28.10.2020 - 01:55 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Zügig zu Innovationen

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Die Bahn fährt immer, lautet eine alte Weisheit. Doch während des Lockdowns wurde die Zahl der Verbindungen reduziert. Eisenbahn-Betreiber waren verunsichert und sparten. Die Folgen waren auch in Weiden zu spüren.

Ein Triebwagen vom Typ RS1 in den Hallen der OWS.
von Alexander Rädle Kontakt Profil

Als sich die Corona-Pandemie im Februar und März über den Globus verbreitete, war man bei der "OWS - Service für Schienenfahrzeuge GmbH" mit ihren 116 Beschäftigten noch ganz zuversichtlich. "Züge werden immer fahren", erinnert sich Dr. Ulrich Rütten, Geschäftsführer der OWS, an seine Einschätzung damals. Und weil Züge immer fahren, stehen auch immer Wartungen, Reparaturen und Revisionen an Lokomotiven, Triebwagen und Waggons an. "Daran kommen Unternehmen nicht vorbei." Das schon alleine deshalb, weil die Eisenbahn-Betriebsordnung Revisionen vorschreibt. Zügen müssen wie Autos regelmäßig zur Hauptuntersuchung.

Ein gutes halbes Jahr später stellt Rütten fest: "Corona ist an uns nicht spurlos vorübergegangen." Im April hatte OWS Rückgänge bei Aufträgen und Umsatz verbucht. "Die Eisenbahn-Verkehrsunternehmen schoben alles, was nicht unbedingt nötig ist, nach hinten", sagt Rütten. "Wir haben dann sehr schnell reagiert." Die OWS bekam Unterstützung von der Konzernmutter, der Knape-Gruppe, aber auch von stattlicher Seite. Die Corona-Konjunkturhilfen hätten auf der "Cash-Seite" geholfen.

Auch das Mittel der Kurzarbeit habe die OWS in Anspruch genommen - mit Erfolg. Rütten: "Wir werden Corona-bedingt keine Arbeitsplätze abbauen müssen." In den Normalbetrieb ist die OWS unterdessen etwas schneller zurückgekehrt als geplant: "Seit August sind alle gewerblichen Mitarbeiter wieder an Bord. Wir brauchen alle Leute." Eigentlich hatte man damit erst für den Herbst gerechnet.

Unter den Top Zwei

Wie sieht die OWS ihre Zukunft? "Wir werden die Corona-Krise zwar mit Schrammen, aber ohne bleibende Verletzungen hinbringen", ist sich Rütten sicher. In die Ausbildung der 12 Lehrlinge fließe genauso Geld wie in die Infrastruktur, etwa die Schienenanlagen. "Daran möchten wir zuletzt sparen." Allein die Investitionen in die technischen Anlagen belaufen sich auf einen mittleren sechsstelligen Euro-Betrag. "Wir haben den Willen zur Zukunftsfähigkeit. Und wir haben ein gutes Standing bei den Kunden", betont Rütten.

Die Kunden - das sind vor allem kleinere, private Eisenbahnunternehmen, für die eine eigene schwere Wartungstechnik mangels Volumen unwirtschaftlich wäre. Ein Beispiel dafür ist "Agilis". Die Eisenbahngesellschaft ist mit ihren markanten Dieseltriebwagen vom Typ RegioShuttle RS1 unter anderem zwischen Weiden und Bayreuth unterwegs. Fast 500 Exemplare des RS1 rollen auf Deutschlands Schienen. Viele kommen regelmäßig in die OWS-Hallen. "Bei der Wartung von ein- und zweiteiligen Dieseltriebzügen sind wir unter den Top Zwei in Deutschland. Das wollen wir ausbauen", sagt Rütten.

Gleichzeitig ist diese Fokussierung aber auch eine Herausforderung: Nicht nur, dass die Hälfte der Flotte der OWS-Kunden in den kommenden fünf Jahren ausgemustert wird. Derzeit vollzieht sich im Schienenverkehr auch ein massiver Strukturwandel in Richtung ökologischer und betriebswirtschaftlich optimierter Lösungen. "Diese sind in der Regel elektrisch", wie Rütten betont. Beim Abschied vom Diesel werde es zwei Lösungen geben. "Die Elektrifizierung von Strecken und der Einsatz von Nicht-Verbrennern."

Egal, ob nun auf einer Strecke der teure Fahrdraht gespannt wird, oder ob Hybrid-Fahrzeuge (beispielsweise mit Batterie- oder Wasserstoff-Betrieb) zum Einsatz kommen - die OWS stellt sich darauf ein. "Wir werden diesen Wandel begleiten können." Die Unternehmensführung verwendet einen Gutteil ihrer Zeit darauf, Investitionsströme zu lenken und parallel zum laufenden Betrieb den Wechsel einzuleiten. Konkret bedeutet das zum Beispiel: Die OWS bildet vermehrt im Bereich Mechatronik und Informatik aus. In Zügen finde sich immer mehr Elektrik, während der Anteil der mechanischen Arbeiten eher sinke.

Neue Geschäftsmodelle

Ein Dieseltriebwagen vom Typ RegioShuttle in den Hallen der Weidener OWS. Das Werk hat sich auf die Wartung von Regionaltriebwagen spezialisiert.

Neue Möglichkeiten der Vernetzung und Telematik eröffnen neue Geschäftsmodelle, etwa die zustandsorientierte Instandhaltung. Sensoren in Zügen überwachen laufend die Funktion bestimmter Bauteile und senden digital Statusmeldungen an die OWS-Werkstatt. Stimmen dann zum Beispiel Ist- nicht mit Soll-Werten überein, kann sofort eine Analyse beginnen.

Auf diese Weise wäre es im besten Fall möglich, den bevorstehenden Defekt eines Bauteils zu erkennen und dieses baldmöglichst auszutauschen. "Ziel ist es, sich so ins Fahrzeug einzuklinken, dass es erst gar nicht ausfällt." In diesem Bereich der Dienstleistungen möchte die OWS wachsen. Vielen Eisenbahnunternehmen kommt das entgegen: Sie möchten ihre Werkstatt-Kapazitäten eher reduzieren und sich aufs "Fahren" konzentrieren.

Trotz aller vorbeugenden Instandhaltung: Bei Revisionen, Hauptuntersuchungen oder größeren Reparaturen führt keine Schiene an einem Werkstatt-Aufenthalt vorbei. Weidens Randlage in Deutschland und der reine Dieselbetrieb auf den Zufuhrstrecken sind hier durchaus ein Standortnachteil.

Elektrifizierung erforderlich

Ziel ist es, sich so ins Fahrzeug einzuklinken, dass es erst gar nicht ausfällt.

Dr.-Ing. Ulrich M. Rütten, Geschäftsführer der OWS

Dr.-Ing. Ulrich M. Rütten, Geschäftsführer der OWS

"Heute wird es jedem Betreiber wehtun, wenn er ein elektrisches Fahrzeug erst 100 Kilometer mit der Diesellok nach Weiden schleppen muss", fasst Rütten das Problem zusammen. "Es muss gelingen, so rasch wie möglich den Fahrdraht heranzubringen." Eine Elektrifizierung zwischen 2031 und 2035 sei jedenfalls "deutlich zu langsam". Die OWS versuche deshalb auf allen Kanälen, das Projekt voranzubringen. Neben der "wünschenswerten" Straffung der Planfeststellungsverfahren hoffe er auch auf eine zügige Planung seitens der Deutschen Bahn und eine weitere Förderung des Öffentlichen Personennahverkehrs.

Auch wenn derzeit Corona die Schlagzeilen beherrscht - die Probleme des Klimawandels bleiben. Bei den Maßnahmen hiergegen könne der umwelt- und klimaschonende Schienenverkehr einen wichtigen Beitrag leisten.

Ein weiteres Beispiel für erfolgreiche Unternehmen in der Oberpfalz:

Luhe-Wildenau

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