22.05.2020 - 13:59 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

Wenn man die Welt anders wahrnimmt

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Von Zoom-to-see bis hin zur Transformation: Eine 15-jährige Schülerin aus Wernberg-Köblitz entwickelt Praxismodelle zur Alltagsbewältigung bei Autismus – mit Erfolg.

Lisa-Marie Schöpf aus Wernberg ist selbst Autistin. Die Diagnose „frühkindlicher Autismus mit Hochbegabung“ erhielt sie Anfang 2019.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Das Spektrum Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sowohl für direkt als auch indirekt Betroffene eine starke Belastung im Alltag darstellen kann. Lisa-Marie Schöpf aus Wernberg ist selbst Autistin. Die Diagnose „frühkindlicher Autismus mit Hochbegabung“ erhielt sie Anfang 2019. Als Kind merkte sie bereits, dass sie nicht neurotypisch ist – sie merkte, dass sie die Welt anders wahrnimmt als Gleichaltrige und konnte das Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld kaum nachvollziehen.

„Ich habe früh bemerkt, dass ich durch Logik, Anwendung psychologischer Grundlagen, einer guten Beobachtungsgabe und meinem fotografischen Gedächtnis viel besser den Alltag bewältigen kann“, berichtet sie. Auf diesen Grundlagen entwickelte sie ein erstes Praxismodell: das Schubladenmodell. Es soll helfen, leichter soziale Situationen zu bewältigen. „Ich kann jetzt leichter auf Menschen zu- und eingehen, Telefonate und Smalltalk sind für mich keine große Herausforderung mehr und ich kann mich mehr im Unterricht mit einbringen“, so Lisa-Marie.

Ansporn für weitere Modelle

Nachdem die Schülerin eine deutliche Erleichterung im Alltag feststellen konnte, versuchte sie, weitere Alltagshilfen oder Therapieformen für Autismus im Internet, in der Fachliteratur und auf Kongressen zu erfahren. Bisher galt der einheitliche Tenor, dass die Entwicklungsstörung zwar nicht heilbar, aber mit Psychotherapie gut handelbar sei. Praxismodelle gab es bislang noch nicht, was ein Ansporn für die Schülerin des Carl-Friedrich-Gauss-Gymnasiums Schwandorf war, weitere Modelle zu entwickeln.

Innerhalb eines Jahres entwickelte sie neben dem „Schubladenmodell“ folgende Modelle: „Transformation von Mimik und Gestik“ und die Kombination von „Zoom-to-see und Gießkannenmodell“. Über ihren Instagram-Account (autismus_und_mainecoon), bei dem sie über ihren Alltag und ihre besondere Wahrnehmung berichtet, hat sie Kontakt zu anderen Autisten, die zum Teil ihre Modelle mit großem Erfolg anwenden. Des Weiteren ist Lisa-Marie deutschlandweit auf psychologischen Fachkongressen als Referentin vertreten, um ihre Modelle weit zu verbreiten, damit möglichst vielen Betroffenen geholfen werden kann. „Die Psychologie erklärt alles“, fügt die Schülerin hinzu. Damit meint sie, dass die Verhaltensweisen der Menschen oftmals auf einer logischen Struktur basieren, die man erlernen und erkennen muss.

Das „Schubladenmodell“ ist eine Alltagsbewältigungsstrategie, bei der die Situationen, in denen ein Autist überfordert wäre, in visuelle Schubladen gelegt werden. Die einzelnen Fächer werden dann auf Basis von Modellen aus dem Umfeld (meist neurotypisch) mit Mimik, Gestik, Akzentuierung, rhetorischen Figuren, Gesprächsinhalten und Strukturen gefüllt.

Das „Transformationsmodell von Mimik und Gestik“ ist eine Alltagsbewältigungsstrategie, die einen Autisten bei Schularbeiten für die Deutung und Interpretation von Mimik und Gestik erforderlich ist, helfen soll. Durch das Erlernen der Strategie wird die Deutung dieser maximal vereinfacht und fordert kaum Kenntnisse in das Einordnen von Gefühlen einer Person.

Hilfe für Betroffene

Bei der „Modellkombination Gießkanne und Zoom-to-see“ ist es wichtig, dass bei vielen Personen aus dem Spektrum Autismus Problematiken in der Interpretation von zwischenmenschlichen Verhalten und das Filtern und Fokussieren von Details und Aspekten liegen. Die Modellkombination soll eine Vereinfachung der Interpretation und Analyse bieten.

Hierzu wurde von Lisa-Marie eine verstellbare Schablone entwickelt, die dem Betroffenen helfen soll, den Fokus auf einen Bildausschnitt zu halten und eine chronologische Ordnung von groß zu klein zu erreichen, ohne von zu vielen Details und Eindrücken überfordert zu werden.

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Viele Autisten haben Probleme, zwischenmenschliches Verhalten zu interpretieren sowie Details und Aspekte zu filtern und zu fokussieren. Die Modellkombination soll Hilfe bieten.

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