Ein dumpfes Grollen, eine kurze Erschütterung – und die Frage, was da gerade passiert ist: Kurz nach Mitternacht hat am Freitag, 23. Oktober, ein Erdbeben zahlreiche Menschen in der nördlichen Oberpfalz aufgeschreckt. Das Beben ereignete sich um 0.34 Uhr nahe der tschechischen Stadt Bělá nad Radbuzou in der Region Pilsen. Es erreichte eine Stärke von 3,3. Damit war die Erschütterung deutlich über die unmittelbare Umgebung des Epizentrums hinaus spürbar.
Berichte über das Beben kamen unter anderem aus Eslarn, Waidhaus und Moosbach. Auch in Oberviechtach und Weiden bemerkten Bürger die Erschütterung. Einige Menschen berichteten von einem deutlich hörbaren Grummeln oder einem dumpfen Knall. Dass ein vergleichsweise leichtes Erdbeben in einem so großen Gebiet wahrgenommen wird, ist für Dr. Frank Holzförster nicht ungewöhnlich.
Holzförster ist wissenschaftlicher Leiter des Geo-Zentrums an der KTB in Windischeschenbach und beschäftigt sich seit Jahren mit den geologischen Besonderheiten der Region. Messdaten des Erdbebendienstes Bayern zeigen ihm zufolge eine Erdbebendauer von knapp zwei Minuten. Die stärkste Phase war allerdings wesentlich kürzer: „Bereits nach rund 15 Sekunden wurde der Höhepunkt der Wellenenergie unterschritten.“
Spannung löst sich
Das Erdbeben erreichte eine Magnitude, also eine Stärke, von 3,3. „Bei Erdbeben der Magnitude 3,0 bis unter 4,0 wird die Erdbebenstärke als gering eingestuft. Solche Beben sind zwar oft spürbar, sie verursachen aber nur selten Schäden wie beispielsweise Risse im Putz von Gebäuden.“ Sein Ausgangspunkt lag in rund zehn Kilometern Tiefe bei Marienbad in Tschechien. „Dort verläuft ein Ast der sogenannten Leipzig-Regensburger Bruchzone.“ Wie es zu dem Beben kam, erklärt Holzförster mit den Bewegungen im Untergrund: „Mit dem Erdbeben hat sich dort schlagartig eine Spannung gelöst, die durch das Verhaken von zwei Gesteinseinheiten auf beiden Seiten der Störung entstanden war.“
Wenn sich die beiden Gesteinspakete bewegen, dann rutschen sie nicht einfach aneinander vorbei, sondern verhaken auch, weiß der Experte. „Da sich die Gesteinspakete dennoch weiter bewegen, baut sich eine immer größere Spannung auf. Irgendwann ist die Spannung dann so groß, dass die Verhakung reißt.“ Durch das Reißen wird an einem einzigen Punkt, dem sogenannten Hypozentrum, sehr viel Energie freigesetzt, die sich in Form von Wellenenergie kugelförmig in alle Richtungen ausbreitet.
Im Epizentrum, dem Ort, an dem die Welle zuerst auf die Erdoberfläche trifft, hat sie den kürzesten Weg zurückgelegt und somit noch am meisten Energie. Diese wirke sich als stärkste Erschütterung aus. „Je weiter man vom Epizentrum entfernt ist, desto weniger Energie kommt an der Erdoberfläche an, und damit ist die gefühlte Erdbebenstärke dann auch immer geringer“, sagt Holzförster.Einige Menschen in der Oberpfalz berichteten neben den Erschütterungen von einem dumpfen Knall oder einem Grummeln.
Hörbarer Schall
Auch dafür hat Holzförster eine Erklärung: „Die Luft hat eine sehr viel geringere spezifische Dichte als das Gestein. Wenn die Erdbebenwellen an die Erdoberfläche gelangen und auf die Luft treffen, werden sie stark abgebremst und können als Schall hörbar werden.“ Anders als bei den bekannten Schwarmbeben im Vogtland und im böhmischen Egergraben handle es sich bei dem aktuellen Ereignis nach Holzförsters Einschätzung um ein tektonisches Beben. Während dabei Spannungen zwischen verhakten Gesteinspaketen frei werden, hängen Schwarmbeben mit Bewegungen von Magma in der Erdkruste zusammen. Dabei können innerhalb weniger Stunden, Tage oder sogar über Monate hinweg immer wieder kleinere Erschütterungen auftreten.
Dass das aktuelle Beben Teil einer längerfristigen Entwicklung ist, hält Holzförster für eher unwahrscheinlich – auch wenn es in den vergangenen Jahren in der Umgebung von Tachov immer wieder kleinere Erdbeben gab. Dass stärkere Erschütterungen in der Region dennoch vorkommen können, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: 1985 erreichte ein Beben bei Cheb eine Magnitude von 4,6. Damals entstanden Risse in Hauswänden, Schornsteine stürzten ein und Dachziegel fielen herab.
"Keine Region wie Japan"
Könnte sich ein solch starkes Ereignis wiederholen? „So ein Erdbeben ist auch heute nicht auszuschließen“, betont Holzförster. Einen konkreten Hinweis darauf, dass ein stärkeres Beben unmittelbar bevorstehe, gebe es nicht. Zudem bedeute das aktuelle Beben nicht, dass die Menschen künftig mit häufigen Erschütterungen rechnen müssen. „Die nördliche Oberpfalz ist sicherlich keine Region wie Japan, wo mit ständigen Erdbeben gerechnet werden muss.“
Sollte es doch einmal stärker beben, empfiehlt er, die Hinweise des Katastrophenschutzes zu beachten. Wichtig sei vor allem, sich vor herabfallenden Gegenständen und Bauteilen zu schützen. „In Japan lernen Kinder beispielsweise, unter einen Tisch zu kriechen oder sich in einen Türrahmen zu stellen. Wenn es gefahrlos möglich ist, sollte man jedoch das Gebäude verlassen und sich im Freien versammeln.“ Das Beben in der Nacht auf Freitag war für die Region somit ein eher seltenes Ereignis.





















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