24.09.2020 - 13:23 Uhr
WunsiedelOberpfalz

Fichtelgebirge mit Vorreiterrolle: Wasserstoff aus erneuerbaren Energien

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Der Landkreis Wunsiedel setzt voll auf Wasserstoff. Experten begrüßen den eingeschlagenen Weg.

Einige Experten wurden aus Berlin und der Schweiz per Video-Vortrag in die Fichtelgebirgshalle zugeschaltet.
von Autor FPHProfil

Heute lacht niemand mehr über Wunsiedel. Im Gegenteil, die Festspiel- und Energiestadt ist bei Experten in aller Munde. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass am Dienstag zur sogenannten Kick-off-Veranstaltung „HyExpert – Wasserstoffmodellregion Fichtelgebirge“ mehr als 50 Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft in die Fichtelgebirgshalle gekommen sind.

Einer der deutschlandweit ausgewiesenen Experten, wenn es um Fragen der Energiewende geht, ist Marco Krasser, der Geschäftsführer der Wunsiedler Stadtwerke SWW. Er blickte zurück ins Jahr 2004, als in der Festspielstadt die erste Bürger-Photovoltaikanlage ans Netz ging. Damals sei das Engagement der Stadt, des Bürgermeisters samt Stadtrat und vieler Bürger von den Energieriesen und der großen Politik noch milde belächelt worden. Auch als die erste Pelletsfabrik Wun-Pellets und die Satelliten-Kleinkraftwerke gegründet wurden, habe Wunsiedel kaum jemand ernst genommen.

Das hat sich gründlich geändert. Mittlerweile arbeitet die SWW unter anderem mit dem Siemens-Konzern und zahlreichen Universitäten und Institutionen zusammen. Erst vor wenigen Tagen hat der Stadtrat zudem den Bau eines Elektrolyseurs zur Produktion von grünem Wasserstoff genehmigt. Um genau diesen geht es, sagte Krasser. Denn Wasserstoff sei nicht gleich Wasserstoff. Letztlich müsse die Dekarbonisierung der Industrie und des Verkehrs im Mittelpunkt stehen. „Und das ist eben nicht der Fall, wenn nach wie vor 95 Prozent des in Deutschland produzierten Wasserstoffs mit Hilfe von Kohle und Gas gewonnen würden. Dem Klimaschutz nütze dies nichts, weil dennoch Kohlendioxid entstehe. Grüner Wasserstoff wird hingegen – zum Beispiel demnächst in Wunsiedel – aus erneuerbaren Energien hergestellt. Daher ist dieser Wasserstoff CO2-neutral.

Mit der Entwicklung eines Elektrolyse-Systems beschäftigt sich die Stadt Wunsiedel seit geraumer Zeit

Wunsiedel

Krasser appellierte an alle Entscheider, bei der Anwendung auf grünen Wasserstoff zu setzen. So sehr er auch für mit Wasserstoff angetriebene Autos sei, hoffe er, dass Wasserstoff außer für die Mobilität auch in der Industrie in großem Stile genutzt werde. „Nur so wird es uns gelingen, den CO2-Ausstoß nachhaltig zu reduzieren.“

Dafür plädierte auch Professor Michael Sterner von der Ostbayerischen-Technischen Hochschule in Regensburg. Er ist seit Jahren in der Forschung über Grundlagen und vor allem Anwendung von Stromspeichern insbesondere in Zusammenhang mit Wasserstoff tätig.

Klimawandel bremsen

Keinen Zweifel ließ er an der Notwendigkeit der Energiewende, um den Klimawandel zumindest zu bremsen. „Wenn wir sie nicht schaffen, werden die Folgen auf die Wirtschaft und Gesellschaft noch weitaus gravierender sein als die derzeitige Corona-Pandemie.“ Es gehe schlicht um die Lebensgrundlage großer Teile der Erde. „Was würden Sie tun, wenn im Fichtelgebirge wegen dauernder Dürre nichts mehr wachsen würde? Auch Sie müssten die Gegend verlassen und dort hinziehen, wo die Umwelt bessere Lebensbedingungen bietet.“

Allerdings, und da nahm der Professor kein Blatt vor den Mund, braucht man dazu die richtigen Köpfe vor Ort. Dem Fichtelgebirge attestierte er diese übrigens. Auf der anderen Seite gebe es die „knallharte Realität“, dass zum Teil schon militant jedes neue Windrad von bestimmten Gruppen bekämpft werde. Deutschland ist laut Sterner momentan Weltmarktführer bei der Umwandlung von Energie in Gas, etwa Wasserstoff. „Deutschland hat leider den Hang, zwar super im Entwickeln von Technologien zu sein, ist aber schlecht in der wirtschaftlichen und praktischen Umsetzung.“

Riesiges Potenzial

Letztlich sprach sich der Regensburger Professor für den weiteren Ausbau von regenerativen Energien aus, seien es Photovoltaikanlagen oder aber Windräder. „Wind und Sonne sind günstig und haben ein riesiges Potenzial.“ Die aktuelle Rechtslage für regenerative Energien ist in Bayern, wie Sterner sagte, „leider grottenschlecht“.

Keine pauschale Absage erteilte der Energieexperte den Strom-Fernleitungen von Norden nach Süden. „Wir haben im Norden einen massiven Überschuss von Windstrom. Momentan schmeißen wir den einfach weg und verbrennen so pro Jahr eine Milliarde Euro.“ Der Netzausbau sei sicher notwendig, aber eben nicht allein. Sterner kann sich gut vorstellen, mit dem riesigen Stromüberschuss Wasserstoff zu produzieren und diesen in den vorhandenen Gaskavernen unterirdisch zu speichern.

Als zentrales Element nannte der Regensburger Hochschullehrer die Elektrolyse. Er habe mit Interesse gelesen, dass der Wunsiedler Stadtrat den Elektrolyseur im Energiepark einstimmig genehmigt habe. Ähnlich wie Krasser hofft Sterner, dass Wasserstoff nicht nur für die Mobilität, sondern vor allem in der Industrie verwendet wird. „Die Stahlindustrie war hier Vorreiter. Es gibt aber noch viele weitere Anwendungen, etwa in der Düngemittelherstellung, in Papierfabriken oder bei der Produktion von Chemikalien.“

Hintergrund:

Das erste Ziel ist erreicht

Als eine von 13 Regionen ist der Landkreis Wunsiedel für ein Wasserstoff-Modellprogramm des Bundesverkehrministeriums ausgewählt worden. Das Fichtelgebirge darf sich nun „Hy-Expert – Wasserstoffmodellregion“ nennen. Mit Geld vom Bund kann der Landkreis nun ein Konzept für die Anwendung von Wasserstoff in der Region entwickeln. Dabei geht es vor allem um den Verkehr. Ziel ist es allerdings, die nächste Stufe „Hy-Expert“ zu erreichen. In dieser werden zusätzlich zu Studien auch die Anwendungen selbst vom Bund finanziell gefördert. Der Regensburger Professor an der OTH und Energieexperte Michael Sterner hat den Entscheidern im Landkreis Wunsiedel sechs Thesen mit auf den Weg gegeben:

  • Die Klimaschutzziele im Verkehr und in der Industrie sind nicht ohne Wasserstoff und massiven Ausbau von Wind und Solar erreichbar.
  • Es braucht Netze und Speicher, ebenso Elektromobilität und Wasserstoff. Alle Speicher sind bereits verfügbar.
  • Regionale Wertschöpfung mit Strom und Wasserstoff schafft Arbeitsplätze vor Ort und wirkt dem demografischen Wandel entgegen.
  • Regionalität schafft Akzeptanz: Kreislaufwirtschaft bringt eine engere Beziehung zwischen Verbraucher und Produzent.
  • Regionalität ist Trumpf: Wenn alle Akteure an einem Strang ziehen, stemmt man auch Größeres.
  • Die übergeordnete Politik muss einen klaren Willen zum Klimaschutz bekunden und Wasserstoff nachhaltig etablieren.
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