04.05.2018 - 13:22 Uhr
SchönseeOberpfalz

Schönsee-Doku "Früher oder später Bauern, Veganer und der Tod

Gegensätzlicher könnten die Lebenswirklichkeiten nicht sein. Auf der einen Seite Roswitha und Ernst Schöfl, die zugleich als Landwirte und Bestatter arbeiten. Auf der anderen Seite eine vegane Kommune, die aufs katholische Land gezogen ist. Das alles herrlich kontrastiert in der Doku-Reihe "Früher oder später".

von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Eigentlich wollte Regisseurin Pauline Roenneberg (33) für ihre Abschlussarbeit an der HFF (Hochschule für Fernsehen und Film) München eine Dokumentation über die Bestattungskultur in Deutschland drehen. Die Münchenerin besuchte 2013 sogar den deutschen Bestatter-Kongress. Als ersten Drehort guckte sich Roenneberg vor rund vier Jahren dann Schönsee in der Oberpfalz aus. "In Schönsee gibt es so viele tolle Menschen. Also haben wir beschlossen, wir bleiben hier." Drei Jahre lang dreht die heute 33-Jährige immer wieder in der Oberpfalz. Vor allem mit Roswitha und Ernst Schöfl. Zwei Milchbauern, die im Nebenerwerb ein Bestattungsunternehmen führen. Auch wenn es letztlich keine Dokumentation über die Bestattungskultur geworden ist, das Thema Tod ist omnipräsent.

Die zwei Landwirte kontrastiert Roenneberg mit einer veganen Kommune, die vor einigen Jahren aufs Land nach Schönsee gezogen sind. Die "Nature Community" hat sich ins ehemalige Hotel St. Hubertus einquartiert. Die Regisseurin verzichtet in der Doku komplett auf eine Erzählerstimme. Sie lässt die Bilder und Protagonisten für sich sprechen. Dabei zeigt Roenneberg zwei durchwegs unterschiedliche Welten. Die von Sandra Hirsch, gebürtige Ambergerin und Metzgers-Tochter, etwa. Alleinerziehend sucht sie Halt in der Kommune. Sie erzählt, wie sie als kleines Mädchen die jungen Schweinchen tröstete, die geschlachtet wurden. Auf der anderen Seite das Ehepaar Schöfl, dass nur durch schwere Arbeit und ein Bestattungsunternehmen im Nebenerwerb über die Runden kommt. Die Doku ist meist ruhig erzählt, wechselt zwischen den Protagonisten hin und her. In den richtigen Momenten nimmt "Früher oder später" aber Tempo auf. Mitglieder einer veganen Kommune, die über das Leben sinnieren. Oberpfälzer, die genüsslich in ihr Wienerl oder ihre Leberkäsesemmel beißen. Zwei Lebenswelten prallen aufeinander.

Der Tod als Witzfigur

Die Produktion erinnert ein bisschen an "Wer früher stirbt ist länger tot" von Regisseur Marcus H. Rosenmüller. Auch wenn es sich dabei um einen Film und bei "Früher oder später" um eine Doku-Reihe handelt. Regisseurin Roenneberg jedenfalls hat eine wunderbare Sicht auf das Thema Tod: "Wir Bayern treten dem Tod auf Augenhöhe gegenüber. Der Tod ist fast eine Witzfigur. Er ist keine Übermacht, sondern wie ein windiger Geselle." Der Boandlkramer lässt grüßen.

Aber nicht nur der Tod in seiner Direktheit findet in der Doku Platz, auch das Sterben einer Lebensform und Kultur wird aufgegriffen. "Früher oder später" zeigt wie Roswitha und Ernst Schöfl darum kämpfen, dass ihr Betrieb erhalten bleibt. Dabei hat das Paar nicht nur mit finanziellen Problemen zu kämpfen, sondern auch mit dem schwierigen Verhältnis zum Sohn, der nach Sulzbach-Rosenberg gezogen ist. Der will die Landwirtschaft nicht weiterführen. Vater Ernst sagt im Film: ""Der Hund, den du auf die Jagd tragen musst, der taugt nichts - da ist es auch so." Und für Roswitha fühlt es sich so an, als wären sie "zu zweit gegen den Rest der Welt". Für die Regisseurin steht das Bauernpaar "stellvertretend für das Dilemma im Ort: Der Nachwuchs fehlt".

So tief-traurig Roenneberg einige Szenen mit dem Ehepaar Schöfl einfängt - die Bandbreite ist viel größer. Sie reicht von absurd, witzig, heimelig über freudig bis hin zu melancholisch. Ganz nebenbei baut die Regisseurin jene alltäglichen Probleme ein, mit denen die Protagonisten zu kämpfen haben. Etwa wenn Roswitha und Ernst den Nachrichten lauschen und der Sprecher verkündet, dass der Milchpreis unter 30 Cent den Liter gefallen ist. Allerdings reißt die Regisseurin solche Themen nur an. Vorwiegend geht es ihr weniger um Fragen wie: Wie viele Menschen leben in Schönsee? Wann war das letzte Hochwasser? Vielmehr rückt sie die Menschen in den Fokus: "Ich wollte, dass die Produktion wie ein Spielfilm über spannende Figuren wird. Es geht weniger um Informationen als um Emotionen." Drei Jahre, von 2014 bis 2017, drehte die Regisseurin in Schönsee. Hätte es sich nicht um ihre Diplomarbeit gehandelt, wäre das wohl nicht machbar gewesen. Der lakonisch erzählten Dokumentation merkt man die viele Zeit und die Leidenschaft an, die in dem ganzen Projekt stecken.

Zwei Wochen Praktikum

Bemerkenswert ist auch die Musik. Die Regisseurin baut immer wieder den Kirchenchor Schönsee ein. Hinzu kommen Stücke von der Band "Dreiviertelblut". Die melancholischen Dialekt-Lieder passen perfekt. Komponist der Band ist Gerd Baumann, der schon für den Komödien-Hit "Wer früher stirbt ist länger tot" Musik beisteuerte. Bei der Doku gewährt die Regisseurin tiefe Einblicke in das Leben der Menschen. Dabei gesteht sie: "Es war großartig, aber ein hartes Stück Arbeit, sich das Vertrauen zu erarbeiten." Um das Eis zu brechen, absolvierte die damals schwangere Roenneberg vor den Dreharbeiten mit ihrer Kamerafrau ein zweiwöchiges Praktikum bei Roswitha und Ernst Schöfl.

Bei den Dreharbeiten in Schönsee stellt Roenneberg fest: "Es gab immer wieder Gegenwind, aber auch großes Interesse." Im Vergleich mit der "Nature Community" habe es mehr Diskussionen mit den Oberpfälzern gegeben. Allerdings seien die auch gebrannte Kinder. In einigen Fernsehbeiträgen seien die Oberpfälzer "nicht immer richtig rüber gebracht worden". "Dabei sind die Menschen hier so toll und authentisch. Sie lassen sich nicht verbiegen und sagen, was sie denken." Die Menschen sind Roenneberg so sehr ans Herz gewachsen, dass sie sagt: "Eine Reise nach Schönsee ist heute für mich wie nach Hause kommen."

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