Die Fliesen im Badezimmer stammen noch von früher, auch der Holzdielenboden im zweiten Stock ist original. Genauso wie einige Fenster und Möbelstücke, wie das Sofa im Wohnzimmer oder das Kabinett im Esszimmer. Es ist ein kleines Schmuckstück, dass Familie Schlier bewahrt hat. 2024 kaufte die junge Familie ein Haus in Weigendorf, das manch anderer abgerissen hätte. Doch abgerissen haben sie es nicht. Vielmehr haben sie sich vorgenommen seine Geschichte zu bewahren, sie begannen es zu renovieren. Seit diesem Sommer lebt die vierköpfige Familie – Lorenz und Susanne mit Helena (8) und Viola (6) dort. Was vielleicht ganz einfach klingt, ist in Realität viel aufwendiger.
"Wir haben das Haus so übernommen, wie es 2019 die verstorbene Frau hinterlassen hat", erzählt Lorenz Schlier. Das Nachthemd hing noch an der Tür, die Pantoffeln lagen auf dem Boden, teilweise fanden sie noch Konserven in den Schränken. Dazu kam ein Wasserschaden. Bei Regen war ein kleiner Sturzbach von der Hauptstraße in den Garten geflossen und von dort ins Haus gelangt. „Das hatte keiner gemerkt“, sagt der 43-Jährige. Das Wasser hatte über Jahre seine Spuren hinterlassen.
Also war zunächst Rückbau angesagt. Ladung für Ladung, auch tonnenweise Sand und Schlackefülle, brachten sie zum Wertstoffhof. Neben Berufstätigkeit und Familienleben mit zwei Kindern dauerte das acht bis zehn Wochen. Im Dezember 2024 lag das Haus dann nahezu wie ein Rohbau da.
Villa Kunterbunt von 1908
Das Haus trägt Geschichte in sich: 1908 wurde es von einem Hopfenhändler errichtet. Korbfenster, Segmentbogenfenster, 2,70 Meter hohe Wände, historische Wandbemalung. „Es war wie eine Villa Kunterbunt“, beschreibt Lorenz Schlier seinen Eindruck. Er hatte viele Feierabende damit verbracht, Putzschicht für Putzschicht abzutragen. Darunter kam die historische Wandgestaltungen im Jugendstil und im Klassizismus zum Vorschein. Jedes Zimmer hatte einen unterschiedlichen Farbton: ein blaues, ein grünes und ein braunes Zimmer. Auch die Fenster erzählen von einer vergangenen Bauzeit. Einige Scheiben sind noch mundgeblasen.
Der ursprüngliche Hopfenhändler ging 1917 bankrott, anschließend wurde das Gebäude von einem Viehhändler übernommen. Er richtete Stallungen und eine Räucherkammer ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die US-Armee das Gebäude zeitweise als Residenz und Stützpunkt. Heute versucht die Familie möglichst viele dieser Spuren sichtbar zu lassen. Keramikschalter im Stil der 1920er-Jahren gehören ebenso dazu wie historische Zementfliesen mit Jugendstilmustern. Im Badezimmer finden sich die originalen Fliesen im Stil des Art déco. „Die Details und Kleinigkeiten begeistern mich“, sagt Lorenz Schlier.
Denkmalschutz aus Überzeugung
Ungewöhnlich ist, dass die Schliers selbst dafür sorgten, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde. Einen Antrag beim Denkmalamt hatten sie bereits im Sommer 2024 gestellt. Der Baumaßnahmen erfolgten im Juli 2025. Ganz genau wussten sie damals noch nicht, was mit dieser Entscheidung auf sie zukommen würde. Denn Denkmalschutz bedeutet auch Vorgaben bei der Renovierung. Die alten Böden durften nicht einfach abgeschliffen werden. Stattdessen entfernte Lorenz Schlier händisch die alten Farbschichten vorsichtig mit Heißluftfön und Spachtel. Danach musste der Boden nach Denkmalschutzvorgaben mit Leinölfarben in einem historischen Rotton gestrichen werden.
Entsprechend den Vorgaben wurde die Heizung in den Wänden – statt im Fußboden – verlegt. Statt Kunststoffrohren mussten Kupferrohre verwendet werden. Beheizt wird mit Pellets. Doch den Schliers war der Denkmalschutz wichtig, um die Geschichte des Hauses zu bewahren. Gabriele Bräutigam, Heimatpflegerin und regionale Ansprechpartnerin der IG Bauernhaus Oberpfalz-West, begleitete sie dabei. Sie gab ihnen Praxistipps, half mit der Denkmalschutzbehörde und leitete Kontakte zu Handwerkern weiter. „Mir liegt das Denkmal am Herzen. Häuser von früher prägen das Ortsbild, gerade Häuser wie das der Schliers am Ortseingang. So bleibt die Geschichte des Ortes lebendig.“ Besonders fasziniert ist Bräutigam von der Effizienz alter Gebäude. „Die dicken Wände speichern Wärme, im Sommer halten sie die Räume kühl. Damals hat man Gebäude intelligent ausgerichtet.“ Und ein altes Haus zu renovieren, bedeute nicht, dass man es unter Denkmalschutz stellen müsse. „Man kann es auch selber nach eigenen Wünschen erhalten und renovieren“, sagt Bräutigam.
Familie ist Wunschkandidat
Es habe viele Interessenten gegeben, sagt Susanne Schlier, aber „ich glaube, wir waren die Wunschkandidaten des Verkäufers.“ Das Haus gehörte seiner Großmutter. Umso schöner ist es für ihn, dass die Familie es erhalten wollte. Aber wieso macht man sich diese Mühe? „Das Haus hat eine ganz andere Atmosphäre als moderne Häuser. Die Materialien, die Fenster – es atmet.“ Lorenz und Susanne Schlier stammen aus dem Raum Würzburg. Danach lebten sie zusammen in Erlangen, im Saarland und in Niedersachsen. In der Nähe von Braunschweig wohnte die Familie bereits in einem denkmalgeschützten Haus. Nach der Pandemie zogen die vier wieder in den Nürnberger Raum. Sie fanden in Pommelsbrunn zunächst eine Mietwohnung – doch nur befristet. Also begann die Suche nach einem eigenen Haus.
„Wir wollen den Menschen die Angst vor einem Altbau nehmen“, sagt Lorenz Schlier. Natürlich sei es mit Arbeit verbunden. Man brauche Handwerker, die sich mit historischen Materialien und Techniken auskennen. Doch gerade darin liege auch der Reiz. Der Garten wurde zum Ruhepol, wenn während der Arbeiten die Verzweiflung hochkam. Denn eines haben Susanne und Lorenz Schlier gelernt: Bei einem alten Haus gibt es immer etwas zu tun. Die Fliesen im Treppenhaus müssen noch eingelassen werden, die Fenster brauchen ihren finalen Anstrich. Auch Dach und Außenfassade stehen noch auf der Liste. Ein Ausbau des Dachgeschosses ist für die mittlere Zukunft geplant. Doch schon jetzt ist aus dem historischen Haus mit viel Geschichte ein Zuhause für viele neue Geschichten geworden.
































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