20.03.2021 - 16:10 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Für Disco-Fans ist Atlantis nie untergegangen

Das Atlantis in Windischeschenbach hatte einen ganz eigenen Charme. Es war eine typische Disco einer längst vergangenen Zeit. Mit dunklem Holz, Teppichboden - und einem in den Anfangszeiten einzigartigen Show- und Musikprogramm.

Samstagabend im Atlantis.
von Michaela Lowak Kontakt Profil

Viele Windischeschenbacher schwärmen heute noch von den schönen Zeiten im Atlantis. 18 Jahre lang lockte die Diskothek nicht nur Einheimische, sondern Gäste aus der ganzen Region an. "Wir waren damals unheimlich stolz, dass wir in unserer Stadt eine Disco hatten", erinnert sich Peter Schultes (56). Der Windischeschenbacher, der viele Jahre im Atlantis hinter der Theke gearbeitet hat, denkt gerne an seine Jugendjahre zurück. Anfang Januar hat er eine Facebook-Gruppe gegründet, in der er zusammen mit mehr als weiteren 300 Mitgliedern in Erinnerungen schwelgt.

Zur Eröffnung im September 1978 hatte Discobetreiber Manfred Bittermann den Schlagerstar Jürgen Drews ("Ein Bett im Kornfeld") eingeladen. Auch in den Folgejahren standen immer wieder namhafte Künstler auf der Bühne im Atlantis. The Equals ("Baby Come Back"), The Eruptions ("One Way Ticket"), Arabesc ("Friday Night"), The Tremeloes ("Silence ist Golden"), The Marmalades ("Obladi Oblada") oder The Searchers ("Needles and Pins") begeisterten damals das Discopublikum.

Der Zauberer und die Zwiebeln

In den 1980er Jahre bot Bittermann seinen Gästen ein anderes Highlight: Hypnotiseur Pharo und Zauberer Hans Moretti trat mehrmals im Atlantis auf. "Das war wirklich so, wie man es im Fernsehen sieht", erinnert sich Schultes. "Wenn er den Leute gesagt hat, sie sollen eine Zwiebel essen, dann haben sie das gemacht. Das war lustig." Musikalisch änderte sich das Angebot ein wenig. Die Gruppe "Relax" ("Ein weißes Blattl Papier") oder Wolfgang Fierek ("Resi, i hol di mit meim Traktor ab") spiegelten den Zeitgeist der 80er Jahre wider.

Auch die Spider Murphy Gang schaute mal im Atlantis vorbei, allerdings nicht, um ihre Songs zu präsentieren, sondern um einfach einen netten Abend zu verbringen. "Die standen bei mir an der Theke und haben geplaudert", blickt Schultes zurück. "Auf einem Bierdeckel habe ich sogar Autogramme bekommen."

Sonntagnachmittag in der Disco

Während der 18 Jahre legten verschiedene DJs auf. Einer davon war Thomas Mohr. Anfangs nannte er sich DJ Tommy, nach der Atlantis-Zeit war er dann als DJ Moretti bekannt. Mohrs erste Versuche als DJ begannen an den Sonntagnachmittagen. "So was gab's damals noch, da man abends ja erst ab 18 Jahren rein durfte“, sagt er schmunzelnd. Tommy war jeden Sonntag Stammgast und schaute den DJs Alex und Andy über die Schulter. Die beiden ließen den Jungspund auch ab und zu an die Plattenteller.

Aufgeregt fieberte Thomas Mohr dem Tag (5. Oktober 1988) entgegen, an dem er endlich einmal alleine am Abend auflegen durfte. "Doch zwei Tage zuvor starb Franz-Josef Strauß, so dass Staatstrauer angeordnet war." Der Abend platze, die Euphorie verflog. "Doch meine Chance bekam ich die Woche drauf." DJ Moretti hat die Einrichtung der Diskothek heute noch vor Augen. "Die Wände waren mit orangefarbenen Bildern und grün-braunem Teppich verkleidet, es gab viele Nischen, Sitzplätze und viel dunkles Holz", erzählt er. "Das war alter Charme", kommentiert er den damaligen Trend. Ein Highlight war im Atlantis eine obere zweite Ebene, von der man einen guten Überblick über die komplette Disco hatte.

"Hosentürlwetzer"

Zu seiner Zeit lief "Live is Life" von der österreischen Band "Opus" im Atlantis rauf und runter. "Bestimmt vier bis fünf Mal am Abend", weiß DJ Moretti. Heutzutage wird zum Beispiel in vielen Club nur Black oder House gespielt, im Atlantis gab's breitgefächerte Runden für die verschiedenen Musikrichtungen, auch Dreher und sogenannte „Hosentürlwetzer“. "Die Leute haben in den 80ern noch brav und zurückhaltend getanzt, da ist keiner ausgeflippt, sondern hat eher einen Fuß zum anderen gezogen, von links nach rechts." Außer in den Hardrockrunden: "Dann kamen die Luftgitarrenspieler auf die Tanzfläche."

Die Atlantis-Playlist von DJ Moretti

In den 80er Jahren und auch in frühen 90ern fing der Abend für die Leute eher an. Bereits kurz nach 20 Uhr strömten die Besuchers ins Atlantis. "Um 20.30 Uhr war es oft schon zum Bersten voll", blickt Moretti zurück. Peter Schultes, damals hieß er mit Spitznamen "Chip", kann dies bestätigen. "Man hat ja fast alle gekannt. Wer rein wollte, kam bei mir an der Theke vorbei. Ich kam aus dem Servus-Sagen gar nicht mehr raus." Auch die Fußballer von der SpVgg Windischeschenbach oder die vielen Bohrtechniker von der KTB schauten immer wieder gerne im Atlantis vorbei.

Zu den ersten DJs im Atlantis zählten der „Wirth-Ferdl“ und DJ Hans. "Hans und meine Vorgänger haben jedes Lied noch extra anmoderiert, was auch ich so fortführte", erinnert sich Thomas Mohr. Auch etwas, dass heutzutage keiner mehr machen würde. Dann folgten DJ Willi (der kürzlich verstorbene Erbendorfer Willi Kamm), Alex und Andy. Einer der letzten, der sein Handwerkszeug noch im Atlantis gelernt hat, war Christian Trummer. Als 16-Jähriger hat er am Sonntagnachmittag angefangen. Heute ist er als DJ Karagiosis unterwegs.

Schmunzeln über die Klamotten von damals

Peter Schultes bedauert, dass es nur wenige Fotos aus dieser Zeit gibt. "Damals hat noch niemand daran gedacht, dass es jemals Fotohandys geben würde." Und wenn in der Facebook-Gruppe doch mal jemand ein Bild ausgräbt, ist die Freude groß. Und auch wenn die Kleidung damals modern war, können viele über die Hosen im Karottenschnitt, Dauerwellen, Addidas-Stiefel mit den drei schwarzen Streifen oder die Slipper mit den kleinen Kordeln nur schmunzeln. "So war es halt", sagt Schultes.

Manfred Bittermann, der die Disco von 1978 bis 1996 betrieben hat, ist im Januar 2021 im Alter von 72 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben. Diese Nachricht nahmen viele mit Bestürzung auf. "Er war einer der Guten", sind sich die Fans in der Facebook-Gruppe einig. 1996 erkannte Bittermann, das die Zeiten für einen Diskothek wie das Atlantis vorbei waren. Der Trend ging zu Großraumdiskotheken mit kühleren Einrichtungen mit weniger Holz und Schnickschnack. Die Leute wollten etwas Neues.

Die Erinnerungen bleiben jedoch unvergessen. Lolita Nonnenmacher, inzwischen 77 Jahre alt, hat von Anfang an als Bedienung im "Atlantis" gearbeitet. Zweimal schon hatte sie in den vergangenen Jahren für ehemalige Mitarbeiter und Freunde ein Treffen organsiert. "Schön war's", sagt sie. "Und vielleicht können wir uns ja nochmal treffen, wenn Corona vorbei ist. Wer weiß, ob noch was zusammengeht."

Das Sound war das Herz des Oberpfälzer Rock

Burglengenfeld

Hier geht's zu allen Teilen der Disco-Serie

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.