Von Torsten Ernstberger
Die Getränkekästen sind sauber nach Sorten gestapelt, die Regale mit Merchandise-Produkten gut gefüllt. Zwei Mitarbeiter kümmern sich um die Kunden, die ihre Einkaufswagen durch die Gänge schieben. Am Montagmorgen scheint im Getränkemarkt der Lang-Bräu im Wunsiedeler Ortsteil Schönbrunn alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Und doch ist es der Tag, der hier alles verändern wird. Es ist der Tag, an dem Mitarbeiter und Kunden Gewissheit haben: Ende Mai kommt das Aus für die Brauerei. Nach 172 Jahren schließt der Familienbetrieb – und mit ihm endet auch ein Stück Wunsiedeler Geschichte und Tradition.
Brauereieigentümer und Braumeister Richard Hopf wirkt an diesem Tag gefasst. Seine Enttäuschung, dass er zusammen mit seinem Bruder Rudolf einen Schlussstrich ziehen muss, kann er aber nicht verbergen. Man sieht ihm an: Die Entscheidung ist ihm schwergefallen. Es war aber kein Schnellschuss. „Wir sind es unseren neun Mitarbeitern, unseren Kunden, unseren Fans schuldig, dass wir uns geordnet zurückziehen und uns nicht in Schwierigkeiten manövrieren und handlungsunfähig werden“, sagt Richard Hopf.
Investition nicht zu stemmen
Handlungsfähig bliebe man nur mit einem etwa zwölf Millionen Euro teuren „Neubau auf der grünen Wiese“. Denn so viel Charme der in die Jahre gekommene Brauerei-Komplex in der Schönbrunner Dorfmitte auch ausstrahlt, er ist nicht mehr zweckmäßig. „Die Brauerei-Branche ist sehr gebäude- und anlagenintensiv und verliert in der Breite an Absätzen“, sagt Hopf. Zusammen mit Kostensteigerungen in den Bereichen Logistik, Betriebsstoffe, Energie und Personal sei abzusehen, dass die Lang-Bräu auf Dauer nicht wettbewerbsfähig sei. Die traurige Wahrheit: Ein Neubau ist nicht finanzierbar. „Es ist in der Bierbranche – so wie man es auch vom Sterben von Bäckereien und Metzgereien kennt – ein ruinöses System“, klagt Richard Hopf. „Wachsen oder weichen – kleinere Strukturen sind auf dem Rückmarsch.“
Bürgermeister zollt Respekt
Wunsiedels Bürgermeister Nicolas Lahovnik sagt: „Großen Respekt dafür, dass die Hopf-Brüder nicht warten, bis nichts mehr geht, und für das Unternehmen und die Mitarbeiter einen geordneten Rückgang schaffen. Dafür braucht es viel Mut, Kraft und Weitsicht.“ Der Bürgermeister nennt das Aus der Lang-Bräu einen schweren Verlust und ein großes Stück Tradition, das Wunsiedel verloren geht.
Auch Erotik-Bier
1853 war das Gründungsjahr der Lang-Bräu, die seitdem in Familienhand ist. „Unsere Brauerei war ein Stück Heimatverbundenheit, Tradition und Lifestyle“, sagen die Hopf-Brüder. „Wir sind dankbar für die Jahre, in denen wir mit unerschütterlicher Leidenschaft für unsere vielen treuen Kunden und Fans brauen durften.“ Das Familiäre wurde stets großgeschrieben. In der jüngeren Geschichte hatte daran Jürgen Hopf großen Anteil. Der Vater von Richard und Rudolf hat sich selbst zur Marke gemacht. „Der Bräu“, wie das Wunsiedeler Original kurz und knapp genannt wird, war erfinderisch und für jeden Spaß zu haben. So erfand er unter anderem das Erotik-Bier und erzählte die Entstehungsgeschichte seiner Spezialität nur mit Schürze bekleidet und nacktem Po gerne auch überregionalen Medien. Sein Papst-Bier fand sogar den Weg bis in den Vatikan. Nicht zu vergessen: das Uhu-Bier – für alle unter Hundert. Mit dem Brauereifest und dem mittlerweile legendären, weil sehr unkompliziert organisierten Faschingsumzug förderte er die Dorfgemeinschaft und machte Schönbrunn über Wunsiedel hinaus bekannt. Noch heute fährt „der Bräu“ Bier aus – als Pappaufsteller auf dem Beifahrersitz eines Lastwagens.
Neue Strategie ab 2009
Seine Söhne übernahmen im Jahr 2009 den Betrieb. Sie wussten, welches Pfund ihnen ihr Vater in die Hand gegeben hat. Aber sie wussten auch, dass es auf dem sich wandelnden Biermarkt Veränderungen braucht. Gerade im Bereich Werbung und Außendarstellung. Eine starke Markenwelt war das Ziel. Unter anderem wurden die Etiketten der Bierflaschen moderner gestaltet, wurden „edler“. Neue Biersorten kamen heraus, wie das Super-Ale und das Lager. Zudem zog sich die Brauerei Schritt für Schritt aus dem professionellen Fest-Service zurück. Mit wenigen Ausnahmen – wie das Wunsiedeler Wiesenfest und Veranstaltungen in Schönbrunn – belieferte die Lang-Bräu keine größeren Feste mehr und reduzierte den Garnituren- und Equipmentverleih auf kleinere Privatveranstaltungen. Stattdessen wurde intensiv auf den Vertrieb im Einzelhandel gesetzt.
Bereits 2014 ging der Slogan „Läuft“ an den Start. Die Farbe Rot gehörte nun zum Erkennungszeichen des Schönbrunner Bieres. Der Schriftzug war unter anderem auf Kronenkorken, Getränkekästen, Klamotten und in Werbekampagnen zu finden. Und natürlich im Internet. Die Hopf-Brüder lebten ihre Marke, waren Hauptdarsteller in Kurz-Videos, veranstalteten Durchlaufkühler-Pop-ups (kurzfristig bekannt gegebene und nur wenige Stunden aufgebaute Gratis-Zapfstationen) und organisierten Gewinnspiele. Kurzum: Sie taten viel, um die Marke zu stärken.
Mit Erfolg: Die Seiten auf Facebook und Instagram haben jeweils mehr als 10.000 regionale Follower. Zudem wurde eine Partnerschaft mit den Selber Wölfen geschlossen, die Spieler des Eishockey-Zweitligisten laufen mit dem „Läuft“-Logo auf. Durch das große Maßnahmen-Paket gelang es den Hopf-Brüdern nach eigener Aussage, eine Erfolgsgeschichte zu schreiben, die den Absatz steigen ließ. Das Unternehmen Lang-Bräu sei „wirtschaftlich gesund“.
Faschingsumzug letzte Party
Zur Wahrheit – das ist seit Montag bekannt – gehört aber auch: Es kam trotzdem nicht genug Geld rein, um die anstehenden Millionen-Investitionen zu stemmen. „Die aktuelle Lage gibt das nicht her, deswegen mussten wir die Entscheidung treffen, dass wir schließen“, sagt Richard Hopf. Und das wollte er auch frühzeitig und offen kommunizieren. Nun gelte es, sich um die neun Mitarbeiter zu kümmern, die in „befreundeten Betrieben“ untergebracht werden sollen. Die Verträge mit Kunden würden ordnungsgemäß erfüllt. Ende April laufe die letzte Flasche vom Band.
Es gilt noch ein letztes Fest zu organisieren: den Faschingsumzug am 1. März. „Hier wollen wir uns verabschieden und ein unvergessliches Fest feiern“, sagt Richard Hopf. Damit ist ebenfalls klar: Das diesjährige Brauereihoffest am Pfingstwochenende wird nicht stattfinden. „Das bekommen wir nicht mehr gestemmt“, sagt der 37-Jährige. „Wir haben jetzt alle Hände voll zu tun. Ich halte es so: Es muss erst eine Tür zugehen, bevor eine neue aufgeht.“
Lang-Bräu Wunsiedel
- 1853 gegründet
- Stets in Familienbesitz
- Neun Mitarbeiter
- Ende April 2025 soll die letzte Flasche vom Band laufen

























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