19.09.2019 - 16:00 Uhr
Oberpfalz

Ein Weidener hat den Fall Relotius mit aufgedeckt

Der Fall des "Spiegel"-Autors Relotius hat die Fundamente der Medienrepublik erschüttert. Juan Moreno schildert den verzweifelten Kampf gegen gefälschte Storys. Der aus Weiden stammende Fotograf Mirco Taliercio war daran beteiligt.

Juan Moreno in Rom: Der Journalist hatte den Skandal um Claas Relotius aufgedeckt. Jetzt hat er ein Buch darüber geschrieben.
von Frank Werner Kontakt Profil

Das Buch sei "keine Abrechnung", weder mit dem "Spiegel", noch mit seinen damaligen Chefs oder Claas Relotius. "Spiegel"-Autor Juan Moreno beschreibt in "Tausend Zeilen Lüge", wie er die Machenschaften seines Ex-Kollegen enttarnte. Der Name Relotius steht für einen der größten Skandale im deutschen Nachkriegsjournalismus. Jahrelang hat der heute 33-Jährige für seine gefeierten Reportagen Szenen, Ereignisse, ganze Existenzen erfunden. Vor allem für den "Spiegel", aber nicht nur. Angesichts der Fülle der betroffenen Medien beschreibt Moreno eine "Presseschau des Grauens".

"Der 'Spiegel' wird es nicht mögen", kündigt Moreno an. Es habe aber auch weder Rückendeckung noch Kooperation gegeben, so der Autor, der weiter für das Magazin schreibt. Er zitiert Chefredakteur Steffen Klusmann: "Ein Buch über den Fall wird es so oder so geben. Und da ist es mir lieber, es schreibt einer, der wirklich nah dran war, und nicht irgendein Honk."

Auf 280 Seiten berichtet Moreno von dem langen und schwierigen Weg, der schließlich im Dezember zur Enttarnung von Relotius führte. Vieles davon ist bereits bekannt, doch liefert Moreno als direkt Beteiligter jene entscheidenden Details, die seine lesenswerte Schilderung immer wieder zu einem spannenden Krimi werden lassen.

Dramatische Folgen

Weite Teile des Buches befassen sich mit der schwierigen Entstehung und den dramatischen Folgen der Reportage "Jägers Grenze", die Moreno und Relotius zusammen verfassen sollten. Die Story hatte zwei Blickwinkel. Morenos Part bestand darin, in Mittelamerika einen Flüchtlingstreck Richtung US-Grenze zu begleiten. Relotius sollte auf der anderen Seite eine paramilitärische Bürgerwehr ausfindig machen, selbst ernannte Wächter der Grenze zwischen den USA und Mexiko.

Moreno bekommt früh Zweifel an dem, was Relotius als Recherche präsentiert. Fotos stimmen nicht, Identitäten passen kaum zueinander, geschilderte Ereignisse wirken für befragte Experten unglaubwürdig. Doch jeder neue Hinweis Morenos auf Ungereimtheiten bei Relotius an die gemeinsamen Vorgesetzten in Hamburg scheint nur deren Unzufriedenheit zu erhöhen. Die Chefs glauben Moreno nicht, stehen zu ihrem vermeintlichen Star-Reporter Relotius. Moreno bleibt dran, recherchiert hinter Relotius her. "Ich war wie besessen", beschreibt sich Moreno selbst. Erst viel später wird der "Spiegel" vom "wunderbaren Misstrauen des Juan Moreno" schreiben. Es gelang ihm aufzudecken, dass der Relotius-Teil der trotz Bedenken veröffentlichten Geschichte weitgehend erfunden war. "Es ist schlimmer als jeder Alptraum", heißt es laut Moreno nun im Ressort.

Moreno, verheirateter Vater von vier Kindern, hat als freier Autor keine Absicherung. Sein Vertrag mit dem "Spiegel" kann jederzeit gekündigt werden. Aus Morenos Sicht waren die Reaktionen auf seine Vorwürfe gegen Relotius, der als Ressortchef in die Leitungsebene der Redaktion aufrücken sollte, nicht unbedingt absehbar. "Ich ahnte, dass Relotius als netter Kerl galt. Aber mir war völlig unklar, wie beliebt und wie wichtig er für das Ressort war. Ich hatte mir den denkbar schlechtesten Verdächtigen ausgesucht."

Der aus Weiden stammende Fotograf Mirco Taliercio.
Fotograf Mirco Taliercio:

"Die Arroganz des ,Spiegel'"

Der aus Weiden stammende und heute in München lebende Fotograf Mirco Taliercio arbeitet seit Jahren mit Juan Moreno zusammen. Auch er war an der Enthüllung des Skandals um Claas Relotius beteiligt.

Taliercio befand sich mit Moreno auf einer USA-Reise, um für eine Reportage über den Boxer Floyd Mayweather zu recherchieren. Dabei fuhren die Freunde auch nach Arizona, wo sich die „Spiegel“-Story „Jägers Grenze“ von Relotius abgespielt haben soll. Es stellte sich heraus, dass die Geschichte frei erfunden ist. Das Hamburger Nachrichtenmagazin glaubte Moreno und Taliercio, der die Zweifel mit Videos unterfüttert hatte, nicht. Die beiden gehen einer zweiten Geschichte von Relotius nach, eine Reportage über den Footballstar Colin Kaepernick: wieder nur Lug und Trug.

Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien beklagt Taliercio die „Arroganz des ‚Spiegel‘“ und Folgen für den Journalismus: „Das war natürlich fatal. Dieser Generalverdacht, gerade wo das Wort ‚Lügenpresse‘ derart befeuert wurde.“ Der Weidener Fotograf findet Morenos Buch, das er bereits Mitte August zum Lesen bekam, keine „Abrechnung, keinen Lesestoff mit Schaum vorm Mund“, sondern eine spannende Geschichte, die sich wie ein Krimi liest. Die Filmrechte seien bereits verkauft worden.

Am Wochenende trifft Taliercio seinen Kollegen Moreno in Berlin bei einer Lesung des neuen Buches. Moderator wird der Journalist Jörg Thadeusz sein, auch ein „Relotius-Opfer“, wie Talierco erzählt: „Er hat damals den Reportagepreis an Relotius übergeben. Der ist heute noch so dermaßen sauer.“ (we)

Nur im Ausland unterwegs

Relotius setzte nach Morenos Schilderung systematisch auf Auslandsthemen, Einsätze im Inland wollte er nicht. Die Basis für Journalismus ist Vertrauen, von Kollegen, von Lesern. "Mehr Vertrauen als bei kaum überprüfbaren Auslandsreportagen aus Krisengebieten ist kaum denkbar. Ein ideales Feld, um dieses Vertrauen zu missbrauchen."

Auch für den rasanten Aufstieg des noch jungen und eher unauffällig auftretenden Journalisten Relotius hat Moreno eine Erklärung: "Es blieb nur eines, um bekannt zu werden: Er musste einen Journalistenpreis gewinnen." Es wurden dann mehr als 40 Auszeichnungen. Moreno erklärt den Erfolg auch mit der medialen Sinnkrise in ökonomisch harten Zeiten: "Seine Reportagen schienen die Lösung für eine Branche zu sein, die zutiefst verunsichert ist."

Der "Reporter-Populist" (Moreno über Relotius) lieferte einfache, plausible Geschichten - nur halt erfunden. "Relotius war nie ein Reporter, er war ein Hochstapler." Erstaunlich erscheint bis heute, warum das Kartenhaus nicht früher in sich zusammenfiel, auch wenn es mitunter knapp gewesen sein muss. "Relotius war von Berufsskeptikern umgeben. Sie alle hatte er über Jahre mühelos umtänzelt", schreibt Moreno. Und: "Ganz gleich wie groß die Gefahr schien, am Ende gelang es ihm immer, sie zu bannen." Der "Spiegel" hat die Relotius-Affäre unter anderem in einer umfangreichen Dokumentation und neuen Arbeitsabläufen aufgearbeitet. Es gab auch personelle Konsequenzen: Anders als geplant wurde Ullrich Fichtner nicht Chefredakteur des gedruckten Magazins, Matthias Geyer nicht Blattmacher. Beide waren Vorgesetzte von Relotius, galten als seine Förderer, beide reagierten lange Zeit nicht auf Morenos Zweifel.

Ein Kommentar

Deutschland und die Welt

"Juan, der freie Reporter"

Chefredakteur Klusmann reagierte am Montag auf das Buch: "Es war Ende 2018 nicht der 'Spiegel' mit seiner Recherchepower, der Claas Relotius des Betrugs und der Lüge überführte. Es war Juan, der freie Reporter." Er habe dafür seine berufliche Existenz riskiert. "Wir haben ihm viel zu lange nicht geglaubt."

Moreno nimmt das Magazin, für das er weiter arbeitet, trotz seiner Erfahrungen in Schutz. "Der 'Spiegel' ist keine Fälscherbude. Relotius ist ein Fälscher." Und die Folgen? "Im Haus ist man heute weitestgehend der Meinung, man sei mit einem blauen Auge davongekommen. Ob das wirklich stimmt, wird die Zeit zeigen."

Das Buch "Tausen Zeilen Lüge" von Juan Moreno ist im Rowohlt-Verlag erschienen. (dpa)

Das Buch von Juan Moreno über den Fall Relotius.
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