19.08.2019 - 17:37 Uhr
WinklarnOberpfalz

100 Jahre zurück in die Zukunft

Malerisches Fachwerk krönt den Hinterhof, im Brauhaus schlummert eine Sudpfanne. Im Thammer-Anwesen in Winklarn gibt es noch viele Schätze zu heben. Im Sprint ist das nicht zu schaffen.

von Monika Bugl Kontakt Profil

Das rote Biberschwanz-Dach leuchtet im Sonnenlicht, frisch verputzt präsentiert sich der Gebäudekomplex dem Marktplatz und gleitet zurück in die Rolle, die dem Thammer-Anwesen einst als "erstem Haus am Platz" gebührte: ein Vorzeige-Objekt für die Marktgemeinde. Noch ist dort aber Dauerbaustelle.

"Zimmer mit fließendem Wasser", so hatte das Haus einst um Gäste geworben, als dieser Luxus noch lange nicht selbstverständlich war. "Damals sind wirklich betuchte Leute nach Winklarn gekommen", weiß Bürgermeisterin Sonja Meier. Doch irgendwann waren die Glanzzeiten für das Ensemble mit Brauhaus, Gaststätte und Tanzsaal vorbei, das Bauwerk verfiel und wurde schließlich für den symbolischen Preis von einem Euro von der Marktgemeinde erworben. "Dem letzten Besitzer, Johannes Thammer, war es wichtig, dass alles beieinander bleibt", erinnert sich Meier. Nicht einfach, bei einem Objekt dieser Dimension, ein Marathon für die Kommune.

Der Kauf erfolgte noch unter Meiers Vorgänger im Bürgermeisteramt, Hans Sailer. Sechs bis sieben Jahre liegt das zurück, und die erste Etappe der Sanierungsstrecke ist fast geschafft. Der ursprüngliche Torbogen ist freigelegt. Nur noch eine verglaste Brücke verbindet jetzt den (vom Marktplatz aus gesehen) linken, westlichen Teil und die drei seniorengerechten, barrierefreien Wohnungen mit dem rechten Haus, das für alle Bürger offen stehen soll. Hilfe für und von Senioren soll es dort geben.

Prunk und Technik

"Wohnungen sind gefragt, viele junge Leute wollen nach der Ausbildung wieder zurück in die Heimat", erklärt die Bürgermeisterin. Und welches Haus kann schon mit so feinen Sprossenfenstern aus Holz punkten, zum Teil noch im Original. Überhaupt sind es die Details, die auch den sanierten rechten Teil des Gebäudes zu etwas Besonderem machen: der restaurierte Holzboden des Tanzsaals mit Spuren vom Holzwurm, das schmiedeeiserne Tor mit der Jahreszahl 1875 oder das verputzte Gewölbe im Flur mit dem früher von Fliesen verdeckten Steinboden. Noch eingelagert ist die alte Wandvertäfelung, die einst die Gaststube zierte, schon geordert ein Holzofen mit "Grandl" (in den Herd eingelassener Wasserbehälter), der vielleicht einmal für Kochkurse dient im künftigen "Haus der Begegnung". Sitzungssaal, Wickelmöglichkeit, öffentliches WC und Strom- und Wasseranschluss für die Feste auf dem Marktplatz: Viele Wünsche aus der Bevölkerung werden hier gebündelt.

All das zu restaurieren und in einen Zustand wie vor 100 Jahren zu versetzen, erfordert Fachkräfte, Fördermittel und einen langen Atem. "So ein Projekt kann man nicht auf einmal stemmen", sagt die Bürgermeisterin. Ganz bewusst, habe man sich in der Gemeinde dafür entschieden, die Sanierung Schritt für Schritt anzugehen. Nicht nur weil Wände Zeit brauchen zum Trocknen, sondern auch weil die Details entscheidend sind für den Erhalt das alten Bauwerks: vom Kamin bis hin zu den Heizelementen in der Wand, die feuchte Mauern verhindern oder den geseiften Holzboden, der später ganz bewusst Gebrauchsspuren aufweisen darf. Um all das zu finanzieren, gilt es Fördertöpfe auszuloten. Allein fast eine Million Euro sind an Mitteln der Städtebauförderung in das Projekt geflossen. Und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht, denn der Gebäudekomplex reicht bis in die nächste Querstraße. Im Hinterhof liegen Stallungen,Sudhaus, Limo-Haus und Eiskeller im Dornröschenschlaf, ein stattlicher Heu-Aufzug, alte Stallungen, der Braukessel und ein gewaltiges Kellersystem warten auf Handwerker.

Leuchtendes Vorbild

Ein Zentrum für Baukultur und Denkmalpflege könnte hier entstehen, das ist ein offenes Geheimnis. Studenten der OTH Regensburg haben schon mal ein Stück Vorarbeit geleistet, vielen "runden Tischen" werden weitere folgen. Die ersten Lorbeeren für die Sanierung hat die Kommune auch schon eingeheimst beim Tag der offenen Baustelle beispielsweise, bei den jüngsten Baustellen-Konzerten oder beim Besuch von Regierungspräsident Axel Bartelt. Letzterer fand die öffentlichen Gelder hier gut angelegt. Denn das Thammer-Anwesen wirkt schon jetzt als Vorbild für die Nachbarn am Marktplatz, wo so mancher Leerstand auf mutige Investoren wartet.

Fördertöpfe und ein Limit:

Födertöpfe und ein Limit

Das Thammer-Anwesen wurde im Rahmen einer Machbarkeitsprüfung und im Zuge der Erstellung des Städtebaulichen Entwicklungskonzepts näher untersucht. Daraus entwickelte sich eine Planung zur Sanierung für den vorderen Bauteil, wo früher Gastronomie und Fremdenzimmer waren - also dem Marktplatz zugewandten Teil. Für die Hilfsstelle für Senioren erhält der Markt 30 000 Euro Förderung vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Bei Sanierungskosten von rund 1,8 Millionen Euro gibt es über das Städtebauförderprogramm "Kleinere Städte und Gemeinden" und über den Struktur- und Härtefond 990 000 Euro. Aus den verschiedenen Töpfen der Denkmalpflege fließen 360 000 Euro in das Projekt. Das macht 1,38 Millionen Euro an Fremdmitteln. 400 000 Euro hat sich der Markt als Limit gesetzt. Für das im rückwärtigen Teil des Anwesens inzwischen angedachte Zentrum für Baukultur- und Denkmalpflege wurden bereits grenzüberschreitende Kontakte mit der Stadt Plasy, wo sich eine ähnliche Einrichtung bereits befindet, und dem Technischen Nationalmuseum Prag geknüpft.

So ein Projekt kann man nicht auf einmal stemmen.

Bürgermeisterin Sonja Meier

Bürgermeisterin Sonja Meier

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