Windischeschenbach
16.11.2018 - 13:14 Uhr

Schwein im Hilton bringt Glück

Ludwig Lindner ist einer der weitgereistesten Windischeschenbacher. Mit Sicherheit, aber hat er mehr Seemeilen hinter sich, als alle anderen in der Stadt. Und das alles, weil er ein ganz süßer ist.

Bilder von Kreuzfahrtschiffen, eine Weltkarte mit den Reiserouten und zahlreiche Andenken sind im ganzen Haus des bei dem ehemaligen Chefpatissiers Ludwig Lindner zu finden. 15 Jahre fuhr er zur See. Bild: Petra Hartl
Bilder von Kreuzfahrtschiffen, eine Weltkarte mit den Reiserouten und zahlreiche Andenken sind im ganzen Haus des bei dem ehemaligen Chefpatissiers Ludwig Lindner zu finden. 15 Jahre fuhr er zur See.

"Ich war schon immer an Erdkunde interessiert und wollte als Schiffsbäcker die Welt anschauen. Das war der Plan meiner Kindheit." Lindner, den alle nur "Frank" oder "Heinerbeck" nennen, hat sich diesen Traum erfüllt. Er kennt alle großen Hafenstädte. Nur nach Kuba, Grönland und in die Antarktis führen auf seiner persönlichen Weltkarte keine Linien. Am 17. November feiert 70. Geburtstag feiert.

Im elterlichen Betrieb in der Hauptstraße 45 machte er die Lehre als Bäcker, arbeitete fünf Jahre und leitete den ersten Schritt in die große weite Welt ein. "Über eine schwedische Backmittelfirma habe ich eine Job in Göteborg bekommen." Mit dem R4 fuhr er los, konnte weder Englisch noch Schwedisch und war nie länger als zwei Wochen aus Windischeschenbach weg. "Da habe ich gemerkt, wie schwer es ist, ein Ausländer zu sein."

Schon vier Monate später bekam der junge Bäcker in der deutschen Botschaft den Einberufungsbescheid überreicht. Nach Bundeswehr und Meisterschule ging Lindner nach Interlaken ins Berner Oberland, spielte mit Köchen und Patissiers im Freibad Fußball. Nächste Station war Berlin. In der damals geteilten Stadt waren all seine Freunde, die nicht zur Bundeswehr wollten. "Im Hilton, dem heutigen Interkonti hatte ich einen Chefpatissier, der hat die Leute getriezt bis aufs Blut." Hier holt sich Lindner das berufliche Rüstzeug für die Zukunft sorgt für Glücksgefühle.

Mit einem lebenden Schwein im Arm ging der Oberpfälzer in der Silvesternacht 1973/74 durch die Hotelgäste. "Jeder der die Sau küssen wollte, musste zwei Mark bezahlen."

Von einer Norwegerin an der Rezeption holt sich der Bäcker die Adresse einer norwegischen Kreuzfahrtreederei, ein Freund schrieb die Bewerbung auf Englisch. Die Antwort samt Flugticket kommt prompt: In vier Wochen Start in Singapore. Das wenige Gepäck transportiert er zum ersten und letzten Mal in den kommenden 15 Jahren in einem Seesack. "Das Ding ist unpraktisch."

Die ersten drei Monate auf der "Royal Viking Sea" knetet Lindner als einer von zwei Leuten in der Bäckerei, dann wechselt er zu den fünf Konditoren, kümmert sich in Zehn-Stunden-Tag-Schichten um Desserts und Kuchen. "Nachts muss man als junger Mensch feiern."

Die bis zu 550 Passagiere genossen in den 70er Jahren absolute Luxusreisen, die zwischen drei und sechs Wochen dauerten. Obwohl die Gäste an Bord lediglich die Getränke extra bezahlen mussten, war "all inclusive" als Marketingaussage noch nicht geboren. "Man wusste, dass es auf einer Kreuzfahrt nur das Feinste gibt." Die Zuckerzaubereien von Linder und seinen Kollegen genossen Astronauten von Apollo 16, der Schauspieler Omar Sharif "und der König von Tonga ist einmal aufgetaucht". Zwischen Passagieren und der zahlenmäßig gleichgroßen Besatzung gab es Kontakt nur in Bezug auf die Arbeit beispielsweise am Büffet.

"Die Gäste waren überrascht, dass wir so jung sind, zwischen 25 und 35". Die Crew war international, in der Küche arbeiteten vor allem Schweizer, Österreicher und Deutsche - sechs Monate lang, sieben Tage die Woche. "Krankheiten gibt es nicht, Entweder du kannst arbeiten, oder du steigst aus." Nicht jeder, der angeheuert hat, schafft das.

Lindner hat als Abteilungsleiter eine Einzelkabine: Zwei Meter breit und fünf Meter lang. "Auf dem Weg zum Duschen bleibst du immer mal wieder auf einer Party hängen." Fast jeden Tag feiert einer Geburtstag. Es gab Mannschaftsbar und -deck auf dem 1973 gebauten Schiff, dass heute unter dem Namen "Albatros" unterwegs ist. Im nächsten Jahr will der pensionierte Seemann darauf selbst eine Kreuzfahrt machen

"Auf See arbeitet man und fährt von einem schönen Ziel zum anderen", erinnert sich Lindner. "Ich hatte ein Radl dabei und bin im Hafen ausgeschwärmt, um mir das normale Leben anzuschauen." Lindner radelte in kurzer Hose, Flip-Flops und mit zehn Dollar in der Tasche in die schlimmsten Viertel. Wer Bilder von Slums sehe, kenne den Geruch nicht. Überfallen oder ausgeraubt wurde er bei seinen Ausflügen nie. In Tonga in der Südsee ankerte das Schiff im Korallenriff, die Passagiere fuhren mit Holzbooten an Land, Lindner sprang aus der Ladeluke zum Schnorcheln. Die größten Dramen bei der Crew habe es immer drei Tage vor Rio gegeben, schmuzelt Lindner. "Jeder hat versucht seine Freundin auf dem Schiff loszuwerden."

"Kreuzfahrtschiffe fahren immer in Schönwetterzonen." Starken Seegang gibt es trotzdem. In der Patisserie wird dennoch gearbeitete. Mit dem Fuß unten am Arbeitstisch eingehängt, stehst du da und schreibst mit der Sahnetüte Happy Birthday auf die Torte. Lindner sah die traurigen Hinterlassenschaften aus dem Sechs-Tage-Krieg - "wir waren das erste Schiff, dass danach durch den Suez-Kanal-gefahren ist" - und war dabei, als die Royal Viking Sea 1978 als vermutlich erstes Kreuzfahrtschiff in Shanghai anlegte. Die einzige Verbindung zum Land war in den 70er Jahren ein Fernschreiber.

Nach Jahren auf See jettete der Windischeschenbacher als Supervisor mit dem Flugzeug vom Büro in San Francisco von Schiff zu Schiff, um Material zu finden, Leute zu interviewen, die Menüplanung zu machen und die aus Neuhaus stammende Freundin Renate Fütterer zu besuchen, die als Kabinensteward unterwegs war. Kennengelernt haben sich die beiden vor 32 Jahren im "Atlantis". Vor fünf Jahren heirateten sie.

"Jetzt wirst Du alt", stellte Lindner mit 40 Jahren fest. Die sechsmonatigen Einsätze auf See wurden immer anstrengender. Das persönliche Umfeld in Windischeschenbach hatte er sich in den fünf Sommermonaten zwischen den Reisen erhalten. 1979 baut er sich in der Heimatstadt in der Sonnleite sein Traumhaus. Anregungen dazu hatte er unterwegs gesammelt.

Die letzte Reise führte ihn um Japan herum. "In Nagasaki haben wir die Küche eingeräumt, die Jungfernreise des Schiffs führte weiter nach Hawai und Vancouver. "Da habe ich festgestellt: Danke das wars." Seitdem vermisst er keine Stunde mehr die Arbeit auf einem Schiff. Die Seeluft schon, erst jetzt im Oktober segelte er mit Freunden wieder einmal im Mittelmeer in Griechenland.

An Land arbeitete zunächst bei der PFA in Weiden im Wareneingang. Lindner spricht von einem Glücksfall. Die Umgewöhnung weg von der Arbeit im "Hotel mit Propeller" habe zwei Jahre gedauert. Nach der PFA-Insolvenz betätigt er sich bis zur Rente als Facility-Manager in der Region. Jetzt bastelt er an seinen seinen drei alten Motorrädern herum und dolmetscht hin und wieder beim Zoigl. "Wenn man überall war und viel gesehen hat, kann man ruhig in der Oberpfalz reden. Man weiß, das man nichts verpasst, denn auch im Paradies wie in Bora Bora und in Tahiti müssen die Leute aufstehen und arbeiten."

Frank Heinerbeck:

Beim Spielen am Anger nannten die Kinder den kleinen Ludwig gerne "Lucky". Das aber war der Tante ein Dorn im Auge. Lucky sei ein Mensch zweiter Klasse. "Dann sollen sie doch lieber Franz zu dir sagen." Schon war der Spitzname für den Bäckersohn geboren. Im Laufe der Reisen wurde aus dem Franz der englisch ausgesprochene "Fränk". (ui)

Ludwig Lindner (Zweiter von rechts) trägt Silvester 1973 ein lebendes Glücksschwein durchs Hilton in Berlin. Bild: ui
Ludwig Lindner (Zweiter von rechts) trägt Silvester 1973 ein lebendes Glücksschwein durchs Hilton in Berlin.
Ludwig Lindner Bild: Petra Hartl
Ludwig Lindner
Motorräder und Seetouren sind die zwei Leidenschaften von „Heinerbeck“ Ludwig Lindner. Bild: ui
Motorräder und Seetouren sind die zwei Leidenschaften von „Heinerbeck“ Ludwig Lindner.
Ludwig Lindner Bild: Petra Hartl
Ludwig Lindner
Die Anhänger seiner ersten Flugreise nach Singapore zum ersten Arbeitstag auf der Royal Viking Sea hat Ludwig Lindner bis heute aufgehoben. Bild: ui
Die Anhänger seiner ersten Flugreise nach Singapore zum ersten Arbeitstag auf der Royal Viking Sea hat Ludwig Lindner bis heute aufgehoben.
 
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