31.10.2019 - 10:33 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

Ein Platz in der komplexen Welt

Kompetent, pünktlich und verlässlich: So wünschen sich Chefs ihre Mitarbeiter. Für Menschen mit einer gravierenden Behinderung schrumpft die Bandbreite möglicher Jobs. In Wernberg-Köblitz aber gibt es einen "Chancengeber".

Aus Holzwolle. Klopapier-Rollen und Wachsresten basteln diese Menschen mit Behinderung Anzünder. Der Verein "Chancengeber" ermöglicht auch bei schweren Beeinträchtigungen produktive und sinnvolle Tätigkeiten, die dem Tag eine Struktur geben.
von Monika Bugl Kontakt Profil

"Chancengeber" nennt sich ein Verein, der eng mit Dr. Loew Soziale Dienstleistungen verbunden ist. In Wernberg-Köblitz laufen die Fäden für dieses Angebot zusammen: Florian Dotzler, Leiter der Wernberger Werkstätten für Menschen mit Behinderung, ist auch Geschäftsführer des Vereins, der sich der Förderung und Beschäftigung für Menschen mit Behinderung oder einer psychischen Erkrankung widmet. Menschen, deren Handicap so enorm ist, dass sie auch mit den Anforderungen in der Werkstatt nicht klarkommen, schon gar nicht in einer zunehmend fordernden Arbeitswelt. Und doch brauchen auch sie eine Aufgabe, die hilft, sich durch den Tag zu hangeln.

"Das kann darin bestehen, dass jemand Hühner füttert oder Deko-Sachen bastelt", erklärt Dotzler. Tagesstrukturierende Maßnahmen heißen dieses Angebote jenseits eines Lohnzettels. Denn diese zweite Lebenswelt leistet einen "wichtigen Beitrag für individuelle Sinnstiftung und Selbstbestätigung der Menschen mit Beeinträchtigung", heißt es in einem Flyer zu den Vereinszielen. "Es gibt nun mal ein großes Gefälle, was Beschäftigung sein kann", erläutert Dotzler. Jedem soll aber die Möglichkeit gegeben werden, gewisse Grundfertigkeiten zu erfahren, die im Alltagsleben verankern und einen Rhythmus vorgeben. Die Mitarbeiter von Dr. Loew Soziale Dienstleistungen hätten da schon jede Menge tolle Projekte entwickelt, die von einfacher Montage bis hin zu kreativen Tätigkeiten reichen – verteilt über Standorte weit über die Oberpfalz hinaus, erzählt der 38-jährige Werkstattleiter. "Wir versuchen die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Der Verein Chancengeber ist ein Baustein dazu."

Nicht das Thema "Arbeit" steht im Vordergrund, sondern die Struktur. Von "Motivationsaufwand" ist dann die Rede, nicht vom Verdienst. Mal ist es ein Spielzeug-Lkw, der Halt gibt, mal die Montage einer Druckluft-Kupplung oder eben ein Hühnerstall. Im östlichen Landkreis gibt es das Haus "Fuchsenschleife", wo Menschen mit mittelgradigen geistigen Behinderungen sich um Pferde und Esel kümmern. "Die Tiere im Kreis zu führen, auch das ist eine Aufgabe, die helfen kann, den Tag zu strukturieren." Manchmal sind es die Rentner unter den Menschen mit Behinderung, die nach dem Ausscheiden aus der Werkstatt hier noch eine sinnvolle Beschäftigung finden, einen Baum pflanzen oder ein Vogelhäuschen basteln. Finanziert wird das Projekt über Spenden. "Dr. Loew hat da ein recht gutes Netzwerk in den Kommunen", weiß der Wernberger Werkstattleiter. Nicht nur von Firmen, auch von privat gibt es Gelder für die Angebote des Dienstleisters, die das Leben mit Handicap ein wenig leichter machen.

"Viele sind sehr dankbar dafür, dass sie einen sinnvollen Tag erleben und ihre Tätigkeit auch gesehen wird", sagt Dotzler. gerade deshalb sei es wichtig, dass beispielsweise die Produzenten der Deko-Artikel auch beim Verkauf dabei sind. Beim Bauernmarkt am Mittwoch in Perschen klappt das schon ganz gut: Dort werden die selbst gefertigten Anzünder verkauft, die aus Holzwolle oder -spänen hergestellt sind und in Wachs getränkt wurden. "Wir überlegen derzeit, ob wir uns auch am Weihnachtsmarkt in Wernberg beteiligen", berichtet der Wernberger Werkstattleiter und lässt seine Augen über das bunte Sortiment schweifen, das im Büro aufgebaut ist: den weiß lackierten Fisch mit Ornamenten und Knopfauge, das Schild mit Herzchen und Spitzen-Bordüre oder das bunt bemalte Königs-Trio aus Holz. "Alles Unikate", preist der Chef die Beispiele, dem Erfindungsreichtum seien da keine Grenzen gesetzt, lediglich Lebensmittel kämen nicht infrage. Fehlt nur noch ein Online-Shop. Der aber hätte einen entscheidenden Nachteil: Das Feedback für die Hersteller gäb's dann auch nur via Internet.

Info :

Von Behindertenhilfe zum Chancengeber

"Behindertenhilfe" nannte sich ein Verein, den es seit 42 Jahren gibt, und der ganz ähnliche Ziele verfolgte wie der "Chancengeber" Allerdings schien der Name den Verantwortlichen auch angesichts veränderter Anforderungen an die Hilfe nicht mehr zeitgemäß. Anfang 2018 wurde die Organisation deshalb umbenannt. Ziel ist nach wie vor eine sinnvolle Beschäftigung für Menschen mit Behinderung, allerdings auf eine viel individuellere Art und Weise, als dies vor Jahren der Fall war. Vorsitzende des Vereins ist Sandra Loew, Geschäftsführer Florian Dotzler. Ergänzend zu den Einrichtungen von Loew bietet die Vereinsstruktur ein Vehikel, mit dessen Hilfe sich die Tagesstrukturierenden Maßnahmen jenseits der Wirtschaftlichkeit organisieren lassen. Infos über E-Mail: chancengeber[at]loew[dot]de, Spendenkonto Volksbank Raiffeisenbank Nordoberpfalz eG, DE94753900000001736299. Wer Wachsreste für die Produkte der Menschen mit Handicap übrig hat, kann diese in den Wernberger Werkstätten, Gewerbering Süd 9-12, abgeben.

Liebevoll bemalte Objekte aus Holz: Auch das ist eine Möglichkeit, dem Leben mit Handicap Sinn zu geben.
Das Anfertigen von Deko-Artikeln macht nicht nur Spaß, es gibt dem Tag auch eine Struktur.
Eine Kugel mit Mosaik oder drei lustige Könige. Dem Erfindungsreichtum sind in dieser Nische keine Grenzen gesetzt.
Die bunte Kugel ist für den Garten, die hölzernen Katzen sind garantiert pflegeleicht.

Wir versuchen die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Der Verein Chancengeber ist ein Baustein dazu.

Florian Dotzler

Florian Dotzler

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