28.12.2020 - 14:10 Uhr
Wildenau bei PlößbergOberpfalz

Klosterarbeiten: Leidenschaft für aufwendige Kleinstarbeit

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Anni Mark aus Wildenau fertigt seit 25 Jahren Klosterarbeiten. Für diese nahezu unbekannte Kunst braucht es viel Geduld, Fingerfertigkeit und Liebe zum Detail.

Anni Mark aus Wildenau fertigt seit 25 Jahren Klosterarbeiten und andere filigrane Basteleien. Mehr als Hundert Unikate entstanden bisher in mühevoller Kleinstarbeit.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Klosterarbeiten sind die große Leidenschaft von Anni Mark aus Wildenau. „Handarbeit – das war schon immer meins“, sagt die 69-Jährige. Vor 25 Jahren fing sie mit dieser kunstvollen Betätigung an. Mehr als Hundert Unikate entstanden bisher in mühevoller Kleinstarbeit: Alle Kunstwerke haben einen eigenen Platz im Haus. Vitrinen voll mit selbst gestalteten Hausaltären, „Fatschenkindlein“, Heiligenfiguren, Altarsträußen, Krüllbildern, Rosenkränzen und Haussegen. Ihre Werke sind zwar hauptsächlich religiöse Motive, aber Anni Mark fertigt mit den Techniken auch Volkskunst – verziert Straußeneier, kreiert traditionelle Trachtenkronen oder Paradiesgärten. „Es nimmt kein Ende, mir fällt immer was Neues ein.“

So entstanden Kunstwerke für jeden Feiertag, wie Ostern, Pfingsten oder Weihnachten. Besonders in der Vorweihnachtszeit beleuchtet die 69-Jährige am liebsten die Krippenbilder, Miniatur-Weihnachtsbäume aus gefärbten Federn und dekorierte Mini-Adventskränze. In einem Bilderrahmen gestaltete sie ein christliches Weihnachtszimmer. „Das hat sonst keiner“, sagt die Wildenauerin stolz. Die vielen künstlerisch geknüpften und aufwendig gebastelten Anhänger bewahrt sie in einer Glasvitrine auf – an den Christbaum der Familie kommen nämlich nur selbst geklöppelte Sterne.

Handarbeit zum Entspannen

Über den Verband landwirtschaftlicher Fachbildung, in dem ehemalige Landwirtschaftsschüler vernetzt sind, meldete sich Anni Mark 1996 zu einem Klosterarbeiten-Kurs an, ohne zu wissen, was das ist. „Seitdem hat mich das nicht mehr losgelassen. Ich habe immer weitergemacht.“ Später belegte sie Kurse zur Weiterbildung und suchte den Austausch in der Gruppe. Doch am liebsten arbeitet sie in Ruhe an ihren Schätzen.

Die 69-Jährige interessiert sich, seit sie ein junges Mädchen war, besonders für altes Kunsthandwerk. Klöppeln, Stricken, Basteln: „Das ist total mein Ding. Es gibt nix, was ich nicht mache. Ich brauche immer etwas zwischen den Fingern und wenn ich mit dem Basteln pausiere, stricke ich einen Socken“, sagt sie und lacht. Nach ihrer Ausbildung zur Hauswirtschafterin arbeitete die Wildenauerin vier Jahre in einem Blumenladen. Dann hat sie geheiratet und Kinder bekommen, eines davon ein Pflegefall. So war Anni Mark viel daheim. Abends, wenn Ruhe ins Haus einkehrte, fing sie mit den Handarbeiten an. Bis heute macht sie das so: „Da komme ich richtig runter.“

Techniken selbst beigebracht

Bei der Herstellung verwendet Anni Mark wertvolle Stoffe aus Samt, Seide und Brokat, Klöppelspitzen, bis zu 15 verschiedene Gold- und Silberdrähte, handgefertigte Glasperlen, Swarovski-Kristalle und andere Schmucksteine. Ihre wichtigsten Werkzeuge sind Pinzetten, Zangen und Scheren. „Was mit den Fingern nicht mehr geht, mach ich lieber mit der Pinzette.“ Die „schönen Arbeiten“, wie Klosterarbeiten auch genannt werden, sind sehr kleinteilig und filigran hergestellt, dafür braucht es Fingerfertigkeit, Ruhe, Liebe zum Detail und Geduld.

Aktuell arbeitet Anni Mark an einem Bild, das aus einem Kreuz umrankt von Seidenblümchen besteht. Das Kreuz ist aus Pappkarton, auf beiden Seiten mit Leinen beklebt. Darauf stickte die Wildenauerin ganz akkurat schwarze Glasstiftperlen. Das Unterstück der Blätter besteht aus einem Goldpappkarton, der mit Messingdraht verstärkt und mit feinem Haardraht umwickelt wird. Dieser ist so dünn, dass man ihn kaum zwischen den Fingerspitzen spürt. Kilometerweise hat die 69-Jährige die Drähte schon verwickelt. Für die Seidenblumen hat sie ein eigenes Werkzeug, das sie von einer Bekannten vererbt bekommen hat, die mit den Klosterarbeiten aufhörte. Es sieht einer Strickliesl ähnlich.

Die verschiedenen Techniken brachte sich die Wildenauerin selbst aus Büchern bei. Das Steinefassen für Seidenblümchen, die Stricknadeltechnik, Drahtarbeit oder Eder-Arbeit. Letztere nach einem Klosterbruder benannte Technik ist in Waldsassen sehr bekannt, denn sie kommt häufig in der Verzierung der Heiligen Leiber vor, weiß die Kunsthandwerkerin.

Mitbringsel aus dem Urlaub

Anni Mark interessiert sich nicht nur für die Klosterarbeit an sich, sondern eignete sich auch viel Wissen darüber an. Mit dem Buchautor Wolfgang Peschl pflegt sie mittlerweile eine Freundschaft. Den Autor aus Benediktbeuern lernte sie bei einer Ausstellung in Waldsassen kennen. Die Familien statteten sich gegenseitig schon Besuche ab. Jedes Mal bringt die Oberpfälzerin von ihren Ausflügen und Urlauben etwas für ihre Klosterarbeiten mit nach Hause: Motiv-Ideen auf Postkarten, Stoffe, Perlen oder Rahmen.

Am liebsten sucht sie sich Motive von Postkarten, fotografiert sich Figuren in Museen ab oder sucht im Internet. „Ich brauche Anregungen durch andere. Aber im Nachbilden bin ich richtig gut“, sagt die 69-Jährige und lacht. Bis ins letzte Detail erarbeitet sie sich die Motive. „Da muss alles haargenau stimmen.“ Auch die Gewänder für Figuren schneidert und bestickt sie selbst.

Ehemann mit eingespannt

An den Einzelteilen sitzt sie Stunden. Wie lang sie für eine Arbeit braucht, weiß sie nicht. „Während ich bastle, schaue ich nicht auf die Uhr.“ Ihr Mann Helmut verrät allerdings, dass sie sich mit ihrem Kunsthandwerk stundenlang beschäftigen kann. Den Schreiner spannt die Wildenauerin oft in ihr Hobby ein. Er baut etwa Vitrinen, Altäre und Schreine, saniert Rahmen oder drechselt Einzelteile. Bei manchen Details helfen auch Nachbarn oder Bekannte.

Zu ihren bisher aufwendigsten Arbeiten gehört ein „Fatschenkindlein“ unter einem Baldachin. Auch die „Prager Madonna“ oder das „Waldsassener Kindl“ bildete die Wildenauerin schon nach. Stolz ist sie auch, dass sie die Reliquie in der Wallfahrtskirche St. Quirin vor 20 Jahren mit ihren Klosterarbeiten schmücken durfte. Noch heute steht dieser Schrein mit den Verzierungen der 69-Jährigen in der Wallfahrtskirche bei Ilsenbach.

Unverkäufliche Kunstwerke

Anni Mark präsentiert ihre Objekte gerne auf Ausstellungen und führt die Kunst auch vor, obwohl sie sagt: „Ich bin kein Profi, ich mache das als Hobby.“ Ihre erste Ausstellung und Schauvorführung bestritt sie 2008 bei der 875-Jahr-Feier der Stadt Waldsassen. Im Museum dort waren Klosterarbeiten ausgestellt, die sie sich mit ihrer Schwester ansehen wollte. „Meine Schwester sagte zum Museumsleiter, dass ich auch Klosterarbeiten fertige. Und schon war ich dabei.“

Trennen kann sich die Wildenauerin von ihren Schätzen nur schwer. Ihre Werke überlässt sie nur Bekannten. Zu Hochzeiten oder runden Geburtstagen verschenkt Anni Mark auch Unikate. „Vergangenes Jahr hab ich zwei ,Fatschenkindlein‘ verkauft.“ Eine Ausnahme. Die vielen Arbeitsstunden könne ein niedriger dreistelliger Betrag eh nicht aufwiegen.

Hintergrund:

Ursprung der Klosterarbeiten

  • Klosterarbeiten sind Gegenstände der Andacht, die aus vielfältigen Materialien in kunstvoller und zeitaufwendiger Handarbeit vor allem in Klöstern geschaffen wurden. Nicht nur der fertige Gegenstand, vor allem die Arbeit selbst ist Ausdruck der Andacht.
  • Ihren Ursprung hat diese Kunst im 15. und 16. Jahrhundert, als man in den Klöstern begann, vielfältige Techniken zur Reliquienverzierung einzusetzen. Besonders in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz gehören sie zum religiösen Brauchtum.
  • Die Blütezeit der „schönen Arbeiten“, wie die Klosterarbeiten in alten Urkunden auch genannt werden, liegt im 17. Jahrhundert: Im Barock herrschte große Begeisterung für prachtvollen Schmuck.
  • Die Säkularisation 1803 brachte einen Einbruch der Klosterarbeiten mit sich. Wertvolle Aufzeichnungen wurden verbrannt, Kunstwerke verkauft. Doch durch Auftragsarbeiten wie Brautkronen, Trachtenschmuck oder Wappen fanden die „schönen Arbeiten“ auch im weltlichen Wohn- und Lebensbereich Einzug.

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