24.05.2019 - 18:36 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener OP-Schwestern in Indien

Martina Scheitinger-Heindl und Eveline Weiß arbeiten als OP-Schwestern im Weidener Klinikum. Die beiden Frauen haben einen Traum. Deshalb machen sie sich 2018 auf nach Indien.

von Redaktion ONETZProfil

Die Weidenerin Weiß und ihre Kollegin aus Friedenfels (Kreis Tirschenreuth) tauschten die sterilen Operationssäle des Klinikums für zwei Wochen gegen veraltete Technik in gewöhnungsbedürftigen Behandlungsräumen im „Jeevan Jyoti Hospital“ in Meghnagar in Indien. „Man muss sich das vorstellen wie vor 100 Jahren. Wie wenn man in einen Kuhstall kommt, nur dass darin operiert wird“, sagt Scheitinger-Heindl.

Schon immer sei es ein Wunsch der beiden Oberpfälzerinnen gewesen, in einem Entwicklungsland zu arbeiten. „Ich wollte immer nach Afrika. Aber dann kam Indien“, sagt Eveline Weiß. „Die Anfrage des Vereins ‚Pro Interplast‘ ging an den Chef der Anästhesie. Innerlich haben wir uns sofort dafür entschieden“, erzählt Martina Scheitinger-Heindl. Zuvor musste allerdings erst alles abgeklärt werden, vor allem mit dem Arbeitgeber. Die Frauen nahmen Urlaub.

Erholung war die Reise nach Indien im November 2018 nicht. Die Anreise dauerte zwei Tage. In München ging es los: 11 Personen, 11 Koffer und 25 Kisten. „Acht Kilo Eigengepäck durften wir mitnehmen. Der Rest war für Instrumente, Verbandszeug und Medikamente reserviert“, erzählt Scheitinger-Heindl. Neun weitere Teilnehmer aus Schwandorf und Regensburg flogen mit den Frauen in die Vereinigten Arabischen Emirate: zwei OP- und zwei Anästhesie-Schwestern sowie drei Anästhesistinnen, eine plastische Chirurgin und ein Orthopäde.

Nach einem kurzen Aufenthalt ging es weiter nach Delhi. Auschecken. Übernachten. Einchecken. 11 Personen, 11 Koffer und 25 Kisten. Dann sollten die Frauen mit dem Inlandsflug nach Indore weiter. „Beim Einchecken wurden Evi und ich angehalten. Alle anderen waren schon auf dem Weg ins Flugzeug. Ein suspektes Gepäckstück war auf Evelines Namen gebucht.“ Während die Polizei Weiß in den Untergrund des Flughafens von Delhi führte, wurde Scheitinger-Heindl von einem Schwerbewaffneten bewacht. „Ich wusste selbst nicht, was in der Kiste war. Wir hatten alles mögliche dabei“, erinnert sich Eveline Weiß. Am Ende entpuppte sich der verdächtige Gegenstand als Blutzuckermessgerät. „Sowas kannten die gar nicht.“

Weiter nach Indore. Auschecken. Einladen. 11 Personen, 11 Koffer und 25 Kisten. Vier Stunden lang rumpelte der Bus über unwegsame Straßen mit Linksverkehr, Kühen und Ziegen. Bis sie endlich den Zielort Meghnagar erreichten. „Dort wurden wir herzlich empfangen. Die Einheimischen haben sich richtig verausgabt“, erinnert sich Martina Scheitinger-Heindl. Mit Musik und einem Trommelzug führten sie die Freiwilligen durch die Straßen. Menschen standen am Wegesrand und haben ihnen zugewunken, umhüllt vom Geruch der Räucherstäbchen, mit Ketten aus echten Blumen um den Hals. „Wir haben einen Turban und ein Bindi, einen Punkt, auf die Stirn bekommen. Es gab Essen und Trinken.“

Die Ehrenamtlichen aus Deutschland waren im Bischofshaus der Steyrer Missionare untergebracht. „Die Unterkunft war sehr spartanisch“, meint Eveline Weiß. Im Zimmer, das sich die beiden Oberpfälzerinnen teilten, standen zwei Metallbetten mit Mückennetz, ein Stuhl, ein Tisch. Es gab eine gemauerte Badnische. „Die Mauer ging nicht bis zur Decke. Wir hatten quasi keine Privatsphäre.“ Die Dusche war ein Wasserhahn an der Wand. Warmwasser? Fehlanzeige. „Mein erster Blick beim Betreten des Zimmers ging an die Wand. Da saß ein Gecko“, sagt Weiß. „Der hat uns beschützt. Aber der hat schon gemerkt, dass die Evi ihn nicht so mag.“, bestätigt Scheitinger-Heindl. „Es war gut, dass wir zu zweit waren. Ich glaube, alleine hätte ich mich nicht getraut“, erzählt Weiß.

Bis an die eigenen Grenzen

Die Arbeitstage waren lang: 7 Uhr Aufstehen. 8 Uhr Frühstück. 8.30 Uhr Arbeitsbeginn. 12 Stunden operieren. 10 Tage durchgehend. Ohne Wochenende. Knapp 120 Patienten. „Wir haben speziell Klumpfüße behandelt, angeborene Fehlstellungen. Da waren Kinder, die konnten nur auf allen Vieren laufen. Es gab zudem viele Patienten mit Kinderlähmung. Es haben nicht alle Zugang zu Impfungen“, weiß Eveline Weiß. „Schlimm waren die Verbrennungsopfer. Frauen und Kinder, die mit heißem Wasser verbrüht wurden oder Verletzung durch den falschen Umgang mit Feuerwerkskörper erlitten haben.“

Diese Erfahrungen trieben Eveline Weiß und Martina Scheitinger-Heindl an ihre Grenzen: physisch und psychisch. „Besonders beeindruckt hat mich ein junger Mann mit einer Sehnenverkürzung. Nach der Operation konnte er wieder laufen“, sagt Scheitinger-Heindl. „Es war so schön zu sehen, wie die Patienten nach der Operation einfach mal wieder ihren Kopf berühren, den Mund schließen oder ihr Kind auf den Arm nehmen konnten.“ „Jeder Fall war besonders“, erzählt Martina Scheitinger-Heindl. „Die hohe Anerkennung und die Dankbarkeit der Menschen. Das ist Lohn genug.“

Oft mussten sie improvisieren. „Wir hatten ja nicht alles dabei“, sagt Weiß. Trotzdem ging alles gut. „Die Operateure waren hervorragend. Das Team muss passen. Es kommt auf die Stärke eines jeden Einzelnen an.“

Ganz andere Umstände

„Im OP darf man gar keinen Vergleich zu Deutschland ziehen“, erzählt Scheitinger-Heindl. „Wir haben Sachen vorgefunden, die sind gar nicht mehr tragbar. Dort bedämpfen sie die Räume mit Formalin zur Sterilisation. Das ist hoch gesundheitsschädlich.“ Als Zustände „wie vor 100 Jahren“ beschreibt Weiß die Situation. „Einmal ist dem Operateur die Lampe fast auf den Kopf gefallen.“

Auch Reste, die in Deutschland weggeworfen worden wären, wurden wieder aus dem Müll geholt. „Schläuche, Fäden, Einmalspritzen und Handschuhe wurde wieder abgewaschen. Blutige Bauchtücher haben sie wieder ausgekocht.“ Für die Oberpfälzerinnen unvorstellbar. „Wenn mal ein Unfall passiert, dann kommt nicht einfach der Hubschrauber. Es wird einfach zugesehen, weil man keine Möglichkeit hat zu helfen.“ Eine richtige Krankenversicherung gibt es nicht. Wer Geld hat, kann sich einen Arzt leisten. Die meisten haben nicht genug. „In anderen Teilen Indiens ist das nicht so. Dort gibt es High-Tech-Kliniken und tolle Operateure. Wir haben Kollegen, die zum Lernen dorthin fahren“, weiß Scheitinger-Heindl.

Auch in diesem Jahr geht es wieder nach Indien. Die beiden Oberpfälzerinnen freuen sich auf Meghnagar. „Wir wollen ja wissen, was aus den Patienten geworden ist. Viele warten noch auf eine Anschluss-OP“, begründet Weiß die Entscheidung.

„Die Erfahrungen haben uns geerdet. Wenn jetzt jemand ankommt und sich wegen Kleinigkeiten aufregt wie zum Beispiel ‚Mein Auto ist zu klein‘ oder ‚Mir gefällt der Vorhang nicht mehr‘, das kann ich gar nicht mehr verstehen. Das sind Probleme, die nicht mehr relevant sind“, sagt Scheitinger-Heindl. „Obwohl die Menschen dort arm sind, sind sie reicher, als die Reichen bei uns. Eine Schwester hat mal zu uns gesagt: Wir sind arm, aber reich im Herzen.“

So können Sie helfen:

Die Organisation

Finanziell unterstützt wurde das Projekt von "pro Interplast Seligenstadt". Der Verein zur Förderung medizinischer und sozialer Hilfe in Entwicklungsländern organisiert Ärzteteams, die in Entwicklungsländern Patienten, die sonst keine Chance auf medizinische Hilfe hätten, kostenlos operieren. Durch Spenden und Zuweisungen von Bußgeldern durch Gerichte und Staatsanwaltschaften können Flüge, Medikamente und medizinische Hilfsmittel finanziert werden.

Spendenkonto: Pro Interplast Seligenstadt; Volksbank Seligenstadt e.G.; IBAN: DE24 5069 2100 0000 2802 08; BIC: GENODE51SEL (für eine Spendenbescheinigung die Adresse angeben)

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