25.01.2019 - 17:24 Uhr
WunsiedelOberpfalz

Gemeinsam mehr bewegen und schaffen

Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Der Wunsiedler Matthias Popp und seine Mitstreiter wollen die große Landstadt Fichtelgebirge gründen. Nicht jetzt sofort, sondern in nicht allzu ferner Zukunft.

Die sieben Initiatoren der großen Landstadt hoffen, dass sie schon bei der kommenden Kommunalwahl erste Erfolge erzielen. Auf dem Bild (von links): Harry Ipfling, Matthias Popp, Alexander Fuchs, Sigrid Reul-Herold, Ewald Bauer, Bernd Leutheußer und Dieter Herold.
von Autor FPHProfil

Die ersten Schritte auf dem Weg dahin präsentierten die Initiatoren der „Überparteilichen Wählervereinigung Große Landstadt Fichtelgebirge“ (GLF) bei einer Pressekonferenz am Freitag im BD-Sensors-Forum in Thierstein. „Zunächst werden wir am 15. Februar einen Verein gründen. Anschließend kommt der schwerste Teil: Wir müssen gute Listenkandidaten finden“, sagt der in Schönbrunn wohnende Matthias Popp. Nicht nur in Wunsiedel, sondern in allen 42 Städten und Gemeinden, aus denen einmal die große Landstadt hervorgehen soll, will die Wählervereinigung bei der Kommunalwahl 2020 antreten. Mehrere Interessenten haben sich laut Popp bereits gemeldet. „Erst heute früh bekam ich eine E-Mail aus Ebnath von einer Frau, die mit dabei sein will.“ Ähnliche Bekundungen lägen aus Zell, Selb, Gefrees und Bischofsgrün vor. „Natürlich beginnen wir jetzt damit, aktiv auf die Bürger in den Kommunen zuzugehen und für unsere Idee zu werben.“

Wie berichtet, haben Popp und seine Mitstreiter ein Konzept entwickelt, aus den Gemeinden und Städten im Landkreis Wunsiedel und in Teilen der Kreise Bayreuth, Hof und Tirschenreuth eine sogenannte Landstadt mit 160.000 Einwohnern zu formen. Sie versprechen sich von dem neuen Gebilde – es wäre die viertgrößte Stadt in Bayern – ein deutlich höheres landespolitisches Gewicht. „In der nächsten kommunalen Amtsperiode (2020 bis 2026) wollen wir unsere Idee weiter entwickeln und auf eine größere Basis stellen“, erläutert Popp.

Die Oberbürgermeister Ulrich Pötzsch aus Selb und Oliver Weigel aus Marktredwitz sollten sich schon einmal warm anziehen, wenn Popps Idee eines Tages zünden sollte. Am Ende des Prozesses soll es für die Fichtelgebirgsregion nur noch einen Oberbürgermeister geben. Dass der Matthias Popp heißen wird, hält der Genannte für unrealistisch. „Da bin ich schon zu alt.“

Pötzsch und Weigel, sollten sie bis dahin im Amt sein, wären dann zumindest Bürgermeister. Ob sie Ortsteil- oder Bezirksbürgermeister wie in Berlin heißen würden, ist noch nicht sicher. Wie überhaupt Vieles noch nicht bis ins letzte Detail geplant ist. „Wir wollen zunächst die Idee in die Köpfe der Bürger bringen“, sagt Ewald Bauer aus Wunsiedel.

Zurück zu den Bürgermeistern. Die sollen keinesfalls zu Kaspern degradiert werden. In den einzelnen Kommunen, später Stadtteilen, werden innerhalb der Landstadt all die Belange geregelt, die vor Ort wichtig sind, etwa die örtlichen Feuerwehren, Schulen oder Kindergärten. „Die Identität der Orte muss erhalten bleiben, das ist ja unser großes Kapital“, sagt Mitstreiter Harry Ipfling.

Matthias Popp hat, wie er sagt, in seiner kommunalpolitischen Laufbahn „leider mehr als einmal erlebt“, dass sich die Städte und Gemeinden bei großen Fragen das Leben gegenseitig schwer gemacht hätten. „Bei Industrieansiedlungen ist es zweifellos von Vorteil, wenn der Unternehmer einen kompetenten Ansprechpartner hat und nicht jeder Bürgermeister den anderen ausstechen will.“ Dieses Beispiel lasse sich auf viele Bereiche übertragen, etwa den Wunsch nach einer Hochschule oder nach Forschungseinrichtungen.

Apropos Forschung. „Wir haben jahrzehntelang die besten Köpfe der Region, ganze Abiturklassen, in die Zentren exportiert. Diese Art der staatlichen Umverteilung muss aufhören“, fordert Popp.

Dass die Gebietsreform von 1972 bis 1978 die Region regelrecht zerschnitten hat, bedrückt Sigrid Reul-Herold aus Wunsiedel. „Das ist ähnlich wie in Afrika. Hier haben die Kolonialherren mit dem Lineal willkürliche Grenzen gezogen. Die schlimmen Folgen sind noch heute spürbar. Und bei uns gehört der nördliche Landkreis Tirschenreuth mental zum Fichtelgebirge. Die Trennung ist über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden worden.“

Ein Mega-Thema der Gegenwart spricht Harry Ipfling an: die Digitalisierung. „Sie ist im ländlichen Raum wichtiger als in der Metropole, da sie Distanzen überwindet. Als Fichtelgebirgsstadt können wir Druck erzeugen, damit auch hier die Digitalisierung schnell umgesetzt wird.“ Das sieht der Wunsiedler Arzt Alexander Fuchs ebenso. Er verspricht sich ein gut strukturiertes Klinikum als attraktiven Arbeitgeber. „Derzeit ist der Fachkräftemangel das größte Problem.“ Auch eine kommunale Berufsschule für Pflege- und Gesundheitsberufe, ein Campus als Verbindung zum Universitätssystem und ein kommunaler Verbund aus haus- und fachärztlichen Lehrpraxen ließen sich in einer großen Stadt einfacher verwirklichen.

Fuchs, der für die Freien Wähler im Wunsiedler Stadtrat sitzt, will in der kommenden Kommunalwahl für die GLF kandidieren. Eine große Gebietsreform befürchtet Bernd Leutheußer aus Marktredwitz. „Daher müssen wir jetzt handeln und den Fichtelgebirgsraum einen, damit wir nicht in Zukunft auf die Regionen Weiden, Bayreuth und Hof aufgeteilt werden.

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Die wichtigsten Thesen

Mit der großen Fichtelgebirgssstadt kann nach Ansicht der Initiatoren Vieles besser werden: Das gesamte Fichtelgebirge identifiziert sich mit der gemeinsamen Region und tritt geschlossen auf. Dadurch finden die politischen Anliegen in München besser Gehör. Industrie- oder Forschungsansiedlungen können besser koordiniert werden. Dadurch lässt sich Flächenverbrauch vermeiden, da nicht jede Kommune für sich eigene Gewerbegebiete ausweisen muss. Einzelne Projekte wie die Digitalisierung der Verwaltung müssen nicht 42-mal, sondern nur einmal erarbeitet werden. Das Fichtelgebirge kann sich als Raum mit einer intakten kleinstrukturierten Landwirtschaft vermarkten. Dank der großen Einheit kann achtsam mit dem Naturraum umgegangen werden.

Das Problem der Grenzen: Matthias Popp kann sich vorstellen, dass eine Stadt in zwei Bezirken, also in Oberfranken und der Oberpfalz, liegt. „Die sicherlich nicht einfachen juristischen Fragen muss der Freistaat klären – und zwar im Sinne des Bürgerwillens.“ (fph)

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