Wunsiedel
04.01.2023 - 15:58 Uhr
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Grüner Wasserstoff: Zweite Elektrolyse in Wunsiedel liegt auf Eis

Die Regelungen der Gaspreisbremse bremsen auch den Ausbau der Wasserstoffproduktion in Wunsiedel aus. Ein 20-Millionen-Euro-Projekt steht vor dem Aus.

Die Elektrolyse im Wunsiedeler Energiepark arbeitet noch nicht voll. Die geplante zweite derartige Anlage liegt auf Eis. Bild: Matthias Bäumler/fph
Die Elektrolyse im Wunsiedeler Energiepark arbeitet noch nicht voll. Die geplante zweite derartige Anlage liegt auf Eis.

Von Matthias Bäumler

Wer den Wunsiedeler Bürgermeister Nicolas Lahovnik kennt, der weiß, dass er alles andere als ein Schwarzseher ist. Trotz strenger Konsolidierungszwänge sieht er etwa mit Hilfe privater Investoren Chancen, in der Festspielstadt einiges zu bewegen. Im Falle des weiteren zügigen Ausbaus des "Wunsiedler Weges Energie" ist von seinem Optimismus wenig geblieben. Grund dafür sind mehrere Regelungen der jüngst beschlossenen Gaspreisbremse. Diese haben gravierende Folgen für Wunsiedel: "Es ist fraglich, ob die Produktion grünen Wasserstoffes im Energiepark in den nächsten zwei Jahren in Dauerbetrieb gehen wird", sagt er. Die Anlage, die im September unter anderem von Ministerpräsident Markus Söder eingeweiht worden ist, gilt als die aktuell größte in Deutschland. Ob sie in nächster Zeit im großen Stile zur Energiewende beitragen kann? Eher nicht.

Grob erklärt, schöpft der Staat zwei Jahre lang die Überschusserträge der Energieanlagenbetreiber ab. Allerdings wird im Gesetz explizit das Datum 1. November 2022 genannt. Und das bringt Wunsiedel in die Bredouille. "Das bedeutet zum Beispiel, dass eine Windkraftanlage, die vor dem 1. November keinen PPA-Vertrag abgeschlossen hat und die keine Absicherung des PPA-Preises über ein Terminmarktprodukt hat, generell nicht abgesichert sein würde und somit zum Marktwert abgeschöpft wird", erläutert der Chef der Wunsiedeler Stadtwerke SWW, Marco Krasser, das komplexe Konstrukt. Als PPA (Power Purchase Agreements) bezeichnet man Verträge zwischen einem Abnehmer und einem Erzeuger erneuerbarer Energien zu einem vorab vereinbarten Preis.

Die PPA-Preise im Falle "Wunsiedler Weg" werden nicht wie meist üblich über den Terminmarkt abgeschlossen, sondern zwischen Stromerzeuger und Abnehmer. "Die regionalen Wind- und Solaranlagen begnügen sich mit einem guten Festpreis. Dieser wird dann für die Versorgung der Kunden der SWW herangezogen. Somit hätten die Erzeuger einen fairen Verkaufspreis und die Verbraucher einen fairen Ökostromtarif erhalten", heißt es dazu in einer Pressemitteilung der Stadt Wunsiedel. Da diese Form der Energiepreisabsicherung nach den Vorgaben des Gesetzes nicht möglich sei, könne auch kein vergünstigter Preis an die Wasserstoffelektrolyse weitergegeben werden. Dies werde die Produktion grünen Wasserstoffes verhindern.

Aktuell keine Zukunft

Zumindest Siemens, neben Rießner-Gase und der SWW einer der Gesellschafter des Unternehmens Wun-H2, das die Wasserstoffproduktion im Energiepark betreibt, zieht Konsequenzen: Der Konzern sieht aktuell keine Zukunft mehr für die Herstellung grünen Wasserstoffs in Deutschland. Die bereits so gut wie sichere Erweiterung der Elektrolyse in Wunsiedel um eine zweite Anlage steht demnach vor dem Aus. Dabei handelt es sich um ein 20-Millionen-Euro-Projekt.

Marco Krasser ist über das Gesetz in der nun vorliegenden Form entsetzt. "Wir wollten hier helfen, die Wasserstofftechnologie weiterzuentwickeln und dann erstickt man sie im Keim. Lieber fährt man nach Katar und organisiert fossile Energieträger." Damit meint er Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, der in mehreren Reisen in den Nahen Osten Erdgaslieferungen ausgehandelt hat.

Photovoltaikanlage gefährdet

Bürgermeister Nicolas Lahovnik befürchtet, wie er jüngst im Stadtrat sagte, dass womöglich auch die geplante Freiflächen-Photovoltaikanlage bei Holenbrunn nun nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden könne. "Das ist ein unfassbar schwerer Schlag." Er und Krasser seien nicht ernsthaft davon ausgegangen, dass das Gesetz tatsächlich so verabschiedet werden würde, wie es der Entwurf vorsah.

In der Debatte über die Strompreisbremse im Bundestag sprach der CSU-Abgeordnete Andreas Lenz aus Ebersberg unter anderem die Folgen für die Wasserstoffproduktion in Wunsiedel an. Ein Brief der Stadt Wunsiedel und der SWW an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, in dem der Bürgermeister und der Stadtwerke-Chef die Auswirkungen schilderten, blieb unbeantwortet.

Wunsiedeler Spezialfall

Auf Nachfrage erläutert Bundestagsabgeordneter Jörg Nürnberger, dass es sich bei der Gas- und Strompreisbremse um ein ganzes Gesetzespaket handelt. "Man muss wissen, dass es im ersten Schritt darum ging, dem Risiko von Stromausfällen und explodierenden Gas- und Strompreisen zu begegnen. Dabei mussten Lösungen für 83 Millionen Bürger, also allgemeine Regeln gefunden werden." Er wisse durchaus, wie komplex der Strommarkt sei und kenne die Wunsiedeler Spezialsituation. "Sofort im Anschluss nach der kurzen Neujahrspause werden unsere Fachpolitiker den zweiten Teil der Strompreisbremse weiterentwickeln. Bis Ende Februar müssen alle Regelungen fertig sein." In dieser Phase komme auch der "Fall Wunsiedel" noch einmal aufs Tableau.

Nürnberger warb um Verständnis dafür, dass es wegen der vielen Gesetze, die die Strompreisbremse beträfen, eines gewissen Fahrplans bedürfe. "Mir ist bewusst, dass Wunsiedel sogar ein ganz spezieller Spezialfall ist. Bisher gibt es außer auf Laborebene nur Wunsiedel mit einer derart großen Wasserstoffproduktion."

Der SPD-Abgeordnete verweist auf die Biogasanlagenbetreiber, die sich mit ihrer Lobbyarbeit erfolgreich Gehör verschafft hätten. Die Regelungen für die Biogas-Produzenten sind noch einmal überarbeitet worden. "Hier steckt natürlich die geballte Kraft des Bauernverbandes mit dahinter. Dagegen haben in Sachen Wunsiedel die beiden hochfränkischen Abgeordneten natürlich nicht ganz das Gewicht." Allerdings sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. "Es ist natürlich schade, dass es Wunsiedel noch nicht möglich gewesen ist, vor dem im Gesetz genannten Stichtag längerfristige Energielieferverträge abzuschließen. Klar spreche ich die Probleme für Wunsiedel bei unseren Fachpolitikern noch einmal an", so Nürnberger.

"Sofort aktiv geworden"

Wilfried Kukla, Wunsiedeler Stadtrat und Kreisrat der Grünen, hat dem Bundeswirtschaftsministerium die Lage ebenfalls schriftlich geschildert. "Natürlich bin ich sofort aktiv geworden und habe mit Nachdruck darum gebeten, dass sich im Ministerium um die Angelegenheit gekümmert wird." Zudem schaltete er die oberfränkischen Grünen-Abgeordneten Johannes Wagner (Coburg) und Lisa Badum (Forchheim) sowie die Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Kulmbach-Wunsiedel, Magdalena Pröbstl, ein.

Ob es der SWW möglich gewesen wäre, die Energielieferverträge früher abzuschließen, könne er nicht sagen, so Kukla. "In diesem speziellen Fall muss es nun aber andere Lösungen geben, damit die Produktion grünen Wasserstoffs nicht gefährdet wird. Hier sehe ich eindeutig auch die bayerische Staatsregierung in der Pflicht, die sich ja immer rühmt, so viel für erneuerbare Energien zu tun."

Marco Krasser und Nicolas Lahovnik wollen die Flinte nicht ins Korn werfen. "Wir benötigen jetzt Fantasie und Zuversicht, um Lösungen zu finden", so der SWW-Chef. Auch der Bürgermeister will nicht nur schwarzsehen. "Wir werden auch diese Situation irgendwie meistern und arbeiten bereits daran, irgendwie etwas Gutes daraus zu machen. Aber Stand heute ist die Situation ziemlich schlecht."

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