nicht mehr weiterwissen zu erhalten. Gruß und Segen allen Kindern dieser Welt - und nicht den Mach-tot-Computerspielen, mit denen sie abgespeist und ruhiggestellt werden sollen. Gruß und Segen den kleinen Leuten in aller Welt, die ihr Brot mit ihrer täglichen Arbeit verdienen - und nicht dem Konsum, zu dem sie von früh bis spät angehalten werden. Gruß und Segen uns allen, Christen, Juden und Muslimen und Menschen ohne Glaubensbekenntnis - und nicht denjenigen Dogmen, die um ihrer selbst willen gepflegt werden."

55 jüdische Opfer

Am Jahrzehnte alten Gedenkstein in der Konrad-Adenauer-Anlage neben der Josefskirche ist eine Inschrift angebracht, die von 34 jüdischen Weidener Opfern der Nazi-Herrschaft berichtet. Intensive Geschichtsforschungen haben die Liste auf 55 Namen wachsen lassen. Freilich ist jeder Name einer zu viel.

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten war die Zusammenkunft am Gedenkstein immer eine Dokumentation von unglaublich eindringlicher Kraft. Viele Weidener und Landkreisbürger nahmen teil. Aber heuer wird die Gedenkfeier nur in ganz, ganz kleinem Rahmen stattfinden mit Vertretern der einzelnen Konfessionen und Oberbürgermeister Jens Meyer - natürlich mit Sicherheitsabstand und Mund-Nase-Schutz.

Niemand soll Gefahr laufen, sich mit Covid-19 anzustecken. Sonst würde der November wirklich noch trister und grauer, als er ohnehin schon ist.

Jüdin in Weiden versteckt

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Die Namen der ermordeten Juden

55 Frauen und Männer jüdischen Glaubens aus Weiden überlebten den Nazi-Terror nicht. Sie wurden verschleppt und umgebracht. Ihre Namen werden jedes Jahr am 9. November bei einer Erinnerungsstunde zum Novemberpogrom 1938 am jüdischen Gedenkstein in der Adenauer-Anlage vorgelesen.

Es folgen die Namen der Toten, ihr Geburtsjahr, die damalige Wohnadresse und der Ort, an dem sie starben:

Adelheid Kohner (geb. Reiß), geboren 1885, wohnhaft in der Frauenrichter Straße 52, für tot erklärt, umgekommen in Majdanek (Polen)

Eduard Kohner, 1882, Frauenrichter Straße 52, ermordet in Dachau

Ernestine Kohner, 1872, Frauenrichter Straße 52, ermordet in Lublin (Polen)

Luise Kohner, 1922, Frauenrichter Straße 52, verschollen in Majdanek

Elise Adler (verh. Heimann), 1898, Innere Regensburger Straße (heute Dr.-Seeling-Straße 31, ermordet in Izbica (Polen)

Meier (ausgesprochen „Mehir“) Friedmann, 1872, Kirchenstraße (Kettelerstraße), ermordet in Theresienstadt (Tschechoslowakei)

Adolf Kohner, 1926, Kirchenstraße (Kettelerstraße) 3, ermordet in Majdanek

Elisabeth Kohner (geb. Fantl), 1857, Kirchenstraße (Kettelerstraße) 3, ermordet in Theresienstadt

Irma Kohner (geb. Pollak), 1900, Kirchenstraße (Kettelerstraße) 3, für tot erklärt, umgekommen in Majdanek)

Babette Leberecht (geb. Strauß), 1873, Kirchenstraße (Kettelerstraße) 3, ermordet in Treblinka

Johanna Boscowitz (geb. Oppenheimer), 1886, Maxstraße (Max-Reger-Str.) 18, ermordet in Izbica bei Lublin

Julius Joelsohn, 1867, Max-Reger-Straße (Bahnhofstr.) 33, ermordet in Treblinka

Mina Klein (geb. Kupfer), 1870, Max-Reger-Straße (Bahnhofstr.) 33, ermordet in Treblinka

Johanna Kohn, 1891, Maxstraße (Max-Reger-Str.) 11, ermordet in Kauen(Litauen)

Karl Kupfer, 1878, Max-Reger-Straße (Bahnhofstr.) 33, ermordet in Auschwitz

Moritz Kupfer, 1877, Max-Reger-Straße (Bahnhofstr.) 33, ermordet in Mauthausen (Österreich)

Otto Kupfer, 1873, Max-Reger-Straße (Bahnhofstr.) 33, ermordet in Theresienstadt

Robert Kupfer, 1883, Max-Reger-Straße (Bahnhofstr.) 33, verschollen in Riga

Gustav Rebitzer, 1870, Maxstraße (Max-Reger-Str.) 18, ermordet in Theresienstadt

Klara Thomé (geb. Illfelder) 1882, Max-Reger-Straße (Bahnhofstr.) 11, ermordet in Auschwitz

Erna Wilmersdörfer (geb. Eichenbronner), 1902, Maxstraße (Max-Reger-Str.) 13, ermordet in Theresienstadt

Selma Wilmersdörfer (geb. Marx), 1880, Maxstraße (Max-Reger-Str.) 13, verschollen (unbekannter Deportationsort)

Walter Wilmersdörfer, 1909, Maxstraße (Max-Reger-Str.) 13, verschollen in Piaski (Polen)

Luise Sterzelbach (verh. Maienthau), 1883, Maxstraße 2 1, ermordet in Auschwitz

Hilda Lamm (geb. Loewy), 1885, Moltkestraße 8, ermordet in einem KZ in Polen)

Josef Lamm, 1885, Moltkestraße 8, ermordet in einem KZ in Polen (deportiert nach Krasnystaw)

Edith Loewy, 1904, Moltkestraße 8, ermordet in Piaski

Hedwig Bloch (geb. Bäuml), 1883, Naabstraße 8, verschollen im Osten (deportiert nach Theresienstadt)

Emma Hutzler (geb. Schön) 1870, Obere Bachgasse 8, ermordet in Izbica bei Lublin

Selma Hutzler (geb. Landecker, 1901, Obere Bachgasse 8, ermordet in Piaski

Betty Kahn, 1928, Obere Bachgasse 8, verschollen in Izbica

Hannelore Kahn, 1929, Obere Bachgasse 8, verschollen in Izbica

Theresia Kahn (geb. Hutzler), 1904, Obere Bachgasse 8, verschollen in Izbica

Alfred Steiner, 1889, Pfannenstielgasse 8, ermordet in Tarnopol (Ukraine)

Irma Steiner (verh. Spitz), 1912, Pfannenstielgasse 8, ermordet in Maly Trostinec (Weißrussland)

Wally Steiner, 1888, Pfannenstielgasse 8, ermordet in Baranovice, Tschechoslowakei)

Emma Bloch (verh. Grünebaum), 1870, Sedanstraße 2, ermordet in Theresienstadt

Frieda Bloch (verh. Katzenstein), 1871, Sedanstraße 2, ermordet in Theresienstadt

Josef Engelmann, 1874, Sedanstraße 20, ermordet in Theresienstadt

Otto Hausmann, 1891 , Sedanstraße 20, ermordet in Trawniki (bei Lublin)

Hermann Hausmann, 1925, Sedanstraße 2, für tot erklärt (Majdanek)

Rosa Hausmann (geb. Plaut), 1901, Sedanstraße 20, für tot erklärt (Zamosc bei Lublin)

Wilhelm Hausmann , 1927, Sedanstraße 20, für tot erklärt (Zamosc)

Karl Kohner, 1875, Sedanstraße 8, ermordet in Theresienstadt

Rosa Kohner (geb. Lisberger), 1880, Sedanstraße 8, ermordet in Auschwitz

Siegfried Kohner, 1909, Sedanstraße 8, ermordet in Majdanek (Polen)

Edgar Gutmann, 1884, Türlgasse 2, verschollen in Piaski (Polen)

Lina Gutmann, (geb. Steinberger), 1876, Türlgasse 2, ermordet in Piaski

Paulina Steinhart (geb. Wassermann), 1884, Unterer Markt 17, ermordet in Trawnicki

Walter Steinhart, 1880, Unterer Markt 17, ermordet in Auschwitz

Ludwig Bloch, 1882, Untere Vorstadt, (Ringstr.), ermordet in Kauen

Friedrich Friedmann, 1912, Wörthstraße 4, ermordet in der Tötungungsanstalt Hartheim bei Linz

Max Goldschmidt, 1876, Wörthstr. 12, deportiert nach Riga

Regine Goldschmidt (geb. Baum), 1876, Wörthstr. 12, deportiert nach Riga

Hermann Fuld , 1874, Wörthstraße 14, ermordet in Dachau

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