27.10.2019 - 17:14 Uhr
WinklarnOberpfalz

Wenig Lohn und rätselhaftes "Totenzeug"

Ein Votivbild, ein nackter Adam oder "Totenzeug": Das über 100 Jahre alte Auftragsbuch eines Hinterglasmalers gibt Aufschluss über das Leben eines Kunsthandwerkers auf dem Land und seine Kunden.

Fachmann Dr. Reiner Reisinger lieferte auf der Basis des Auftragsbuches Details zum zeitgeschichtlichen Hintergrund der Künstler.
von Annemarie MösbauerProfil

Mit dem ganz besonderen Titel "Schmerzhafte Mutter Gottes, ein Ochs, eine Kuh und fünf Schweine" hatte der Arbeitskreis "Hinterglas" zu einem Vortrag eingeladen. Maria Baumer stellte den Zuhörern Dr. Reiner Reisinger vor, einen Fachmann zu diesem Thema. Bevor der Referent auf das Auftragsbüchlein von C. J. Ruff der Jüngere einging, hatte er Informationen zu der Küntlerfamilie. C.J.Ruff war verheiratet, hatte drei Söhne, Rudolf (in Frankreich vermisst), Richard und Karl, sowie die zwei Töchter Barbara und Maria. Keines von seinen Kindern führte jedoch das Malerhandwerk weiter.

Das besagte Auftragsbüchlein mit seinen 42 Seiten ist ein Unikat, nicht gedruckt und ganz unscheinbar. Es beinhaltet 137 Einträge mit Bestellungen von diversen Objekten. Erwähnt wurde es das erste Mal von Raimund Schuster in den 70er Jahren. Mit 500 Riss-Zeichnungen befindet es sich im Museum der Stadt Regensburg. Reisinger durfte diese Rarität 2011 sichten und auch fotografieren. Das handgeschriebene Heft beinhaltet 137 Einträge mit 147 Bestellungen im Zeitraum von 1905 bis 1910 und gibt Einblick in das Leben vor einem Jahrhundert.

Breit gefächert waren die Aufträge: Blechbilder, Firmenschilder, Grabkreuze, Grabtafeln, Kruzifixe, Kirchenstuhltaferl, Totenbretter, Totentaferl, Türschilder, Allerseelentaferl, Totenzeug und natürlich Votiv- und Andachtsbilder. Das sechs Mal erwähnte Totenzeug mit Namen und Sterbedatum gibt dem Fachmann Rätsel auf, um was es sich hier genau handelt. Kirchenstuhltaferl reservierten den Platz in der Kirche bei Gottesdiensten, vor 100 Jahren wahrscheinlich noch notwendig. Zu den Blechbilder gehören die Bilder in Bildstöcken und Marterln.

Handwerker brachten an ihren Häusern Firmenschilder an mit der Bezeichnung ihres Berufes. Grabkreuze und Grabtafeln zieren die letzte Ruhestätte mit Namen, Geburts- und Sterbedatum oder Alter. Mit dem Eintrag: "Totenbrett Johann Ertl Bauerssohn von Schönthan gestorben 3.Oktober 1906 im Alter von 19 Jahren gestorben liegend mit Bild" war die Beschriftung des Totenbretts klar festgelegt. Das Brett sollte nicht senkrecht, sondern waagrecht aufgestellt werden, auf einem weiß grundierten Brett erfolgte der Schriftzug in schwarz. Auch einfache Kruzifixe für den Herrgottswinkel schnitzten die Maler selber.

Madonna oder Adam

Türschilder mit der Bezeichnung der einzelnen Örtlichkeiten bestellte eine Familie aus Heinrichskirchen. Vor allem bei Gasthäusern waren diese Schilder gefragt. Die Motive für Andachtsbilder waren: Geiselheiland, Josef mit dem Jesuskind, Herz Jesu und Herz Maria Darstellungen, die Altöttinger Madonna und die Amberger Madonna mit ihrem Prunkmantel. Es gab auch Sonderwünsche wie "Heiliger Adam als Nackter auf 12er nach Thanstein Winterbräu vom 4.Mai 1905".

Bei Votivbildern bestellten die Kunden meistens eine Pietà-Darstellung mit Grund für ihre Votivgabe in Bild oder Schrift, beispielsweise die "Schmerzhafte Mutter Gottes, ein Ochs, eine Kuh und fünf Schweine". Wahrscheinlich wird es sich hier um einen Fall von Viehseuche handeln, mutmaßte der Experte.

Nicht abgeholt

Aus persönlichen Randvermerken wird sichtbar, dass leider nicht alle Bestellungen abgeholt und auch bezahlt wurden. "Fertig, aber nicht bezahlt", hieß es dann oder "Bilder abgesagt". Die unterschiedlichen Preise (Totentaferl 1 Mark, Totenzeug 2,80 Mark oder 9,50 Mark Unfall mit dem Fuhrwerk) richten sich wahrscheinlich nach Größe und Ausführung. Oft findet sich der Hinweis Metallgold (billiger) oder gutes Gold (echtes Gold). Reisinger fand auch heraus, dass die Bestellung von unterschiedlichen Orten kamen, aber im Umkreis von nur zehn Kilometer. Nur ein Objekt ging nach München. Der Referent gab den Interessierten Zuhörern Einblick in die Gepflogenheiten der Winklarner Handwerker. Sie mussten sich auf vielfältige Weise und zu kleinen Löhnen ihr Brot verdienen, so die Bilanz des Fachmanns.

Für kleine Kunstwerke wie diese Muttergottes aus Dautersdorf gab es oft nur wenig Lohn. Das dokumentiert das Auftragsbuch des Hinterglasmalers C.J. Ruff.
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