06.09.2019 - 20:54 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

Vier Jahre unter Mordverdacht

Vier Jahre, vier Monate und sieben Tage stehen Silvia Loew und ihr Freund in Verdacht, Dieter Loew, den getrennt lebenden Ehemann der 56-Jährigen, ermordet zu haben. Das Verfahren ist eingestellt. Silvia Loew lässt es nicht darauf beruhen.

Silvia Loew und ihr Rechtsanwalt Robert Hankowetz - hier vor dem Fenster, durch das der Täter ins Haus gelangte - gingen bereits im März 2015 in die Offensive.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

Silvia Loew steht vor drei Umzugskartons mit Ermittlungsakten. Sie will sie nicht wegpacken. Mit Oberpfalz-Medien spricht sie über das Verfahren, das Ende Juli dieses Jahres eingestellt worden ist – und prangert an.

Nach über vier Jahren wurde das Ermittlungsverfahren gegen Silvia Loew eingestellt. Sie sichtet die umfangreichen Akten.

ONETZ: Frau Loew, Sie traten im März 2015, als sich die Ermittlungen der Kripo Amberg auf Sie und Ihren Partner zuspitzten, an die Öffentlichkeit. Damals fuhren Sie schwere Geschütze gegen Polizei und Justiz auf. Wie ist Ihre Sicht der Dinge nach viereinhalb Jahren Ermittlungsarbeit?

Silvia Loew: Die Logik spielte bei den Ermittlungen anscheinend keine Rolle. Ich war bereits länger von meinem Mann getrennt und hatte, trotzdem ich einen neuen Partner hatte, ein gutes Verhältnis zu meinem Ehemann. Ich war in der Tatnacht bei meinem Freund und hatte ein Alibi. Ohne Motiv und ohne nachvollziehbaren Grund soll er mit mir gemeinsam die Tat begangen haben? Warum, fragt man sich da. Ohne ihn auch zu beschuldigen, hätte die ermittelnde Beamtin kein Verfahren eröffnen können. Also wurde auch ein Verfahren gegen ihn eröffnet, um an mich zu kommen.

Mit einem Großaufgebot an Polizei wurden in und um das Anwesen die Ermittlungen im Mordfall Loew aufgenommen.

ONETZ: Wieso gerieten Sie unter Verdacht?

Silvia Loew: Klar muss in jede Richtung ermittelt werden, doch was hätte ich für einen Grund gehabt, meinen Mann zu töten? Ich habe einen Ehevertrag und bin definitiv nicht am Erbe beteiligt. Mit Hilfe meines Mannes konnte ich mir eine gesicherte Existenz aufbauen. Ich bin im Immobiliengeschäft tätig, baue derzeit eine Wohnanlage – eine soziale – an meinem Wohnort in Tachov. Ich wusste erst gar nicht, dass gegen mich ermittelt wird. Ich wurde verhört, ohne mich darüber zu belehren.

ONETZ: Was warf man Ihnen vor?

Silvia Loew: Materielle Gründe. Ich wolle angeblich nicht, dass Geld an die Bekannte meines Mannes fließt. Diesen Vorwurf erhob die Beamtin gegen mich, obwohl sie sämtliche Unterlagen von mir ausgehändigt bekam, die belegten, dass ein Darlehen in dieser Höhe zu Firmenzwecken an meine Stiefkinder geflossen war. Ich soll auch Geld – einen höheren fünfstelligen Betrag – aus dem Tresor genommen haben. Einziges Argument für diese Behauptung: Niemand außer meinem Mann und mir kannte die Tresorkombination. Die Nummer hätten auch Dritte in Erfahrung bringen können. Mein Mann hat sich Nummern aufgeschrieben. War der Zettel in seiner Tasche? Das wurde leider nicht untersucht.

Zum Bericht über den Tod von Dieter Loew

ONETZ: Sie kritisieren die Ermittlungsarbeit. Warum?

Silvia Loew: Wohlgemerkt, ich möchte das nicht auf alle Polizisten beziehen, mit denen ich zu tun hatte. Doch als die Tat entdeckt wurde, befanden sich etwa 15 Polizeikräfte vorwiegend ohne Schutzkleidung im Haus und auf dem Gelände. Allein dadurch sind Spuren zerstört und der Tatort nachweislich mit Spuren der Beamten kontaminiert worden. Das versiegelte Haus wurde an mich übergeben, obwohl die Ermittler bereits einen Durchsuchungsbeschluss für mein Anwesen hatten. Ich konnte mich in meinem Haus wieder frei bewegen, und drei Tage später wurden alle meine Immobilien auf Spuren aus dem Tatanwesen untersucht. Man suchte Splitter und Fasern. Ich frage mich inzwischen, ob ich bewusst zur Abnahme des inzwischen reparierten Fensters geführt wurde, um mir Spuren unterzuschieben. Andererseits konnte ein Familienmitglied ein in meinen Augen wichtiges Beweismittel vom Tatort mitnehmen. Einige Fragen, die sich durch den Tascheninhalt hätten klären lassen können, werden für immer offen bleiben. Doch es wurden immer neue Untersuchungen und Gutachten in Auftrag gegeben und als Grund für die langen Ermittlungen herangezogen.

ONETZ: Wie veränderte sich Ihr Alltag?

Silvia Loew: Wir wurden abgehört, mein Handy, mein Computer, Datenträger wurden konfisziert und ausgewertet, meine finanziellen Angelegenheiten durchkämmt, meine Wohnsitze durchsucht, selbst meine Liebesbriefe wurden gelesen.

ONETZ: Wie reagierte Ihr Umfeld?

Silvia Loew: Ich konnte auf meine guten Freunde an meinem Wohnsitz in Österreich bauen. Sie hielten zu mir, weil sie wussten dass ich meinen Mann nach der langen Zeit des Zusammenlebens respektiert habe. Da gab es nie einen Ansatz von Zweifel an meiner Person. Und in Wernberg-Köblitz habe ich das Thema sehr offen kommuniziert. Bevor sich jemand was zusammenreimt, soll er mich fragen. Und was ‘die Leute“ denken, darüber bin ich weg.

ONETZ: Haben Partnerschaft und Familie darunter gelitten?

Silvia Loew: Mein Freund, seine Familie und ich sind näher zusammengerückt. Vor allem die Mutter meines Partners hat das Ganze sehr mitgenommen. Er wurde suspendiert. Meinen Freund hat alles psychisch sehr mitgenommen und es ist fraglich, wann er in seinen Beruf zurückkehren kann.

ONETZ: Welche Nachwirkungen haben die Ermittlungen auf Sie?

Silvia Loew: Ich habe ein Gefühl wie nach einem Einbruch, wenn man sich in seiner Wohnung nicht mehr sicher fühlt. Das war ein völliger Entzug der Privatsphäre. Ich hebe nichts mehr auf, ich speichere nichts ab, versuche alles sofort zu vernichten, schreibe aber Listen über meine Geldbewegungen. Und wenn am Zoll der Beamte in seine Unterlagen schaut, glaube ich sofort in seinem Gesicht erkennen zu können, dass auch er weiß, dass ich unter Mordverdacht stand. Ich fühle mich immer und überall verfolgt. Diese Daten sind erst mal bei mir gespeichert. Eigentlich muss so etwas nach fünf Jahren gelöscht sein. Da bin ich mal gespannt.

ONETZ: Was hat Sie das Verfahren finanziell gekostet?

Silvia Loew: Ich bekomme vielleicht Schadensersatz für den ramponierten Gartenteich, die Sachen, die untersucht und in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das sind circa 2000 Euro. Da in einem Verfahren pro und contra ermittelt wird, und nach Auffassung der Justiz ein Anwalt gar nicht nötig ist, habe ich die 80 000 Euro Rechtsanwaltskosten selbst zu tragen. Hätte ich dieses Geld nicht investiert, hätte man mir unterschieben können, was sie wollten. Als Person wurde ich diskreditiert. Das kann sowieso nicht ausgeglichen werden.

ONETZ: Wie beurteilen Sie die Länge des Verfahrens?

Silvia Loew: Mein Partner hat als Zweitanwalt den Kachelmann-Verteidiger Dr. Schwenn aus Hamburg. Seiner Ansicht nach wäre das Verfahren in einem anderen Bundesland nach einem Jahr eingestellt worden, da kein begründeter Verdacht mehr bestanden habe. Ich werde nun die Akten durcharbeiten, um zu erfahren, wann welche Auswertungen abgeschlossen waren.

Viereinhalb Jahre nach dem Mord wird der Fall Loew eingestellt

Wernberg-Köblitz

ONETZ: Wie haben Sie auf die Mitteilung reagiert, dass das Verfahren eingestellt wird?

Silvia Loew: Ich habe eigentlich nichts gespürt. Es war absehbar. Irgendwann kann man es nicht mehr verzögern. Inzwischen ist die Ermittlerin befördert, der Staatsanwalt in einem anderen Gericht und es wird niemand dafür zur Rechenschaft gezogen, dass ohne berechtigten Verdacht ein Verfahren eröffnet wurde, das dem Steuerzahler ein Vermögen gekostet hat. Es ist auch eine Einstellung zweiter Klasse, wegen Nichtnachweisbarkeit einer Tatbeteiligung. Ich werde ein Buch darüber schreiben, denn was mir passiert ist, kann jedem passieren. Und wenn die Dienststelle der damals federführend Ermittelnden mich wegen meiner Vorwürfe anzeigt, hätte das auch ein Gutes. Dann müsste alles öffentlich aufgerollt werden. Ich bedanke mich jedenfalls bei meinen Rechtsanwälten für ihre Arbeit. Wer weiß, was ohne ihre Hilfe passiert wäre.“

Info:

Der Fall Loew

Dem 76-jährigen Dieter Loew waren in der Nacht zum 22. Dezember 2014 in seinem Haus in der Graf-Schall-Straße mit einem stumpfen Gegenstand so schwere Schädel- und Gesichtsverletzungen zugefügt worden, dass er vier Wochen später in einem Regensburger Krankenhaus an den Folgen verstarb.

Die Polizei sicherte am Tatort Spuren. Ein Großaufgebot an Polizeibeamten rückte an, Nachbarn wurden befragt, Führer mit Mantrailer-Hunden durchkämmten das große Waldstück um das Anwesen. Die Spezialisten der Spurensicherung waren tagelang im Haus. Bei der Kripo Amberg wurde zur Aufklärung des Verbrechens die „Einsatzgruppe (EG) Wernberg“ gebildet.

Ins Visier der Ermittler gerieten dann Mitte März 2015 die getrennt lebende, damals 52-jährige Ehefrau von Dieter Loew und ihr Partner, ein damals 25-jähriger Polizist. Die Kripo durchsuchte Häuser, Wohnungen und Liegenschaften, stellte Gegenstände und Dokumente sicher, von denen laut Staatsanwaltschaft nicht auszuschließen war, dass sie eine Verbindung zum Tatanwesen hatten. Ermittelt wurde wegen Mordes und schweren Raubes mit Todesfolge. Allerdings gab es keinen Haftbefehl, die beiden Verdächtigen wurden auch nicht in Untersuchungshaft genommen, sondern blieben auf freiem Fuß.

Silvia Loew kritisierte die Ermittlungsarbeit der Polizei, suchte die Öffentlichkeit, um den Tatverdacht zu entkräften. Die Kriminalpolizei wies die Vorwürfe entschieden zurück, gab sich aber zum damaligen Zeitpunkt bedeckt:"Einzelheiten zum Stand der Ermittlungen sind aus taktischen Überlegungen derzeit nicht möglich,“ hieß es in einer Mitteilung des Polizeipräsidiums Oberpfalz.

Die Rechtsanwälte Robert Hankowetz und Thomas Winkelmeier bemängelten in zwei Presseerklärungen 2016 und 2017 die Länge der Spurenanalyse. Die Staatsanwaltschaft hingegen berief sich auf aufwendige kriminaltechnische Untersuchungen und Auswertungen. Ende Juli stellte sie das Verfahren wegen Nichtnachweisbarkeit einer Tatbeteiligung ein.

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