Josef Schottenbauer hat wache Augen, unterhält sich gerne, und mit dem Stock geht es sich auch noch einigermaßen gut. In Woppenhof bei Wernberg-Köblitz lebt er im eigenen, gepflegten Haus. In der Wohnküche ist alles, was er braucht, in Griffnähe. Tochter Barbara und der ambulante Pflegedienst kümmern sich, Sohn Josef schaut täglich vorbei, bringt das Essen, erledigt die Alltagsgeschäfte und bekommt vom Vater die Tageszeitung auf den Tisch gelegt. Mit rosa Marker sind die Artikel gekennzeichnet, die "den Dada" interessieren und über die er mit dem Sohn reden möchte. Nach seinem 100. Geburtstag spricht Josef Schottenbauer mit Oberpfalz-Medien über seine Aufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Unterhaltung ist laut, der Senior lehnt ein Hörgerät ab. Josef Schottenbauer hat seinen eigenen Kopf, doch diese Konsequenz im Tun hat ihn vielleicht auch den Zweiten Weltkrieg überleben lassen.
In Schiltern am 15. April 1925 geboren, wächst er bei Tante Sybille auf, die alle nur "Willa" nennen. Als Bub hütet er die Kühe, mit sechs Jahren geht er den zwei Kilometer langen Schulweg durch den Wald nach Weihern. Er ist ehrgeizig, bald Klassenbester. Dann das Jahr 1942: Er muss zur Musterung nach Nabburg. Auch der Losauer Bürgermeister – Schiltern gehörte damals zu Losau – ist dabei. "Ich musste mich nackt ausziehen", erinnert sich Josef Schottenbauer, was ihm sehr peinlich war.
Nicht zur SS
Dann kommt der Stellungsbefehl. Schottenbauer kommt zu Reichsarbeitsdienst nach Niederaltaich. 28. Dezember 1942: "Es ist kalt, die Unterbetten mussten wir mit Stroh ausstopfen", schreibt er. "Hub, Stich, Wegwerfen": Schottenbauer kann die Kommandos beim Torfstechen und die Lieder, die man auf Geheiß des Truppführers zu lernen hatte, heute noch aufsagen. "Unsere Herzen, die sind jung, unsere Lieder klingen, unsere Arbeit soll das Bruch- und das Brachland zwingen". Und wenn es keiner gehört hat, wurde umgedichtet: "Wo die Donauwellen schlagen an den Strand, wo die Führer brüllen Hinlegen, Auf, Marsch, Marsch, denke ich doch im Stillen, leckt' s mich doch am Arsch".
Dann werden Leute für die SS gesucht. Vier sind tauglich, darunter auch Josef Schottenbauer. Man verspricht Gouverneurstätigkeiten in besetzten Gebieten. Schottenbauer lehnt als einziger ab: "Mir war so sonderbar und ich legte den Füller hin".
Mit Rosenkranz in den Krieg
Schottenbauer ist 18, als der Einberufungsbefehl zur Reichswehr kommt. Der Nachbar, der "Moier-Michl" schreibt ihm ein Rückstellungsgesuch, Tante Willa bringt es zum Volkskreiskommando nach Amberg – mit zwei jungen Ziegen im Rucksack. Josef wird zurückgestellt, doch am 23. August 1943 heißt es Abschied nehmen. Mutter Barbara gibt ihm einen "hochgeweihten" Rosenkranz mit Ablasspfennigen mit. "Er soll dir helfen in Not und Gefahr. und dass du gesund wieder nach Hause kommst".
"Der Moier-Michl hat mir ein Glas Honig geschenkt", erinnert sich der Hundertjährige. Und von Georg Schlögl aus Schiltern, der noch den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatte, erhielt er den Rat, "bei einem Angriff niemals in der Mitte stehen". Schlögls Sohn Andreas ist dann im Zweiten Weltkrieg gefallen. Sein Vater sagte, "Andreas ist als lebender Leichnam von Zuhause fortgegangen".
Vor Russland nach Italien
Für Schottenbauer geht es am 23. August 1944 in die Leopoldkaserne nach Amberg, dann im Viehwaggon in die Garnisonsstadt Budweis. Er bekommt sein Soldbuch, die Blutgruppe wird eingetragen, er wird eingekleidet. "Werde ich diese Uniform jemals wieder ausziehen oder geht es damit ins Grab?", schreibt er in seinen Aufzeichnungen. In Budweis erhält Schottenbauer Nahkampfausbildung – und in Budweis hat der Bauernbub aus Schiltern auch erstmals geschminkte Mädchen gesehen. Schottenbauer soll den Scharfschützenlehrgang machen – und lehnt wieder ab. Er hört auf Ratschläge, denn "mit Scharfschützen wird in Russland kurzer Prozess gemacht". Es folgen Gasmasken- und Granatwerferausbildung. Dabei zieht er sich einen schweren Leistenbruch zu.
Trotzdem kommt der Marschbefehl nach Russland, in die Krim. Doch der Transport wird umgeleitet nach Italien, wo die Invasion der Alliierten erwartet wird. "Jeder von uns hat noch eine Sonnenbrille bekommen", erinnert sich Schottenbauer. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich. Nach dem Lazarettaufenthalt in Wien lernt er beim Genesungsurlaub in Schiltern den Kriegsgefangenen Dominique kennen und schätzen: "Er drückte mir einen Zettel in die Hand. Wenn ich in französische Kriegsgefangenschaft gerate, würde es mir gut gehen".
"Hätte mein Leben gern"
Es kommt anders. Mit einem Pferdetransport geht es nach Ungarn, dann nach Aachen. Schottenbauer steht den Amerikanern gegenüber, schildert den tagelangen Beschluss durch Tiefflieger. "Ich bin noch so jung, hätte auch mein Leben gern", scheibt er in seinen Leitz-Ordner. Sein Bein wird durchschossen, zur Säuberung wird ein Tuch durchgezogen. Er kommt ins Lazarett nach Bad Driburg, doch schon einige Wochen später muss er im Osten, an der russischen Front, Stellung beziehen. Schottenbauer erinnert sich "an stinkende Würste, Gewehre aus dem Ersten Weltkrieg und Stoffschuhe vom Afrikaeinsatz". Die Einsatzbefehle ändern sich ständig, es geht zum Jablunka-Pass. Dann heißt es, eine russische Maschinengewehrstellung einzunehmen. "Ich dachte nochmals an Zuhause, in den folgenden Minuten kann ich vielleicht schon tot sein", heißt es in den berührenden Aufzeichnungen.
Schottenbauer schildert dann die Wochen vor der Kapitulation Hitler-Deutschlands. Er hat niemals die vielen Verwundeten und Toten vergessen können, spricht aber auch davon, wie der Überlebenswille ungeahnte Kräfte freisetzt. Angriffsbefehle von Vorgesetzten werden verweigert. Dann kommt der letzte Armeebefehl: Rückzug über die Moldau. Schottenbauer erinnert sich an ein slowakisches Haus, in dem er seine eitrigen Fersen waschen durfte und "ein Landser sagte, der Krieg ist aus, wir gehen nach Haus". Es geht nach Westen, doch dann stehen acht russische Soldaten vor ihm. Mit 20 Jahren gerät Schottenbauer für drei Jahre in russische Gefangenschaft. Seinen Rosenkranz darf er behalten.
Das erste Stück Brot
Der junge Mann arbeitet bei Gorky in einer Schreinerei an der Oka, dann in einem Sägewerk an der Wolga. Es gibt keinen Sonntag, kein Weihnachten. Finger und Nase erfrieren, beim monatlichen Hauptgesundheitstest kann die Ärztin kein Fett mehr an Oberkörper und Po spüren. Josef Schottenbauer wiegt noch 98 Pfund, ist nicht mehr arbeitstauglich, darf gehen. Wieder fährt er im Viehwaggon durch Russland und Polen bis zur Endstation Wernberg. Im Sommer 1948 steht er alleine am Bahnhof. Schwester Anne wartete am Vortag vergeblich. Er geht zu Fuß nach Schiltern und isst das erste Stück Brot. Mehr verträgt sein Magen nicht. Drei Wochen kann er fast nichts zu sich nehmen.
Wieder daheim, lernt Josef Schottenbauer Theresia Messer aus Woppenhof kennen. Die beiden heiraten, bekommen die Kinder Josef und Barbara, betreiben Ackerbau und Viehzucht. Später arbeitet Josef Schottenbauer in der Detag, heute Flachglas, als Betriebsgärtner. Mit Theresia ist er 67 Jahre verheiratet.
Josef Schottenbauer ist zufrieden "so wie es ist". Die Landwirtschaft, Holz machen, Schlachten – "ich konnte mir überall helfen". Bis ins hohe Alter arbeitet er auf dem Hof und hat seine Freude daran.
Ein Leben auf 100 Seiten
Seine Lebensgeschichte, die Kriegserlebnisse aufschreiben, damit hat er mit einer bestechenden Detailgenauigkeit auf Bitten der Enkel vor 30 Jahren begonnen. Er ist noch einer der wenigen Zeitzeugen, die durchlebt haben, "was nie wieder sein soll". In steiler Schrift mit Bleistift hat er alles aufgeschrieben. Er kann noch immer auf russisch bis Hundert zählen, kennt die Orte und die Redewendungen aus der Gefangenschaft.
100 Seiten geben wieder, was Krieg bedeutet. Sohn Josef (70) hat noch einen Spruch hinzugefügt: Er stammt von Pablo Picasso: "Wer seine Erinnerungen zu spät schreibt, bringt verfaulte Fische auf den Markt".


















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