29.06.2021 - 17:44 Uhr
AmbergSport

Fußball-Schiedsrichter Karl-Heinz Grollmisch: "Früher kannte ich keine Gnade"

Seit 55 Jahren ist Karl-Heinz Grollmisch Fußball-Schiri. In früheren Jahren zückte er des Öfteren die Rote Karte. Ein zerkratztes Auto, eine Verfolgungsjagd, wütende Fans - Erinnerungen an eine lange Karriere.

Für ihn gilt noch der "Mann in Schwarz": Schiedsrichter Karl-Heinz Grollmisch.
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

Ein Leben mit Pfiff: Im Juni 1966, vor 55 Jahren, legte Karl-Heinz Grollmisch die Prüfung als Fußballschiedsrichter ab. Da war er gerade mal 18 Jahre alt, und studierte in Regensburg - fürs Lehramt Grund- und Mittelschule. "Ich war ein Arbeiterkind, meine Eltern haben ihr ganzes Leben nie viel verdient. Ich habe mit meiner Tätigkeit als Schiedsrichter mein Studium finanziert", erklärt Grollmisch, heute 72 Jahre alt. "Ich habe damals nicht selten an einem Sonntag drei Spiele gepfiffen. A-Jugend, Reserve, Herren."

Dass sich daraus eine lange und bis heute andauernde Schiri-Karriere entwickeln würde, hätte er nie gedacht. Eine Karriere mit Höhen und Tiefen, mit schönen und weniger erfreulichen Erlebnissen. An ein Spiel erinnert er sich heute noch: Am 16. September 1973 pfiff er ein Kreisligaspiel zwischen dem TV Wackersdorf und dem 1. FC Schmidgaden. "Mit Mühen habe ich den Platz verlassen können, und unter viel Mühen hab ich mein Auto erreicht", sagt Grollmisch. Dann begann eine Verfolgungsjagd, rund zehn Kilometer weit: "Drei Autos haben mich hupend bis Schwandorf, ja, wie soll ich sagen, die haben mich begleitet", erinnert sich Grollmisch. Die Wackersdorfer Zuschauer waren "äußerst aufgebracht", ihre Mannschaft hatte verloren. "Ja klar, der Schiri war schuld", sagt Grollmisch. An Details des Spiels kann er sich nicht mehr erinnern - nur, dass die Verfolger dann abließen.

Blut und Wasser geschwitzt

Nach seinem Aufstieg als Schiedsrichter in die Landesliga war Karl-Heinz Grollmisch bemüht, die Liga zu erhalten, denn es galten strikte Regeln. "Uns ist beim Lehrgang gesagt worden, wenn einer zu spät zum Spiel kommt, steigt er sofort wieder ab." Und prompt musste er vor einem Spiel - FC Kickers Würzburg gegen FC Ebern - Blut und Wasser schwitzen. Um 18.30 Uhr an jenem Freitag im September 1986 war dieses Landesligaspiel angesetzt, um 14 Uhr brach Grollmisch mit seinen zwei Linienrichtern von Vilseck aus auf ("Bei Auswärtsspielen ist immer der Schiedsrichter der Fahrer") - denn es war bekannt, dass die Autobahn Nürnberg-Würzburg stark frequentiert ist. Mit Tempo 180 bretterte das Oberpfälzer Trio Richtung Unterfranken los - aber nur bis zur Einfahrt Erlangen.

"Da war Schluss. Da ging gar nichts mehr. Ein Militärtransport war unterwegs. Meine Laune ist immer schlechter geworden", schildert er - den Abstieg vor Augen. Um 18.15 Uhr erreichten die Drei das Stadion ("Ich habe ich gleich tausend Mal entschuldigt"), aber im Grunde zu spät. Aber: "Auf der gleichen Autobahn war der Bus aus Ebern unterwegs, der Gegner. Die kamen auch zu spät. Sie baten die Würzburger, das Spiel erst um 19 Uhr beginnen zu lassen. Das war unsere Rettung."

Über 3000 Spiele geleitet

Über 3000 Spiele hat Karl-Heinz Grollmisch bisher geleitet, aktuell ist er mit seinen 72 Jahren noch als Schiri in der Kreisklasse unterwegs. Wie viele Platzverweise er bisher verteilt hat, Gelbe und Rote Karten - da hat er den Überblick verloren. "Früher war ich ein ganz, ganz heißer Typ. Da kannte ich keine Gnade. Jetzt ist das ganz anders. In den letzten Jahren habe ich weniger Karten gezeigt", sagt der ehemalige Grund- und Mittelschullehrer. Wo er aber hart bleibt, ist beim Geschrei mancher Spieler. "Bei mir ist es genau umgekehrt. Wenn einer meint, er muss lautstark auf ein Foul aufmerksam machen - bei mir funktioniert das nicht. Ich verlasse mich auf das, was ich sehe. Das pfeife ich auch."

Mit so manchem Pfiff waren die Zuschauer und auch Spieler nicht immer einverstanden. 1987 leitete er ein Landesligaspiel zwischen dem TSV Straubing und dem FC Miltach. "Da wurde mein Auto rundum zerkratzt. Miltach hat verloren, und mein Fehler war, dass ich meinen Golf in der Nähe des Miltacher Busses abgestellt hatte." Leicht zu erkennen in dem niederbayerischen Ort - denn sein Gefährt hatte ein AS-Kennzeichen. Das wäre aber nicht so tragisch gewesen, da damals die Referees eine Rundumversicherung hatten, die pro Jahr nur 15 D-Mark gekostet hat. "Damit waren Schäden bis 3000 Mark abgedeckt, und teurer wurde es aber nicht", sagt Grollmisch. "Diese Versicherung gab's aber nur ganz kurz", sagt Grollmisch und lacht.

Dass er im Laufe seiner Karriere die eine oder andere Fehlentscheidung getroffen hat, räumt Grollmisch ein. "Das ist doch klar, dass man nicht immer richtig liegt. Gerade bei Abseits. In meinem jetzigen Alter habe ich kein Problem, das zurückzunehmen. Früher hätte ich das aber nicht gemacht", gesteht Grollmisch.

Auf dem Crosstrainer

Er versucht, körperlich fit zu bleiben, um weiterhin Spiele zu leiten. Er hat in seinem Dachstudio einen Crosstrainer stehen, jeden zweiten oder dritten Tag ist er eine bis eineinhalb Stunden auf dem Gerät zugange - damit er noch möglichst lange mit der Pfeife auf dem Platz stehen kann.

Thomas Gebele, Hans Gurdan, Walter Schimpke und Karl Vollmer (von links) würdigten mit der Überreichung einer Ehrenurkunde die Verdienste von Schiedsrichter Karl Heinz Grollmisch im Verlaufe seiner 55-jährigen aktiven Fußball-Schiedsrichtertätigkeit.

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Hintergrund:

Zur Person: Karl-Heinz Grollmisch

  • geboren in Vilseck, heute 72 Jahre alt
  • Grund- und Mittelschullehrer, seit neun Jahren in Pension
  • Juni 1966 Schiedsrichterprüfung abgelegt
  • nach Aufstieg 1969 in damalige A-Klasse (jetzt Kreisliga) mehr als 30 Jahre lang qualifizierter Schiedsrichter der Kreisliga, Bezirksliga, Bezirksoberliga und Landesliga sowie in der A-Junioren-Bayernliga
  • bisher mehr als 3000 Spiele geleitet
  • Linienrichter am 17. Januar 1971 bei Bundesliga-Schiedsrichter Eberhard Schmoock aus Konstanz beim Spiel der Regionalliga Süd SSV Jahn Regensburg gegen Hessen Kassel vor mehr als 5000 Zuschauern
  • Schiedsrichter am 10. Oktober1987 beim Mittelfranken-Derby der Landesliga Mitte FSV Bad Windsheim gegen SpVgg Fürth (0:4) mit den Linienrichtern Günther Meyer (SV Sorghof) und Josef Kraus (SV Luitpoldhöhe-Traßlberg) vor knapp 2000 Zuschauern.
  • 2020 ernannten Oberpfälzer Funktionäre Karl Heinz Grollmisch als Bezirkssieger bei der DFB-Aktion „Danke Schiri" in der Kategorie Ü50 bei sechs Kandidaten
  • 10 Jahre Lehrwart der Schiedsrichtergruppe Amberg
  • seit 2006 Ehrenmitglied der Schiedsrichtergruppe Amberg
  • am 24. Oktober 2019 Auszeichnung in Berlin von „Kinder stark machen“, Mitmach-Initiative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, mit Grund- und Mittelschule Vilseck als einzige Schule Deutschlands und dem FV 1921 Vilseck
  • Ehrenurkunde für 55 Jahre Schiedsrichter nach Leitung des Freundschaftsspiels SV Freudenberg gegen TuS/WE Hirschau am 20. Juni 2021

 

 

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