Wiesau
20.02.2025 - 12:02 Uhr
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Weshalb ein Weg in Wiesau "Beim Frühmesser" und ein Haus Benefizium heißt

Im Ortsplan der Marktgemeinde Wiesau taucht ein ungewöhnlicher Name auf: "Beim Frühmesser". Weshalb man den Weg am Fuß des Kreuzbergs einmal so genannt hat, verrät ein Blick in die Geschichte, in der eine Stiftung eine Rolle spielt.

Der von Hecken und Bäumen gesäumte Weg „Beim Frühmesser“ verläuft nördlich des Benefizium-Grundstücks und verbindet die Pfarrer-Ferstl-Straße mit der Schönfelder Straße. Die Geschichte des Anwesens, in dem einst Kooperatoren – die Frühmesser – und später Ruhestandsgeistliche lebten, reicht ins 18. Jahrhundert zurück.

Vor über 290 Jahren stiftete der damalige Handels- und Fuhrmann Sebastian Enders aus Tirschnitz eine, wie es in der Ortschronik heißt, „für damalige Verhältnisse recht beträchtliche Summe“. Mit dem bereitgestellten Geld wollte er die Anstellung eines seelsorgerisch tätigen Kooperators in der Pfarrei Sankt Michael in Wiesau ermöglichen. An den Stifter und seine Ehefrau Margaretha erinnert eine Grabplatte am hinteren Seiteneingang der Kirche.

3100 Gulden

Die Beweggründe, die Enders veranlasst hatten, Geld zu verschenken und eine Stiftung ins Leben zu rufen, sind unbekannt; woher das Geld stammte, ist sagenumwoben. Wie dem auch sei, Enders war offenbar durch einen glücklichen Zufall vermögend geworden. Dankbar dafür hat er (wahrscheinlich) versprochen, einen erheblichen Teil – belegt sind 3100 Gulden - in einer von ihm ins Leben gerufenen Stiftung anzulegen, was mit fünf Prozent verzinst wurde. Mit dem Kapital wollte er einem Kooperator in Wiesau Kost und Logis geben. Zur Bedingung machte der Mann aus Tirschnitz, dass ein Geistlicher aus den Familien Enders oder Diener (so hieß Enders Ehefrau Margarethe mit Mädchennamen) bevorzugt werden sollte.

Fester Gottesdienstplan

Stifter Enders sicherte sich das Ernennungsrecht für den ersten Kooperator und schlug Jacob Gronauer vor. Den Mann beschrieb Enders - laut erhalten gebliebenem Zitat in der damals gebräuchlichen Formulierung und Schreibweise - als einen Geistlichen, der sich in „der Seelsorg und auch sonst sehr eyfrig aufführt und von allen pfarr Kündern geliebet würdt“. Enders gut formulierte Wertschätzung und Empfehlung hatten Erfolg: Gronauer wurde eingestellt. Lange wirkte er in Wiesau, weil er bald starb, aber nicht. Dieser Seelsorger wurde zu jener Zeit in Wiesau bereits „Frühmesser“ genannt, weil er als Gegenleistung die Gottesdienste in der Frühe halten musste. Für den geistlichen Dienst am Altar gab es einen Wochenplan: Von Michaeli (29. September) bis Georgi (23. April) um 7.30 Uhr; in der restlichen Zeit um 6 Uhr. Der Kooperator hielt also die Frühmesse, und von daher kommt auch die Wegbezeichnung am Kreuzberg: „Beim Frühmesser“.

Genau bestimmt war der Zweck der vom Kooperator laufend zu lesenden Messen: Am Sonntag zu Ehren der Dreifaltigkeit und montags für die armen Seelen im Fegfeuer. Der Donnerstag gehörte allen Heiligen. An das Leiden Christi wurde an den Freitagen, an die unbefleckte Empfängnis an den Samstagen erinnert. Die Messen an den restlichen Wochentagen durfte er nach freier Entscheidung halten.

Vererbbares Vorschlagsrecht

Es gab weitere einzuhaltende Bestimmungen: Nach längerer Krankheit (mehr als drei Wochen) musste sich der Frühmesser selbst um einen Stellvertreter kümmern. Sollte ein Mitglied der Tirschnitzer Stifterfamilie krank werden, musste der Kooperator den Patienten oder die Patientin einmal in der Woche besuchen und die Krankenkommunion bringen. Nach dem Ableben der Eheleute Sebastian und Margarethe Enders sollte das Vorschlagsrecht auf das älteste noch lebende Familienmitglied oder falls die Familie ausgestorben sein sollte an das Kloster in Waldsassen fallen. Auch weiterhin sollten die Wiesauer Kooperatoren (falls vorhanden) aus den Reihen der Enders- beziehungsweise Diener-Verwandtschaft bei der Auswahl bevorzugt werden, im Benefizium an der heutigen Schönfelder Straße leben und in der Pfarrkirche wirken dürfen.

Das unverändert gebliebene Benefizium wurde 1750 erbaut. Als in den 1980er Jahren das Pfarrhaus am Kirchplatz saniert werden musste, war das historische Anwesen an der Schönfelder Straße vorübergehende Wohnstätte des damaligen Pfarrers Josef Unsicker, seiner Haushälterin und deren Pflegetochter. Vor einigen Jahren wurde das Anwesen Benefizium an Privatleute veräußert. Den Namen hat es sich im Volksmund bis heute erhalten. Benefizium kommt aus dem Lateinischen und bedeutet unter anderem Wohltat, Gnadenerweis oder Lehen.

Hintergrund:

Das Benefizium in Wiesau

  • Standort des Benefiziums: an der Schönfelder Straße/Ecke Pfarrer-Ferstl-Straße in Wiesau
  • Baujahr: 1750 durch Stiftung, um Kooperatoren in Wiesau anstellen, beherbergen und verköstigen zu können
  • Der Weg im Süden bekam seinen Namen von den sogenannten Frühmessern, die in den Morgenstunden Gottesdienst halten mussten
  • Erster Frühmesser war Jacob Gronauer
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