24.08.2020 - 13:35 Uhr
WunsiedelOberpfalz

Zwischen Ode und Schmährede

Franz Josef Strohmeier begeistert bei "LuisenburgXtra" mit Süskinds Monolog-Stück „Der Kontrabass“. Die Besucher danken mit Standing Ovations.

Franz Josef Strohmeier glänzte mit einer brillanten Adaption von „Der Kontrabass“.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Also was jetzt: Das „mit Abstand wichtigste Instrument überhaupt“ oder doch das Teil, das „das Unschönste auf dem Gebiet der Geräusche“ hervorbringt? Knapp 90 Minuten lang geht der Musiker in Zwiesprache mit seinem Kontrabass. Die Palette reicht von der Glorifizierung bis hin zur Totalverdammung des Instruments. Und so nebenbei gibt Franz Josef Strohmeier auch einen tiefen Einblick in die eigene Psyche.

Hier ein weiterer Bericht zu einer Luisenburg-Aufführung

Wunsiedel

Patrick Süskinds Ein-Mann-Stück „Der Kontrabass“ hat vor knapp 40 Jahren seinen Triumphzug auf deutschsprachigen Bühnen angetreten; am Samstagabend wurde dies im Rahmen der "LuisenburgXtra"-Reihe fortgeführt. Schauspieler Franz Josef Strohmeier brilliert dabei mit dem Monolog auf der Bühne und sorgt mit seiner Leistung für das, was in diesem Sommer ja eigentlich nicht stattfindet – nämlich Festspiele.

Leidenschaftliche Hass-Liebe

Erzählt wird im Stück vom Hinterbänkler eines Staatsorchesters, vom verbeamteten Orchestermitglied mit bescheidenem Talent, vom Musiker, der gänzlich von seinem Instrument abhängig ist und sich dennoch auch von den Fesseln des Kontrabasses befreien will. Der namenlose Protagonist – „ein Mann, Mitte dreißig, ich“ – durchlebt sämtliche Facetten der leidenschaftlichen Hass-Liebe zwischen Mensch und Instrument. Das Instrument ist der einzige Freund, die Geliebte und doch gleichzeitig der größte Feind.

Der Musiker lässt nichts auf sein Instrument kommen: Im Orchester „geht ohne uns gar nichts“, stellt er fest; auf Dirigenten, jene „Erfindung des 19. Jahrhunderts“, könne man getrost verzichten im Unterschied zum Kontrabass. „Die Musik wird zum Sodom ohne Kontrabass“, stellt er lapidar fest. Doch er beginnt zu schwanken – und mit ihm das ganze Leben, die ganze Existenz, seine bescheidene Existenz. Mit viel Verve und in bester Jekyll-Hyde-Manier gelingt Strohmeier ein Psychogramm eines Gefangenen, der aus dem eigenen Ich nicht ausbrechen kann, nicht ausbrechen will. Und das, obwohl er die Alternativen sieht und auch andeutet. Denn letztlich sei Kontrabass-Spielen nichts anderes als ein reiner Kraftakt, der mit Musik überhaupt nichts zu tun habe, der Korpus mit den Saiten sei nichts anderes als ein „Waldschrat-Instrument“. Wie Strohmeier das alles umsetzt, ist witzig, hintergründig, satirisch und melancholisch zugleich.

Nicht einmal mit einem „eklatanten Schönspielen“ sei es ihm gelungen, die von ihm verehrte junge Sopranistin Sarah auf ihn aufmerksam zu machen. Wenn die erotischen Phantasien mit ihm durchgehen, ist es immer wieder das „Scheiß-Instrument“, das der Realisierung der Wünsche und Sehnsüchte im Wege stehe. Sagt der Musiker, der natürlich auch weiß, dass es an ihm selbst mindestens genauso liegt.

Das Maß aller Dinge

So schwadroniert er sich durch die Musikgeschichte, gibt vor allem den "grenzenlos überschätzten" Komponisten Richard Wagner („Hätte es vor 150 Jahren schon Psychoanalyse gegeben, dann wäre uns einiges von Wagner erspart geblieben!“) und Wolfgang Amadeus Mozart einige Haken mit, während Schuberts Forellenquintett das Maß aller Dinge für einen Kontrabassisten sei. Und dann ist es immer wieder die unerreichbar scheinende Sopranistin Sarah: Soll er bei der bevorstehenden „Rheingold“-Premiere die Sekunden vor Beginn nutzen und aus dem Orchestergraben laut „Sarah!“ brüllen? Oder einfach nur das machen, was er immer macht – nämlich als unscheinbarer Hinterbänkler den Kontrabass spielen. Süskind lässt dies unbeantwortet. Strohmeier bekommt für seinen schauspielerischen Parforce-Ritt berechtigterweise Standing Ovations.

Franz Josef Strohmeier glänzte mit einer brillanten Adaption von „Der Kontrabass“.
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