16.08.2019 - 19:17 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Hier in Weiden ist es wie im Paradies"

Ersan Uzman kam vor 53 Jahren aus Istanbul nach Weiden. Es war ein Kulturschock. In unserer Rubrik "Zugroast" erzählt er, dass anfangs nur geweint hat. Nun ist er extrem glücklich, in der Oberpfalz zu leben.

Ersan Uzmann kam vor 53 Jahren aus der Türkei in die Oberpfalz.
von Julian Trager Kontakt Profil

Die Anfangszeit war hart, er wollte unbedingt wieder nach Hause. Aber die Eltern ließen ihn nicht – und darüber ist Ersan Uzmann heute sehr glücklich. Vor 53 Jahren kam er als Gastarbeiter aus Istanbul nach Weiden. Die ersten Jahre arbeitete der heutige Rentner bei Seltmann, später war er als Ofenmaurer in ganz Europa unterwegs. Nebenbei ist er Taxi gefahren, was er immer noch aushilfsweise macht. Für den 70-Jährigen ist die Oberpfalz ein Glücksfall, erzählt er.

ONETZ: Der Oberpfälzer ist ein Grantler und Sturkopf. Stimmt’s?

Ersan Uzmann: Die Oberpfälzer werden spät warm, aber dann richtig. Sie sind skeptisch und vorsichtig gegenüber Fremden, aber nicht feindlich. Wenn sie sich aber sicher sind, dass einer passt, dann passt’s. Dann bist du einer von ihnen.

ONETZ: Mit welchen Vorurteilen und Erwartungen sind Sie in die Oberpfalz gekommen? Und wie lautet jetzt Ihr Fazit?

Wie ich von Istanbul aufgebrochen bin, dachte ich Deutschland ist das Land, wo Milch und Honig fließt. Dabei war es noch in der Entwicklungsphase. In der Weidener Altstadt gab’s damals noch Plumpsklos. Wir mussten in einem Fass im Keller waschen, es gab keine Duschen. Da war ich als Istanbuler ein bisschen schockiert. Istanbul war damals schon eine moderne Stadt, dort hatten wir schon Duschen in der Wohnung. Von der Oberpfalz wusste ich überhaupt nichts. Jetzt habe ich sechs Kinder und zehn Enkel, ein Haus – ich lebe hier wie im Paradies. Ich liebe Weiden. Ich genieße die Freiheit und diese Demokratie. Viele Deutsche wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht. Bist du einen Meter außerhalb Deutschlands, schaut das ganz anders aus, im negativen Sinne.

ONETZ: Spielen Sie oft mit dem Gedanken, in Ihre alte Heimat zurückzukehren? Wie oft fahren Sie tatsächlich zurück?

Ich habe mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft, die Türkei ist mir ein bisschen fremd geworden. Nach Istanbul fahre ich jedes Jahr zweimal, um Schwester, Cousins und Cousinen zu besuchen. Aber ich habe auch hier meine Familie, meine Umgebung, in Weiden kennt mich jeder. Ich habe zwei Heimaten. Am Anfang wollte ich aber schon zurück. Ich habe jeden Tag geweint, ein halbes Jahr lang.

ONETZ: Was erzählen Sie dort von Ihrer neuen Heimat? Was würden Sie Ihren Verwandten oder Freunden zuerst zeigen, wenn die zu Besuch in die Oberpfalz kommen?

Ich erkläre, dass die Oberpfalz sehr grün ist, das ist sehr wichtig. Man muss hier nur 20 Minuten laufen, schon ist man im Wald. Die Luft ist sauber, gerade im Verhältnis zu einer Großstadt wie Istanbul. Die Hitze hier in letzter Zeit hat mich sogar ein bisschen schockiert, ich habe mich ja schon ans Klima in der Oberpfalz gewohnt. Ich habe da gesagt, dass ich meine Jacke wieder haben will. Meine Schwester kommt fast jedes zweite Jahr nach Weiden. Wir schauen uns die historische Altstadt an. Das Alte Rathaus ist ein Phänomen. Mich interessiert die Geschichte Weidens und der Oberpfalz sehr, auch die Traditionen wie Burschenvereine.

ONETZ: Verstehen Sie Ihre Oberpfälzer Kollegen, wenn Sie mit ihnen nach Feierabend ein Bier trinken?

Der Dialekt war für mich immer die deutsche Sprache. Ich habe ziemlich schnell Deutsch gelernt, nach drei Monaten in Weiden habe ich genauso gesprochen wie jetzt. Ich habe überhaupt keine Probleme, die Menschen hier zu verstehen.

ONETZ: Fühlen Sie sich bereits als Oberpfälzer?

Ich fühle mich als echter Weidener. In meinem Herzen bin ich aber zur Hälfte auch Istanbuler. Aber: Wenn ich vier, fünf Wochen Urlaub in der Türkei mache, bekomme ich Sehnsucht nach Weiden.

Serie "Zugroast":

In der Kolumne „Zugroast“ stellen wir jede Woche Menschen vor, die aus Hamburg, dem Ruhrpott oder Kasachstan in die Oberpfalz gezogen sind – und hier eine neue Heimat gefunden haben.

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