01.04.2020 - 17:01 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Coronavirus im Seniorenheim: Viel Zuspruch, aber auch Anfeindungen

Heimleitung und Mitarbeiter des AWO-Seniorenheims in Windischeschenbach haben es zurzeit doppelt schwer. Nicht nur die vielen Coronafälle machen ihnen zu schaffen, sondern auch Gerüchte und Anfeindungen. Aber es gibt auch gute Nachrichten.

Schwierige Zeiten für das AWO-Seniorenheim in Windischeschenbach.
von Michaela Lowak Kontakt Profil

Seit Dienstag, 31. März, ist bekannt, dass im AWO-Seniorenheim in Windischeschenbach 35 Bewohner und 19 Mitarbeiter mit dem Covid-19-Virus infiziert sind. Drei Senioren sind aufgrund des Virus bereits verstorben. Diese Nachricht erschütterte die Region. Viele Menschen nahmen Anteil und äußert sich besorgt. "Bei uns steht das Telefon nicht still", informiert Heimleiter Ralf Selch. Bereits seit 13. März gilt für das Seniorenheim ein striktes Besuchsverbot. Natürlich seien die Angehörigen sofort über die Situation informiert worden, sagt Selch. "Doch viele machen sich dennoch Sorgen."

Im AWO-Seniorenheim in Windischeschenbach haben sich sowohl 35 Bewohner als auch 19 Mitarbeiter mit dem Covid-19-Virus infiziert

Windischeschenbach

Kritische Stimmen

Neben vielen aufmunternden Worten gibt es auch Stimmen, die sich kritisch äußern und anonym schwere Anschuldigungen gegen den Heimleiter erheben. Kurz nachdem der Artikel am Abend des 31. März im Onetz online zu lesen war, gingen in der Redaktion die ersten E-Mails ein. In einer wurde Selch beschuldigt, in den Faschingsferien im Skiurlaub in Südtirol gewesen zu sein. Trotz positiv getesteter Familienmitglieder soll er an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt sein.

Heimleiter in Südtirol

Der Heimleiter will dies gar nicht leugnen. Es stimmt, dass er am 1. März mit seiner Familie aus Südtirol zurückgekommen sei. Zunächst seien auch alle symptomfrei gewesen. Erst ab 14. März habe es einen Fall in seinem Umfeld gegeben. Als Selch dies erfuhr, begab er sich sofort mit der ganzen Familie in freiwillige Quarantäne.

Das Gesundheitsamt testete die Familie Selch am 19. März auf das Covid-19-Virus. Es habe zwar eine Erkrankung in der Familie gegeben, aber der Heimleiter blieb negativ und zeigte auch weiterhin keine Symptome.

Gesundheitsamt: Grünes Licht

Da die Situation im Seniorenheim von zu Hause schwer zu steuern war, bekam er nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt eine Ausnahmegenehmigung für die Quarantäne und war ab 26. März wieder in der Einrichtung. Zu dieser Zeit arbeiteten bereits alle Mitarbeiter mit Mundschutz.

In einer weiteren Anfrage per E-Mail waren Bedenken gegen das "Essen auf Rädern" zu lesen, mit dem das AWO-Heim Senioren im Stadtgebiet versorgt. Auch hier kann das Gesundheitsamt Entwarnung geben. Die Mahlzeiten werden in der Küche in einem separaten Bereich zubereitet, verpackt und dann ausgefahren. Die Bereiche sind getrennt, die Gefahr einer Übertragung besteht nicht, heißt es in der Pressemitteilung.

Trotz der angespannten Situation lässt sich das verbleibende Personal nicht unterkriegen. Vor allem, weil es auch moralische Unterstützung von außen bekommt. Unzählige Bilder, gemalt von Mädchen und Buben aus Windischeschenbach, werden derzeit im AWO-Heim abgegeben oder treffen per Post ein. Die Motive zeigen Regenbogen, Blumenwiesen mit Sonne und aufmunternden Botschaften wie "Bleibt stark", "Ein herzlicher Dank an das gesamte Personal" oder "Bleib gesund". Die Gesten tun gut. "Es ist so schön, das so viele Kinder unsere Bewohner in diesen schweren Zeiten aufmuntern. Dankeschön", schreibt eine Mitarbeiterin auf ihrer Facebook-Seite.

Schutzmasken geliefert

Der Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt greift dem Windischeschenbacher Heim ebenfalls unter die Arme. Da erforderliche Schutzmasken zur Neige gingen, kam Geschäftsführer Alois Fraunholz vom AWO-Bezirksverband Niederbayern/Oberpfalz persönlich mit 250 Masken vor die Tür und übergab sie dem Leiter Ralf Selch. "Mit dieser Schutzausrüstung können wir die Versorgung unserer Bewohner für die nächsten Tage gewährleisten", zeigte sich dieser erleichtert. Selch möchte seinem verbliebenen Personal ein großes Lob aussprechen. "Alle, die noch arbeiten, sind sehr engagiert", dankt der Heimleiter seiner Mannschaft.

Knapp 600 Kontaktpersonen

Auch das Gesundheitsamt muss eine sehr große Herausforderung meistern. In der Region Weiden-Neustadt/WN stehen aktuell knapp 600 Personen als enge Kontaktpersonen unter Quarantäne, hinzu kommen knapp 350 Menschen mit Coronavirusnachweis. "Das ist eine riesige Belastung", gibt Dr. Thomas Holtmeier zu.

Bestimmte Fristen, wie lange positiv getestete Mitarbeiter zu Hause bleiben müssen, gibt es nicht. Laut Gesundheitsamt ändern sich hier die Bundes- und Landesregelungen ständig. "Wenn alle Mitarbeiter nur unter Quarantäne gestellt würden, könnten die Bewohner nicht mehr versorgt werden", heißt es in der Presseauskunft. Wesentliches Ziel sei der Schutz nicht infizierter Bewohner, so dass infiziertes Personal ohne Symptome ausschließlich infizierte Bewohner betreut.

Im Zimmer bleiben

Die Senioren im AWO-Heim dürfen zurzeit das Zimmer nicht verlassen. Weder die Infizierten, die das Virus weitergeben könnten, noch die Gesunden. Auch die Betreuung ist so ausgelegt. Negative Pflegekräfte kümmern sich um negative Bewohner. Dies gilt auch für positiv getestetes Personal und positive Bewohner. Laut Gesundheitsamt ist dies aufgrund neuer Regelungen möglich. Anders ginge es auch nicht, heißt es in der Mitteilung weiter.

Auch wenn die Isolation für Senioren und Angehörige nicht einfach ist, zeigen die meisten Verständnis. "Mit meiner Tante kann ich momentan nur telefonieren", bedauert eine Windischeschenbacherin. "Doch ihr geht es gut und sie hat ja ihren Fernseher zur Ablenkung."

Landrat Andreas Meier äußerte sich besorgt über die Situation in seiner Heimatstadt. "Wir alle sind tief betroffen angesichts der Verstorbenen. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen. Die Sorgen und die Gefühle der Verwandten um die Bewohner, gerade angesichts des Besuchsverbotes, vermögen wir kaum nachzuvollziehen", sagte der Landrat "Mein besonderer Dank und höchster Respekt gilt den engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ihre Sorgen um die eigene Gesundheit hintenan stellen, um die ihnen anvertrauten Menschen weiterhin zu versorgen."

Schwere Zeiten für das AWO-Seniorenheim Windischeschenbach.

Die aktuellen Fallzahlen in Weiden und im Landkreis Neustadt/WN

Weiden in der Oberpfalz
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