22.11.2019 - 11:26 Uhr
WiesauOberpfalz

Frecher Schnellkurs in Erziehungsfragen

Bei Erziehungsfragen muss man Jan-Uwe Rogge nicht lange um eine Antwort bitten. Am Dienstagabend gastierte er mit seinem abendfüllenden Kabarett-Programm „Wie Erziehung garantiert misslingt“ im Pfarrzentrum.

„Eltern müssen den Mut zum Fehler haben und unvollkommen sein.“ Jan-Uwe Rogge kam mit seiner frechen Art in Wiesau gut an.
von Werner RoblProfil

Dr. Jan-Uwe Rogge, er lebt in Bargteheide unweit von Hamburg, ist der wohl bekannteste Erziehungsberater Deutschlands. Einige nennen ihn auch "Erziehungspapst". Rogge, der einer Einladung der Arbeitsgruppe "Bildung und Umfeld" des Bündnisses für Familie im Landkreis Tirschenreuth gefolgt war, ist ein glänzender Unterhalter und Fachberater bei Erziehungsfragen. Einen Abend lang erläuterte er anhand von humorvollen Beispielen, wie man die Stellschrauben, die für eine perfekte Kindererziehung wichtig sind, richtig dreht, um Erfolg zu haben.

In Vertretung von Landrat Wolfgang Lippert überbrachte Bürgermeister Toni Dutz, inmitten einer Wohnstube, die Willkommensgrüße. "Die Kulisse passt, wir befinden uns in einem Kabarett." Dass das Bühnenbild aber zu einem Theaterstück gehört, das derzeit gespielt wird, und nicht etwa eigens aufgebaut wurde, verriet Dutz nur am Rande. Dann machte er die "Bretter" frei, um den vorne sitzenden Jan-Uwe Rogge auf die Pfarrzentrumsbühne zu bitten.

"Schön, dass Sie gekommen sind." Rogge blickte zufrieden in die Runde und stellte fest: "So also schauen Eltern aus." Danach versprach er, die bekannten Erziehungsthemen in einem rund 120 Minuten dauernden Schnellkurs zu lösen. Dazu brauchte er keine Spickzettel. Rogge, der frech und frisch von der Leber weg berichtete, nahm kein Blatt vor den Mund. Der Erziehungsfachberater sprach aus Erfahrung und landete einen Treffer nach dem anderen.

In Watte

"Am schlimmsten sind die Eltern, die bei meinen Vorträgen mitschreiben und auf Tipps warten." Rogge nahm sich selbst nur äußerst selten auf die Schippe. Die spitzen Nadelstiche galten den permanent kreisenden "Hubschraubereltern", die die Sprösslinge fachmännisch in dicke Watte packen, damit dem Nachwuchs ja nichts passiert. Kritisch äußerte er sich zu modernen Namensschöpfungen. Aus "Mittelkindern", die ältere und jüngere Geschwister haben, würden neuerdings "Sandwichkinder".

Zielscheibe waren diejenigen, die nach dem Terminkalender oder (schlimmer noch) nach dem Wetterbericht, im Glauben an einen Erfolg, eine vermeintlich gesicherte Familienplanung betreiben: "Wenn ihr ein pflegeleichtes Kind wollt, zeugt es bei Südwind! Bläst er anders, dann müsst ihr halt auch die Segel anders setzen." Kichern, Lachen - das Publikum kam langsam in Fahrt; erster Szenenbeifall sorgte für eine kleine Redepause. Rogge rückte das Headset zurecht und holte weiter aus. "Kinder sind Geschenke. Aber man erkennt es nicht im ersten Augenblick."

Weiter ging's mit der Erziehungsfrotzelei im Ein-Mann-Theater, das sich mehr und mehr zu einem Rede-Feuerwerk mit Denkanstößen entwickelte. Schlag auf Schlag folgten "wertvolle" Informationen, die der Kabarettist in ernst zu nehmende Fall-Beispiele, Spott und Pointen verpackte. "Genießt die Zeit mit den Kleinen. Erst wenn die Kinder groß werden und ausziehen, dann spürt die Mama, dass sie bis zum Ende aller Tage mit Papa alleine leben muss."

Immer mit Humor

"Lacht doch einfach", empfahl Rogge und bezog das nicht nur auf seinen humorvollen Auftritt. Draußen im Erziehungsleben fehle es nicht selten am nötigen Humor. Nun ging es Richtung Kindergärten, Schulhöfe und Spielplätze: "Schauen Sie sich doch dort mal um und lauschen Sie dem Erfahrungsaustausch junger Mütter." Rogge weiter: "Früher durften die Kleinen spielen. Heute müssen sie betont schön spielen." Als Kind brauche man eine ungeheure Kraft, folgerte der Erziehungsberater und verriet noch so manches, worüber man schmunzeln, worin man sich aber auch wiedererkennen konnte.

Alles wurde durch den Kakao gezogen. Kaum jemanden störte der vorgehaltene Spiegel. Schließlich war alles Kabarett, keineswegs ein Lehrgang. "Kinder lieben Kinder", meinte Rogge, um einen Bogen zu den Freunden zu schlagen. "Wissen Sie, warum Kinder gerne in den Kindergarten gehen? Nicht, weil sie dort etwas lernen wollen, sondern um Gleichaltrige zu treffen, die die Fäkalsprache differenziert zu pflegen wissen." Der Paukenschlag saß. "Dies sind meine Tipps, auf die ihr so lange gewartet habt."

Zur Person:

Jan-Uwe Rogge

Jan-Uwe Rogge - geboren 1947 in Stade - lebt zusammen mit Ehefrau Regine und Sohn in Bargteheide (Schleswig-Holstein). Nach dem Abitur studierte er in Tübingen Germanistik, Politische Wissenschaften und Kulturwissenschaften. Rogge promovierte zum Thema Kindermedien zum Dr. rer. soc. (Verhaltens- und Sozialwissenschaften).

Von 1976 bis 1985 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Ludwig-Uhland-Institut für empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen und leitete mehrere Forschungsprojekte zu den Themen Familie, Kindheit und Medien.

Neben Fachveröffentlichungen in Fachzeitschriften und Büchern verfasste er auch eigenständige Publikationen. Gleichzeitig bildete er sich zum Familien- und Kommunikations-Berater weiter und gibt seit 1985 sein Wissen in Seminaren und Vorträgen im In- und Ausland an Familien, Eltern und Pädagogen weiter.

Seine seit 1984 verfassten Bücher zu Erziehungsfragen wurden teilweise Bestseller und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er gilt als Erziehungsexperte und war mehrfach Gast in Rundfunk- und Fernsehsendungen. (Quelle: Wikipedia)

Die Begrüßung – gewohnt humorvoll - hatte Bürgermeister Toni Dutz übernommen.
Jan-Uwe Rogge hielt jedem den Spiegel vor, ohne dass man es sofort merkte.
Das Pfarrzentrum war bis auf den letzten Platz besetzt.
Erziehungsfragen müsse man ernst nehmen, mahnte Rogge und empfahl, den Humor nicht aus den Augen zu verlieren.

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