13.10.2021 - 14:53 Uhr
WunsiedelOberpfalz

Innovatives Mobilitäts-Konzept für den Landkreis Wunsiedel

Mit einem verlockenden Pilotprojekt macht die Fichtelgebirgsregion auf sich aufmerksam. In sechs Orten entstehen Mobilitätsstationen, darunter in Marktredwitz und Arzberg.

So mancher Landkreisbürger kann in Zukunft womöglich auf einen Zweitwagen verzichten, wenn es Mobilitätsstationen gibt. Wenn die Menschen mehr mit E-Scooter und Lastenrädern unterwegs sind, sinkt vielleicht sogar mancherorts die Verkehrsbelastung wie hier in Marktredwitz.
von Autor FPHProfil

Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Im Landkreis Wunsiedel könnte zumindest der Zweitwagen schon bald für so manche Familie überflüssig werden. Jeder darf sich – wahrscheinlich ab Ende 2022 – an sogenannten Mobilitätsstationen weidlich bedienen: Soll es der E-Scooter für den Weg in die Arbeit sein, das E-Bike für einen Ausflug in den Nachbarort, das Lastenrad für den Großeinkauf oder gar das Leih-Auto, um abends mit den Kindern ins Schultheater zu fahren? „Ja, wir wollen unseren Bürgern Alternativen zum Auto bieten“, sagt Landrat Peter Berek im Gespräch mit der Frankenpost.

Bayernweit dürfte damit der Landkreis Wunsiedel im ländlichen Raum die innovativste Mobilitäts-Infrastruktur erhalten. In Marktredwitz, Selb, Arzberg, Höchstädt, Thierstein und Thiersheim entstehen die Stationen. Jeweils in der Nähe eines Bahnhofs oder einer zentralen Bushaltestelle werden für die Bürger die zusätzlichen mobilen Angebote wie Car-Sharing, Bike-Sharing, E-Scooter, eine E-Ladeinfrastruktur und Fahrradabstellanlagen zur Verfügung gestellt“, erklärt Tobias Köhler, der im Landratsamt für das Projekt zuständig ist. Er denke derzeit an eine Art Baukastensystem, sodass kleine, mittlere und große Stationen möglich seien.

Pilotlandkreis Wunsiedel

Der Landkreis Wunsiedel ist innerhalb der Metropolregion Nürnberg der Pilotlandkreis für das neuartige Mobilitätskonzept. Hier sollen bis Ende 2023 Erfahrungen mit Mobilitätsstationen gesammelt werden. Erweisen sie sich als Hit, wird die Metropolregion das Konzept später auch auf weitere ländliche Gebiete übertragen. „Ebenso denkbar ist allerdings, dass wir mit unserem Angebot gegen die Wand fahren, wenn es von den Bürgern nicht angenommen wird“, sagt Landrat Berek, der allerdings nicht davon ausgeht. Ein großes finanzielles Risiko trägt der Landkreis zumindest nicht. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung fördert den Aufbau der Mobilitätsstationen mit knapp 650 000 Euro. Das sind um die 90 Prozent der geplanten Investitionskosten.

„Im ländlichen Raum ist die sogenannte letzte Meile das Problem“, sagt Tobias Köhler. Es sei zwar gut möglich, zum Beispiel mit dem Zug von Röslau nach Marktredwitz zu fahren, „doch wie komme ich vom Marktredwitzer Bahnhof am schnellsten zum Arbeitsplatz am anderen Ende der Stadt?“ Gut, wenn der Pendler hier gleich unkompliziert auf ein Fahrrad oder einen E-Scooter steigen kann.

Alternative zum Individualverkehr

Letztlich hoffen die Verantwortlichen im Landratsamt, eine Alternative zum Individualverkehr zu schaffen. „Wir leisten damit einen Beitrag zum Klimaschutz. Und klar, wir justieren unser Angebot laufend und passen es dem Bedarf an“, sagt Tobias Köhler. Da sich im Verkehr derzeit unheimlich viel entwickle, habe er schon weitere Angebote im Blick. „Wir beschäftigen uns zum Beispiel viel mit dem autonomen Fahren. Auch hierfür können die Mobilitätsstationen zentrale Orte werden. Denkbar ist, in den kleinen Orten Lebensmittel- oder Medikamenten-Lieferungen an die Bürger zu übergeben.“

Noch müssen die Experten eine ganze Reihe Details klären, etwa rechtliche Fragen. So wird der Landkreis zwar bei dem Angebot mit im Boot sein, muss aber nicht unbedingt selbst als Betreiber fungieren. Ziemlich sicher ist, dass die Bürger die Scooter, Bikes oder Autos vorab werden buchen müssen. Dies soll online oder telefonisch möglich sein.

Es gibt bereits Angebote

Schon heute gibt es zum Beispiel in Marktredwitz mehrere Mobilitätsangebote – nur nicht an einem zentralen Ort. So bietet die Stadt einen Carsharing-Service an oder verleiht Lasten- und herkömmliche E-Bikes. Auch eine sichere Aufbewahrung von Fahrrädern am Bahnhof ist möglich. All dies soll künftig gebündelt in Bahnhofsnähe verfügbar sein.

In den kleineren Ortschaften Höchstädt, Thierstein und Thiersheim könnten auch die in den vergangenen Jahren immer beliebter gewordenen Mitfahrbänke platziert werden. „Und selbstverständlich werden wir überall Ladesäulen für E-Autos und E-Bikes aufstellen“, sagt Köhler. Wichtig ist dem verantwortlichen Planer eine Echtzeit-Information für die Kunden. Auf Info-Säulen kann vor Ort jeder ablesen, wann genau denn nun der Bus oder Zug jetzt tatsächlich kommt – die Digitaltechnik macht es möglich. Auch ohne große Suche auf meist vergilbten und chaotisch wirkenden Plänen wird irgendwann jeder Fahrgast Auskünfte über Anschlusszüge- oder Busse erhalten.

Bis Ende kommenden Jahres

Was nach Zukunftsmusik klingt, ist längst über ein Schubladenprojekt hinausgewachsen. „Die Mobilitätsstationen sind ein Teil des smarten Fichtelgebirges und können ein echter Nutzen für unsere Bürger werden. Ich gehe davon aus, dass wir tatsächlich bis Ende kommenden Jahres die Stationen einweihen werden“, sagt Berek. Vor allem für die kleineren Orte hält er sie für enorm wichtig.

Die sechs Orte hat das Team des Landratsamts ausgewählt, da sie sich für die unterschiedlichen Baukästen am besten anbieten. Während der Projekt-Phase sind allein aus finanziellen Gründen wahrscheinlich in keinen weiteren Städten und Gemeinden Mobilitätsstationen möglich. Sollte sich das Konzept bewähren, ist dies später aber nicht ausgeschlossen. „Wir planen sehr flexibel. Wie gesagt: Es entwickelt sich derzeit so viel. Wer weiß, ob sich nicht tatsächlich eines Tages Flugtaxis durchsetzen?“, sagt Berek halb im Scherz. Doch ganz im Ernst: Wer sprach vor fünf Jahren vom autonomen Fahren?

Autonomes Fahren auch ein Thema im Landkreis Tirschenreuth

Leonberg
Hintergrund:

Landkreis will in den Nürnberger Verkehrsverbund

  • Der Landkreis Wunsiedel gehört zur Metropolregion Nürnberg, ist aber ein weißer Fleck im Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN). Das soll sich möglichst bald ändern.
  • Bislang müssen Bürger aus Wunsiedel zunächst mit dem Auto nach Speichersdorf im Landkreis Bayreuth, um dann innerhalb der VGN-Zone mit der Bahn zum Beispiel nach Nürnberg oder Erlangen weiterzureisen.
  • Laut Landrat Peter Berek ist für den Beitritt des Landkreises zur VGN der 1. Januar 2024 frühester Termin. Allerdings müssten noch finanzielle Fragen geklärt werden.
  • Der Landkreis Wunsiedel wartet noch mit einer eigenen Mobilitäts-App, weil der VGN bereits über eine solche App verfüge. „Da wäre es klug, wenn wir unsere Region mit einbinden würden", so Tobias Köhler vom Landratsamt.
  • Der Landkreis Wunsiedel setzt auch auf das Fichtelgebirgs-Baxi, das auch in abgelegenere Orte fährt.

„Wir beschäftigen uns zum Beispiel viel mit dem autonomen Fahren. Auch hierfür können die Mobilitätsstationen zentrale Orte werden. Denkbar ist, in den kleinen Orten Lebensmittel- oder Medikamenten-Lieferungen an die Bürger zu übergeben.“

Tobias Köhler

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