Von Brigitte Gschwendtner
Immer mehr Top-Kräfte zieht es in ihre alte Heimat – spätestens, wenn sie selbst Kinder bekommen. Auch Franziska Pöhlmann und Melanie Scholz verlassen mit ihren Familien Stuttgart und Bonn, um im Wunsiedeler Landratsamt die Digitalisierung und den Tourismus zu fördern. Zum einen, weil sich in der Region so viel bewegt – zum anderen, weil die Akademikerinnen diese positive Entwicklung selbst unterstützen möchten.
Was vor Jahren wie ein Märchen klang, ist längst Realität: Das Fichtelgebirge ist in. Trendige Waren von Bikes über Burger bis hin zu Shirts schmücken sich mit der „Fichtel“-Marke. Dank der Imagekampagne „Freiraum für Macher“ gilt die Region als attraktiver Lebens- und Arbeitsraum. Die Folge: Etliche Hochqualifizierte lassen sich nach ersten Berufsjahren in der alten Heimat nieder.
Zum Beispiel zwei Frauen, die das Fichtelgebirge als Regional-Managerinnen voranbringen möchten. Franziska Pöhlmann, 34, und Melanie Scholz, 40, starten im Herbst die Fichtel-App und fördern den Tourismus. „Smartes Fichtelgebirge“ heißt ihre Projektstelle im Wunsiedeler Landratsamt, die bis 2025 läuft.
„Mein Herz schlägt für den Tourismus“, sagt Franziska Pöhlmann aus Fichtelberg, die es nach dem Abitur in Wunsiedel an Münchens erste Adresse zog: das Hotel Bayerischer Hof. Ausgebildet zur Hotelkauffrau, studierte Pöhlmann in Innsbruck Tourismus, um ihr Know-how in einem Frankfurter Management-Center sowie einem IT-Marketing-Betrieb in Stuttgart anzuwenden. Eine Rückkehr ins Fichtelgebirge schloss Pöhlmann „ehrlicherweise lange aus“, bis sie vor zwei Jahren in der Stuttgarter Innenstadt auf Vertreterinnen der Freiraum-Kampagne stieß. „Es hat mir gezeigt: Im Fichtelgebirge passiert wieder mehr.“
Unterstützung vermisst
Ihrer Heimat den Rücken gekehrt hatten sie und ihr Mann (ein Höchstädter) mit dem Gefühl: „Wir kommen hier nicht weiter – es gibt keine Perspektive.“ Nun schien sich die Stagnation zu lösen. Außerdem vermisste das Paar familiäre Unterstützung, seit es Kinder hatte. Hinzu kam, dass sich die Familie in Stuttgart aufgrund der Immobilienpreise räumlich nicht so entfalten konnte, wie sie es sich mit drei Kindern wünschte.
Klar sei aber immer gewesen: Zurück geht es nur, wenn die Jobs passen. Es gelang. Fabian Pöhlmann, 35, arbeitet als Einkaufsleiter global bei Netzsch Feinmahltechnik in Selb. „Ein toller Job“, sagt seine Frau. Als sich das Paar 2020 für den Umzug entschied, waren ihre Zwillinge ein Jahr alt, ihre Tochter drei. Franziska Pöhlmann bewarb sich aus der Elternzeit heraus beim Wunsiedeler Landratsamt, nachdem sie eine Stellenanzeige gelesen hatte. „Ich fühlte mich sofort angesprochen, weil die Aufgabe meinen Lebenslauf widerspiegelt.“
Die Arbeit mache ihr viel Spaß, was das Ankommen erleichtere, sagt Pöhlmann. „Ich wünsche mir, dass das Fichtelgebirge touristisch dahin zurückkommt, wo es einmal stand, und bekannter wird.“ Denn es sei wunderschön und biete viele Möglichkeiten.
„Ein Traum, hier zu wohnen“
„Wir bereuen den Umzug nicht. In diesem Lebensabschnitt ist es ein Traum, hier zu wohnen. Außerdem dürfen, können und sollen wir etwas bewegen “, sagt die Rückkehrerin, die die Aufbruchstimmung, den Freizeitwert und die Weite „unglaublich“ schätzt. „Uns geht es hier sehr gut.“
„Back to the roots“ zog es auch Melanie Scholz, die mit ihrer Familie von Bonn nach Weißenstadt umzog. Die Idee, zurückzukehren, sei zwar über Jahre gereift, doch letztendlich fiel die Entscheidung in acht Wochen. „Aufgrund einer glücklichen Fügung“, erklärt Scholz: Zum passenden Job-Angebot fand sich prompt die passende Unterkunft in Weißenstadt. „Wir hatten sehr viel Glück“, sagt die 40-Jährige, die in Schönbrunn bei Wunsiedel aufwuchs und nach einer Ausbildung als Hotelmanagement-Assistentin in Auerbach Tourismus-Betriebswirtschaft in Heilbronn studierte, bevor sie im Ausland, in München und im Rheinland arbeitete.
Auch bei Scholz verstärkte die Mutterschaft die Sehnsucht nach der Heimat. „Ich habe mich an meine eigene Kindheit erinnert – an Ski- und Rodelfahrten im Winter sowie tolle Bademöglichkeiten im Sommer.“ All das könne sie ihrer Tochter in Bonn so nicht bieten, meint Scholz. Ziel sei gewesen, vor dem Schulstart umzuziehen.
Zwar stammt ihr 42 Jahre alter Mann Erik aus Brandenburg und lebte lange in Leipzig, doch er begleitete sie seit 16 Jahren regelmäßig ins Fichtelgebirge, um Familie und Freunde zu besuchen. „Deshalb wussten wir beide, worauf wir uns einlassen.“
Zwei Themen in einem Job
Medienberichte über die Freiraum-Kampagne gaben ebenfalls Impulse, sich mit der Region zu beschäftigen. „Meine Tante hat mir die Freiraum-Artikel mit dem Handy abfotografiert und per Whatsapp nach Bonn geschickt“, erzählt Scholz. Außerdem verfolgte sie das Smart-City-Projekt. In der Regional-Managerinnen-Stelle zwei Themen in einem Job integrieren zu können, findet Scholz „spannend“ – zumal sie in der Software-Entwicklung schon an der Schnittstelle zwischen IT und Anwender tätig war.
Für ihren Mann, der im sozialen Bereich arbeitet, sei es leicht gewesen, im Kreis Wunsiedel bei der Lebenshilfe unterzukommen, weil hier ohnehin Mitarbeiter fehlen. Die naturverbunden Eltern genießen es, jetzt mit ihrer Tochter schnell Ziele „ohne Verkehr und Menschenmengen“ zu erreichen. So bleibe mehr Zeit, um ihr soziales Umfeld zu pflegen, freut sich Scholz: „Wir bekommen im Fichtelgebirge einen bunten Blumenstrauß an Vorteilen und Lebensqualität.“



















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.