15.02.2019 - 16:29 Uhr
WiesauOberpfalz

Außer Betrieb

Einen verwaisten und etwas verloren Eindruck macht die alte Produktionslinie der Tonwerke Wiesau heute. Fast 100 Jahre von der Gründung ist zur Stilllegung wurde hier mit fast den selben Maschinen gearbeitet.

Ein Rundgang mit Werksleiter Michael Bauernfeind und Josef Engelmann durch die stillgelegte Produktionslinie der Tonwerke Schiedel in Wiesau.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Die massive Holztüre der alten Produktionslinie knarzt, als Werksleiter Michael Bauernfeind sie öffnet. Der Staub kitzelt in der Nase. Es riecht nach Motoröl. Nur noch selten sieht das alte Gebäude Schiedel-Mitarbeiter. "Ich komme nur hier rein, wenn ich was suche, Ersatzteile oder was Altes. Und zur Kontrolle, ob das Dach undicht ist", erklärt Bauernfeind.

Ausgediente Werks-Fahrräder, eine Sonnenliege, historische Maschinen, Ersatzteile, Motoren auf Paletten, zig Ventilatoren aneinandergereiht ... "Es ist teilweise schon lustig, was wir da alles reingestellt haben", findet der 54-Jährige. Seit 33 Jahren arbeitet Bauernfeind bei der Firma. Dort lernte er den Schlosserberuf, durchlief verschiedene Abteilungen und war dann jahrelang Produktionsleiter, bevor er Werksleiter wurde. Seine Familie arbeitet mittlerweile in der dritten Generation im früheren Tonwerk. "Das hat sich so ergeben" sagt der Schönhaider. "Mein Schwiegervater war hier beschäftigt und fand die Idee gut, dass ich auch hier anfange."

Mitte der 60er war Schluss

Auf der zehn Hektar großen Fläche ragten einst zwischen der Produktionshalle elf große Schornsteine empor. Heute ist jeweils nur noch einer übrig. Mitte der 1960er Jahre war Schluss. Bis dahin lief die Produktion fast 100 Jahre so, wie seit der Gründung im vorletzten Jahrhundert. Die Maschinen stehen noch an Ort und Stelle - überzogen von einer Staubschicht. Nur langsam kommt der Staub gegen das dick aufgetragene Schmiermittel an den historischen Maschinen an.

Bildergalerie vom Rundgang durch die alte Produktionslinie

Der Kollergang, in dem Ton und Hartstoffe zerbröckelt wurden, der Siebrumpelschieber, die Mischanlage, die Batzenpresse, die den Ton formte, Paternosteraufzüge und Schamottelager. Würde man den Geräten etwas Pflege zukommen lassen, wären sie sicher funktionsfähig, ist sich Bauernfeind sicher. Unkaputtbare Qualität. "Sie hätten das hier vor 50 Jahren erleben sollen!", erinnert sich Josef Engelmann, unter anderem zuständig für die Instandhaltung, noch gut an die Blütezeit. Er kam 1970 als Schlosserlehrling zur Firma.

"Eingeschworener Haufen"

"Überall waren Leute, an jeder Ecke wurde gearbeitet." Schlosser, Schreiner, Schmied, Elektriker, Kfz'ler und Mauerer - viele arbeiteten unter einem Dach. "Ein eingeschworener Haufen", sagt Engelmann über die früheren Mitarbeiter. Zuletzt, vor der Stilllegung der alten Produktionshalle, arbeiteten neben 40 Männern auch eine Handvoll Frauen im Betrieb. "Die hatten keine leichteren Aufgaben, die erledigten die volle Mannsarbeit."

Zunächst müssen sich die beiden gelernten Schlosser den Weg durch gestapelte Kachelfließen, Waschbecken, Paletten und Kanalrohre bahnen, bevor es zur Treppe hinauf geht. Im ehemaligen Büro des Produktionsleiters, einer kleinen holzvertäfelten Kammer im ersten Stock, liegen noch Auftragsblätter, Gehaltsbücher und Zigarettenschachteln. Den Gang hinunter reihen sich zwölf Trockenkammern aneinander, die zweiflügeligen Tore stehen sperrangelweit offen. "So sieht es aus wenn der Arbeitsplatz von heute auf morgen verlassen wird. Da hat niemand was weggeräumt", sagt Bauernfeind.

Verlorenes Wissen

Unterm Dachboden lagern Tausende Holzformen. Mindestens genauso viele handwerkliche Unikate fielen einem Brand in den 50er Jahren zum Opfer. Für jeden Sonderauftrag fertigten Schreiner eigene Formen. "Der ,Schlager' war damals ein extra Lernberuf", weiß der Werksleiter. Mit großer Wucht wurden Ton- und Lehmbatzen in die Form geschlagen. Es durften keine Luftblasen drin sein. "Sonst war die ganze Arbeit umsonst." Der Aufwand war enorm. Dieses handwerkliche Wissen ging größtenteils verloren.

1986 wurde der Großteil der Anlage zurückgebaut, als die neuen Produktionshallen entstanden. Die Backsteingebäude gehören zur alten Produktionslinie und stammen aus der Gründerzeit. So wie dort hat es vor einigen Jahrzehnten noch auf dem ganzen Werksgelände ausgesehen. Teilweise wurden die Gebäude umfunktioniert und umgebaut, mittlerweile werden sie größtenteils als Abstelllager genutzt. Auch die alte Schmiede steht noch. "Einer unserer Mitarbeiter schmiedet dort ab und zu noch", kommentiert Bauernfeind.

Hausnummer für Ofen

Von ehemals rund 40 Brennöfen auf dem Gelände ist heute nur noch einer übrig. Nummer 28. Jeder Ofen hatte seine eigene Hausnummer. Diese bestückten die Arbeiter bis oben hin meist mit Kanalrohren. Dann wurde die massive Türe verschlossen und der Ofen durch sechs Schürlöchern von außen befeuert. Hatte der Ofen die richtige Temperatur - bis zu 1200 Grad heiß - wurde zum Glasieren durch eine Luke Salz hineingeschüttet und der Schieber zugemacht. Das Salz verdampfte und glasierte so die Rohre. "Wenn es weiß geraucht hat wurde gesalzen. Bei schwarzem Rauch nur befeuert", erklären die Experten. Mit der Abwärme der Öfen wurden auch andere Gebäude beheizt.

Im Ofengewölbe 28 ist ein besonderes Andenken abgestellt: Zwei Kanalrohre. Sie stammen aus der Zeit um 1900 und wurden für die Stadt Nürnberg gefertigt. Vor wenigen Jahren wurden dort die Kanäle modernisiert und die Oberpfälzer Keramikrohre in dem Zustand ausgegraben, wie sie vor 100 Jahren eingesetzt wurden. Die Franken schickten sie "mit bestem Dank" zurück ans Werk.

Kultige Figuren

Durch das Treppenhaus im Nebengebäude, an dessen Geländer noch ausgediente Schläuche der mittlerweile aufgelösten Werksfeuerwehr hängen, vorbei am Ersatzteillager der neuen Produktion, geht es in das frühere Keramik-Atelier und die Glasur-Mischerei. Gipsformen für Pflanztöpfe, Bierkrüge, Gartenzwerge, Sparschweine, und Hühner sind dort aufgereiht und abgestellt. "Wir haben mal so ziemlich alles produziert", erinnert sich Engelmann. Die Pflanztöpfe waren früher Kult, heute stelle sich die keiner mehr in den Garten.

Die eingepackten Edelstahlkamine sehen zwar versandfertig aus, sind allerdings aus dem Programm genommen. Die Exponate dienen als Ersatzteillager. "Verschrotten können wir sie später auch noch", findet Bauernfeind. Anderes gilt für die historischen Maschinen: Verkaufen könnte man sie schon, sagt Engelmann. "Das Bergen und Ausbauen ist das Problem." Dass die alte Produktionslinie noch steht hat auch einen Grund: "Wir müssen die Gebäude erhalten. Abreißen wäre zu teuer."

Historie::

Das Tonwerk Wiesau wurde 1883 als zweite Betriebsstätte der Firma Tonwarenfertigung Schwandorf (gegründet 1865) zur Produktion von Wand- und Bodenkeramik errichtet und spezialisierte sich zunehmend auf spezielle keramische Produkte. Das Werk sollte insbesondere für den Export nach Böhmen produzieren. Hergestellt wurden Steinzeugrohre, Keramikplatten und etwa Anstoßköpfe für die Stahlindustrie.

Während früher die Fracht per Zug über die Schienengleise geliefert wurde, kommen heute Lkw. Eigene Tongruben hat Schiedel nicht mehr, der Rohstoff wird geliefert. Während der Kriegszeit in den 1930ern und 1940ern kam vieles zum Erliegen, berichtet Werksleiter Michael Bauernfeind. Ab 1959 übernahm die Karla AG das Wiesauer Tonwerk. Diese wiederum wurde 1972 von Hutschenreuther einverleibt. 1993 verkaufte Hutschenreuther das Wiesauer Werk, das somit an Schiedel überging.

Das Wiesauer Werk ist eines von sechs Schiedel-Werken in Deutschland. Der Kamin-Spezialist ist Marktführer in Europa für Keramik- und Stahlkamine und liefert international. Wie früher fertigt man auch heute noch Keramikrohre, zusätzlich werden Edelstahlkamine vertrieben. Derzeit sind in Wiesau 84 Mitarbeiter beschäftigt. Keramische Schwesterwerke befinden sich noch in Tschechien und Nordirland.

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