17.06.2021 - 10:23 Uhr
WiesauOberpfalz

Wiesauer Geschichte humorvoll erzählt

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Endlich wieder Theater. Und endlich wieder Publikum. Die Premiere der historischen Spaziergänge durch Wiesau war für die Theatergruppe „Shalom Amitié“ ein schöner Erfolg.

Was für ein Schreck: Die beiden Frauen aus der Vergangenheit schauen entsetzt zu, wie Wiesau nahezu komplett abbrennt.
von Ulla Britta BaumerProfil

„Alles, was ihr hier nun erlebt, basiert auf der Wiesauer Chronik von Manfred Steinberger und Adalbert Busl," sagt Regisseur Bernhard Neumann bei der Begrüßung von gut 20 Gästen auf dem Kreuzberg. Er hält sich kurz, denn nun beginnt eine Premiere der Theatergruppe „Shalom Amitié“. Eine Aktion, die es in dieser Form noch nie gab.

Die Ortsführung mit Theatereinlagen ist ein „Corona-Kind“ - geboren aus der Hoffnung der Theaterakteure, im Sommer draußen ein wenig Theater anbieten zu dürfen. Was mit umständlichen Proben daheim wegen der Kontaktbeschränkungen begann, ist von Erfolg gekrönt.

Die Tour mit dem Titel „Richter, Frühmesser und Saubären – ein historischer Spaziergang durch Wiesau“ beginnt mit einem Blick auf den Teichelberg beim Friedhof und endet bei der Gaststätte "Stefflwirt" am Kirchplatz. Dazwischen liegen 90 Minuten und 14 Stationen, gespickt mit Erzählungen, Anekdoten, Wissenswertem, Neuem und Sagenhaftem – mal gesprochen, mal als Theaterszene gespielt.

Verlies für Gefangene

Wiesau hat nur noch wenig historische Bauten. Umso spannender ist es zu erfahren, was es wo einmal gab. Etwa, dass Wiesau ein Krankenhaus hatte und im ehemaligen Wohnhaus des örtlichen Richters das Verlies für Gefangene noch existiert. Die Premieren-Führung übernehmen Margot Konz und Laura Hopperdietzel. Die Darsteller sind ein wenig aufgeregt. Zuerst geht es weit zurück in der Geschichte. Die Teilnehmer erfahren von "Altenwiesa“ und werden zur Kreuzbergkirche geführt, wo einst auch die uralte Kreuzberglinde stand. Sechs Mann konnten sie umklammern, derart mächtig war dieser Baum. Als Überraschungsgast taucht ein „Hankerl“ (Anika Weltner) auf, das den Ortsnamen erklärt. Die sagenumwobenen Zwerglein vom Teichelberg seien sogar in der Wiesauer Chronik und im Amberger Archiv dokumentiert, erfährt die Teilnehmergruppe.

Ein paar Schritte weiter die Treppe vom Kreuzberg hinab wird es rabiat: Mein Gott, was war in Wiesau los? Die zänkischen Ratschfrauen Walburga (Kathrin Lukasak) und Mechthild (Stephanie Maurer) wissen von mindestens sieben Morden. Was Walburga dazu animiert, dies grausige Treiben gar mit dem blutigen Sauschlachten zu vergleichen. Humor darf nicht fehlen, die Frauen rennen unter Gelächter weg.

Angesagte Disco

Weiter geht es bis zum letzten Richterhaus in der Pfarrer-Ferstl-Straße. Gericht, Gerichtsbarkeit und die Richterlinde sind Bestandteil der Erklärungen. Am Kirchplatz dann stehen die Gäste im alten Wiesau. Die Kramerladen-Inhaberin Härtl-Anna (Anita Weltner) kann sich das nicht entgehen lassen, wenn sie in Wahrheit auch längst gestorben ist. Ihr legendäres „Kommds fei wieda“ an ihre Kunden beim Verlassen des Laderls hallt nun also wieder durch Wiesau. Hier stand auch die „Stadt Wien“, sagen Laura und Margot im Hinblick auf Hausnamen und alte Häuser. Jetzt nicken die Köpfe der älteren Tourteilnehmer. Die „Stadt Wien“ war eine angesagte Disco im Landkreis Tirschenreuth. Sie dürfte überhaupt eine der ersten Discos in der Region gewesen sein.

Spannung in der Hammergasse: Wiesau hatte ein Krankenhaus! Nicht lange, weiß Margot Konz. Ein paar Meter weiter trifft die Gruppe auf Vinzenz (Herbert Schicker), der mit dem Kaufmann Sebastian Enders (Markus Weig) einen heftigen Diskurs führt über Geld und Gold. Der Streit geht gut aus, zumindest für Vinzenz. Mehr wird nicht verraten.

Entsetzlicher Großbrand

Bergauf- und bergab führen die Stationen. Wiesau ist nun einmal kein flacher Ort. Bald wissen die Teilnehmer, was ein „Frühmesser“ sowie ein "Büttel" in Wiesau für Funktionen hatten und dass der Bader (Anika Weltner) auch Zähne zog in der Schulgasse. Vor dem "Haus der Musik" erleben sie, wie zwei Frauen (Kathrin Lukasak und Stephanie Puß) entsetzt vom Fenster aus den Großbrand in Wiesau verfolgen.

Auch Regisseur Bernhard Neumann und Christina Götz, beide Autoren des Stücks, hören aufmerksam zu. Was die Aufregung bei der Premiere größer macht. Der „Chef" hört genau hin auf die Textsicherheit. Da kann der eine oder andere textliche Patzer passieren. Plötzlich ist das Wort weg, das der Akteur sagen wollte. Wie verschluckt durchs Lampenfieber. Kein Malheur. Schließlich gehören Fehler dazu, wo Menschen (endlich wieder) gemeinsam unterwegs sind.

Wiesauer Bierstreit

Der unterhaltsame wie informative Spaziergang führt auch unter anderem durch den Pfarrhof und endet beim "Stefflwirt". Der Wiesauer Bierstreit mit den Mitterteichern wird von Bartl (Markus Weig) und Johann (Herbert Schicker) deftig aufs Korn genommen. Frei raus gesagt: Mitterteich kommt gar nicht gut weg. Selber schuld, schließlich haben die Mitterteicher den Bierstreit angezettelt. Wieder was gelernt. Und damit ist die 90-minütige Tour zu Ende. Aufatmen unter den Akteuren.

Regisseur Bernhard Neumann ist zufrieden mit seinem Ensemble. Christina Götz überreicht Adalbert Busl, der mit Rat und Tat historisch bei der Ausarbeitung des Spaziergangs zur Seite stand, einen kühlen Tropfen zum Dank. Mit herzlichem Applaus und wohlwollenden Worten des Bürgermeisters werden die Akteure von „Shalom Amitié“ entlassen. Sie brauchen jetzt erst einmal einen kühlen Trunk, der – Gott sei Dank – endlich auch wieder gemeinsam in einer Gaststätte genossen werden darf.

Gefragt sind auch die Stadtführungen in Tirschenreuth

Tirschenreuth
Service:

Es gibt noch Tickets

Die Touren mit dem Titel „Richter, Frühmesser und Saubären – ein historischer Spaziergang durch Wiesau“ sind begehrt. Aber es gibt noch einige Tickets.

  • Erhältlich sind Karten für folgende Termine: 25. Juni (18.30 Uhr), 26. Juni (16.30 Uhr), 2. Juli (18.30 Uhr), 3. Juli (16.30 Uhr), 17. Juli (16.30 Uhr), 18. Juli (16.30 Uhr und 18.30 Uhr).
  • Gebucht werden können die Touren über die Ticket-Hotline (Silke Schicker) unter Telefon 0172/4228902 oder E-Mail (silke.schicker[at]freenet[dot]de). Weitere Infos zu den Veranstaltungen im Internet (www.theater-wiesau.de).
  • Die Tickets kosten 10 Euro (5 Euro für Kinder und Schüler). Gruppenbuchungen an einem Wunschtermin (Termin mit Silke Schicker abstimmen) sind für bis zu 25 Personen für 149 Euro möglich.

„Alles, was ihr hier nun erlebt, basiert auf der Wiesauer Chronik von Manfred Steinberger und Adalbert Busl."

Regisseur Bernhard Neumann

 

 

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