13 Millionen Euro will der Freistaat Bayern für die Sanierung der schon lange brachliegenden ehemaligen Bleikristallfirmen in Neustadt/WN und Altenstadt/WN lockermachen. Für den Landkreis Neustadt ist das ein positives Signal aus München. Das sieht auch Bürgermeister Karlheinz Budnik so. Dennoch möchte er hier einhaken. "Auch wir in Windischeschenbach haben ein solches Gelände und das soll nicht vergessen werden", sagt er.
Wer mit dem Zug nach Windischeschenbach fährt und dort am Bahnhof aussteigt, steht zunächst einmal direkt vor dem ehemaligen Betriebsgelände der Annahütte. Die einstige Produktionshalle mit ihrer großen Glasfront fällt sofort ins Auge. Auf den ersten Blick ist klar, dass hier schon lange niemand mehr arbeitet. Auf dem Gelände wachsen wahllos Birken, das Eingangstor ist mit einer Kette gesichert und das rote, verblasste Firmenlogo hebt sich kaum noch von der ehemals weißen Hauswand des Bürogebäudes ab.
Bereits 1994 meldete die Firma Hofbauer Konkurs an. Rund 390 Beschäftigte bangten um ihrem Arbeitsplatz. Mit der Concord GmbH (bis 2003), der Phönix Vertriebsgesellschaft (bis 2009) und der Nabucco Glas GmbH ging es auf dem Betriebsgelände zwar noch eine Zeitlang weiter, doch die erfolgreichen Zeiten von einst gehörten längst der Vergangenheit an. Seit 2014 rührt sich nichts mehr auf dem Betriebsgelände.
Die Halle und sämtliche Büro- und Nebengebäude sind zwar in keinem guten Zustand mehr, aber sie stehen noch. "Das ist vermutlich der Grund, warum zunächst Neustadt und Altenstadt an der Reihe sind", vermutet Bürgermeister Budnik. "Die Gebäudesubstanz ist noch nicht so schlecht, dass sie zusammenbricht." Mit der Wiederaufnahme des Städtebauförderprogramms hat Windischeschenbach vorgesorgt. "Wir stehen Gewehr bei Fuß", meint Budnik. "Wenn die Altlasten entsorgt werden würden, könnte das Gelände durchaus wieder reaktiviert werden." Der Rathauschef verweist auf erfolgreiche Beispiele im Nachbarlandkreis und nennt die frühere Firma Seltmann in Krummennaab und in Tirschenreuth das Amt für ländliche Entwicklung.
Auch die Städteplaner, die im Vorfeld der ISEK-Studie eine Bestandsaufnahme in Windischeschenbach gemacht haben, hatten sich über das Gelände der Annahütte Gedanken gemacht. Während Budnik eher an eine Gewerbeansiedlung denkt, für die es keiner sattelzugtauglichen Zufahrt bedarf, brachten die Städteplaner Ideen wie ein Industriemuseum oder eine Kletterhalle ins Spiel. Doch das ist noch reine Zukunftsmusik.
Laut Landratsamt hat es bereits 2010 eine erste historische Erkundung gegeben. 2012/13 folgte eine weitere orientierende Untersuchung, die den Verdacht auf Altlasten bestätigte. Auf dem Areal fanden sich Stoffe wie Arsen, Blei, Barium, Chrom, Kupfer, Quecksilber, Antimon und Kobalt. Aktuell läuft noch eine Detailuntersuchung, bei der unter anderem das Grundwasser geprüft wird. Rund um die Halle finden sich deshalb neun Grundwassermessstellen. Das Landratsamt weist aber daraufhin, dass der überwiegende Teil der Industriebrache versiegelt ist, so dass nur eingeschränkt Schadstoffe durch Sickerwasser ins Grundwasser gelangen könnten. Nach der Detailuntersuchung werde es vermutlich noch eine Sanierungsuntersuchung geben. Erst dann könne man über die Art und den Umfang der Maßnahmen entscheiden.
Über Sanierungskosten zu sprechen, sei noch zu früh, heißt es in der Stellungnahme des Landratsamtes weiter. Bürgermeister Budnik verweist auf eine Schätzung von 2017. "Damals war von 16 Millionen Euro die Rede", sagt er. "Das ist keine Summe, die man aus dem Ärmel schüttelt." Er kann sich jedoch nicht vorstellen, dass diese Zahl noch realistisch ist. Doch irgendwann müsse man das Problem angehen.
Aktuell ärgert sich die Stadt Windischeschenbach über eine andere Sache. Immer wieder würden "Lost Places"-Fotografen über den Zaun der Annahütte steigen und sich unbefugt Zutritt zu den Gebäuden verschaffen. "Im Internet sind mittlerweile etliche Bilder zu finden", sagt der Bürgermeister. Die Stadt hat zwar vor einigen Jahren ein Betretungsverbot für das gesamte Gelände erlassen und dies auch am Eingangstor deutlich kundgetan, doch das hält manche nicht davon ab, mühevoll über den Zaun zu klettern. "Manche Teile sind einsturzgefährdet und dürfen nicht betreten werden", warnt Budnik. Falls jemand dennoch die Warnungen ignoriert, wird er mittlerweile von einer Videokamera gefilmt. "Das ist kein Fake", stellt auch noch einmal das Landratsamt klar. Nachbarn oder der Windischeschenbacher Fahrdienstleiter, der auf einen Teil des Geländes blicken kann, hätten auch schon die Polizei angerufen.
Die Geschichte des Bleikristalls in Windischeschenbach
- Auf dem ehemaligen Gelände der Annahütte begann bereits 1873 die Produktion von Glas
- In der "Klarahütte" wurde Tafel- und Spiegelglas hergestellt
- 1927 wurde die Produktion eingestellt
- 1933 kaufte Karl Hofbauer aus Altenstadt/WN das Gelände und unterhielt hier bis 1939 eine Kristallglasschleiferei
- Bis 1946 ruhte der Betrieb
- Dann lagerte Hofbauer einen Betriebszweig aus Altenstadt/WN aus
- Ab 1951 wurde auch in Windischeschenbach Rohglas hergestellt
- 1953 ging ein weiterer Ofen in Betrieb
- Nach dem Tod von Karl Hofbauer erfolgte die Trennung der beiden Betriebe
- In Altenstadt machte Karl Hofbauer und Windischeschenbach Herrmann Hofbauer weiter
- 1973 wurde aus der Einzelfirma die Kristallglasfabrik Herrmann Hofbauer GmbH & Co. KG
- 1980 trat die Roseford GmbH als persönlich haftende Gesellschafterin ein
- Als es 1989 brannte, mussten Millionen für den Neuaufbau investiert werden
- Durch den Konkurs der Annahütte GmbH 1994 erfolgte die Betriebsstilllegung
- Die Immobilie blieb nach dem Konkurs im Eigentum der Herrmann Hofbauer GmbH & Co. KG
- 2015 erfolgte die Eigentumsaufgabe, seitdem ist das Grundstück herrenlos



























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