13.11.2020 - 22:59 Uhr
AmbergSport

Fußball-Schiedsrichter: Zwischen Risikogruppe und Zukunftssorgen

Wie wirkt sich die aktuelle Coronakrise auf das Schiedsrichterwesen aus? Die Obmänner der Gruppen aus Schwandorf, Amberg, Weiden und Marktredwitz erläutern den Ist-Zustand und wagen einen Blick in die Glaskugel.

Die derzeitige Krisensituation im Sport wirkt sich auch auf die Fußball-Schiedsrichter im Verbreitungsgebiet aus. Vielen Unparteiischen war das Risiko nach dem Re-Start zu groß, regelmäßig Spiele zu leiten.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Die Lage in der Schiedsrichtergruppe Schwandorf

Obmann Florian Fleischmann dient selbst als bestes Beispiel für die Sorgen und Nöte der pfeifenden Zunft in Pandemie-Zeiten: "Die Arbeit geht vor. Die Schiedsrichterei ist nur ein Hobby. Vor allem die Quarantäne-Geschichte macht es schwierig, weiterhin zwei- bis dreimal pro Wochenende als Schiedsrichter durch die Gegend zu touren", sagt der Bayernliga- und Ex-Regionalliga-Schiedsrichter zu seinem vorübergehenden Verzicht in den vergangenen Corona-Monaten. Lediglich an einem Wochenende seit dem Re-Start hat sich Fleischmann die Umsetzung des Hygienekonzepts näher angeschaut. "Einmal war ich als Schiedsrichter, einmal als Assistent in der Bezirksliga unterwegs. Doch alleine im Kabinengang ist es schon fast unmöglich, sich zu isolieren." Deswegen verzichtete der Leiter von zwei Fitnessstudios auf weitere Einsätze, ähnlich hielten es vor allem ältere Kollegen. "Schaut man sich die Altersstruktur bei uns an, sind die Schiedsrichter Risikogruppe pur", sagt der mit 34 Jahren noch zu den unparteiischen Jungspunden zählende Obmann.

Schaut man sich die Altersstruktur bei uns an, sind die Schiedsrichter Risikogruppe pur.

Florian Fleischmann, Obmann der Schiedsrichtergruppe Schwandorf

Die Pfeife hing wegen der Coronakrise noch kein Schiri komplett an den Nagel, wenngleich Fleischmann vermutet, dass die nun anstehende lange Fußballpause bis März oder April nächsten Jahres dazu führen könnte, "dass sich der ein oder andere nach alternativen Hobbys umschaut oder vermehrt die Zeit mit der Familie genießt". So könnte sich der "flächendeckende Schiedsrichtermangel" weiter verschärfen. "Weniger Spieler, weniger Mannschaften, weniger Schiedsrichter – hier handelt es sich um ein generelles Problem. Vor fünf Jahren hätte man die Idee, Fußballspiele im 9 gegen 9 abzuhalten, noch als völligen Quatsch abgetan." Auch wenn der kameradschaftliche Aspekt derzeit völlig weggebrochen ist, will Fleischmann seine Kollegen der Gruppe Schwandorf mit Online-Veranstaltungen und Gastreferenten aus dem Profibereich bei Laune halten. Einen positiven Aspekt sieht der Schwandorfer Obmann dann doch noch: "Unseren jährlichen Neulingskurs haben wir noch in Vor-Corona-Zeiten im Februar abgehalten und dabei 15 neue Schiedsrichter gewonnen. Die blieben uns während des ersten Lockdowns alle treu und feierten im Herbst verspätet ihre Premiere."

Die Lage in der Schiedsrichtergruppe Weiden

Von "acht oder neun Fällen", in denen sich Schiedsrichter nicht mehr in der Lage sahen, Spiele in Corona-Zeiten zu leiten, spricht der Weidener Obmann Willi Hirsch. "Entweder sie waren selbst durch positiv getestete Familienmitglieder betroffen oder haben Eltern oder Großeltern zur Pflege daheim. Für diese Kollegen habe ich vollstes Verständnis, dass da der Job als Schiedsrichter in den Hintergrund rückt." Da bislang weder positive Coronafälle aufgetreten noch Pandemie-bedingte Rücktritte absehbar sind, befürchtet Hirsch "keine negativen Auswirkungen" auf die Schiedsrichtergruppe Weiden. Zwei Gegebenheiten sorgen beim Flosser sogar für Vorfreude auf den Wiederbeginn ("Ich bin mir sicher, dass es im Frühjahr weitergeht") im März oder April: Zum einen wuchs die Schar der Weidener Unparteiischen um neun Neulinge. "Sechs neue Schiedsrichter haben wir über einen Onlinekurs gewonnen, drei weitere über den Präsenz-Kurs der Amberger Gruppe", freut sich Hirsch.

Zum anderen waren bislang keine Spiele zu verzeichnen, die aufgrund von Personalmangels nicht mit einem Unparteiischen hätten besetzt werden können. "Dies klappte allerdings nur, weil einige Vielpfeifer zwei- oder dreimal pro Wochenende im Einsatz waren", schränkt der Obmann ein. In der fußballlosen Zeit pflegt Hirsch regen Kontakt zu "seinen" Schiedsrichtern. Mittels Webinaren werden die Schiris über Neuerungen und Regeländerungen auf dem Laufenden gehalten. "Dazu erhalten sie Aufgaben, um regelfest zu bleiben. Der persönliche Kontakt ist in Zeiten wie diesen unabdingbar."

Die Lage in der Schiedsrichtergruppe Amberg

Von einem "Luxusproblem" berichtet der Amberger Obmann Thomas Gebele: "Da wir 13 Schiedsrichter haben, die von der Regionalliga bis zur Bezirksliga pfeifen, fehlen mir an manchen Wochenenden inklusive deren Assistenten 39 Unparteiische." Deswegen will Gebele aber beileibe kein Klagelied anstimmen. "Uns geht es gut." Das liegt auch daran, dass die Amberger Gruppe bislang gut durch die Coronakrise gekommen ist. Neben 15 Schiedsrichtern, die ab dem Re-Start im September aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr pfeifen wollten, trat lediglich ein positiver Coronafall auf: "Einer unserer Kollegen lag im Krankenhaus. Wie hoch allerdings die Dunkelziffer ist, vermag ich nicht zu beurteilen", sagt Gebele. Auch wenn aktuell noch kein Referee die Pfeife komplett an den Nagel gehängt hat, befürchtet der Amberger Obmann eine personelle Schwächung. "Jüngere Schiedsrichter werden neue Hobbys entdecken, ältere Kollegen werden vielleicht merken, dass auch ein Leben ohne die Pfeiferei Sinn hat."

Da wird auch das Bei-Laune-Halten in sportarmen Zeiten zur Herausforderung – weniger bei den höherklassig pfeifenden Schiedsrichtern, vielmehr bei den erfahrenen Dauerpfeifern auf Kreisebene. "Wir halten ein Online-Meeting ab, veranstalten digitale Regelquiz-Abende und geben einen Ausblick in zukünftige Herausforderungen, ohne diese konkret benennen zu können." Mut macht auch Gebele der Blick auf nachrückende Schiedsrichter, 15 Neulinge stehen allein im Krisenjahr 2020 für die Amberger Schiris zu Buche, doch der Obmann sieht hier zudem die Kehrseite der Medaille. "Erstens sind viele junge Schiedsrichter noch selbst aktive Fußballer, weswegen sie nur sehr eingeschränkt für den Dienst an der Pfeife zur Verfügung stehen." Gebeles zweiter Einschub betrifft den Generationenkonflikt: "Während ältere Kollegen kein Problem damit haben, mehrere Einsätze pro Wochenende zu absolvieren, sind junge Schiris schon mit einem Spiel alle 14 Tage zufrieden."

Die Lage in der Schiedsrichtergruppe Marktredwitz

Obmann Wolfgang Klose spricht von einem "freiwilligen Hobby", das die Schiedsrichter der Gruppe Marktredwitz seit dem Re-Start im September ausgeübt haben. "Es bringt niemandem etwas, wenn ein Schiedsrichter mit Bedenken und Angst zum Spiel fährt. Daher haben wir jedem Kollegen seinen Einsatz freigestellt", fügt der Obmann an. In der Gruppe hätten nicht nur ältere Schiedsrichter verzichtet, weil ihnen "die Sache zu heiß" sei, auch junge Schiris "wollten sich das in der aktuellen Zeit nicht antun". Trotz eines positiven Coronafalls hätte noch keiner aus der Marktredwitzer Gruppe komplett aufgehört. Der stete Rückgang an Unparteiischen hätte laut Klose aber nichts mit der aktuellen Krise zu tun. "Das ist eine allgemeine Entwicklung, dass immer weniger bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Schiedsrichter können nur aus den Vereinen kommen, aber auch dort werden die Ehrenamtlichen immer weniger."

Hinzu käme, dass Spieler immer länger selbst aktiv bleiben. "Und wenn sie nach dem Ende ihrer Karriere im besten Alter wären, um Schiedsrichter zu werden, haben viele keine Lust mehr, Wochenende für Wochenende auf dem Platz zu verbringen", sagt Klose. Beim Präsenz-Neulingskurs im Vor-Corona-Frühjahr verzeichnete die Marktredwitzer Gruppe sechs neue Schiedsrichter, "die jedoch bis zum September auf ihre Premiere warten mussten". Schwierig gestalte sich für den Obmann, weiter mit seinen Kollegen in Kontakt zu bleiben. "Regelmäßige Lehrabende liegen aktuell auf Eis. Sehr schwer ist es mir gefallen, unsere Weihnachtsfeier abzusagen. Das war allerdings alternativlos."

Hintergrund:

Die Schiedsrichterei in Zahlen

  • Gruppe Schwandorf: 162 aktive Schiedsrichter (als „aktiv“ gilt, wer mindestens einen Einsatz pro Kalenderjahr vorweisen kann); zur Verfügung stehen pro Wochenende zwischen 40 und 60 Schiedsrichter; der Bedarf pro Wochenende liegt bei 60 bis 80 Unparteiischen.
  • Gruppe Weiden: 193 aktive Schiedsrichter; der Bedarf pro Wochenende pendelt zwischen 100 bis 110 Schiedsrichtern; jede Woche können 75 bis 80 Prozent des Bedarfs gedeckt werden.
  • Gruppe Amberg: 170 aktive Schiedsrichter inklusive der "eisernen Reserven" (O-Ton Obmann Thomas Gebele). Trotz 13 höherklassig aktiver Schiedsrichter war die Amberger Gruppe stets in der Lage, in den Kreisen Regensburg, Schwandorf und Pegnitzgrund auszuhelfen.
  • Gruppe Marktredwitz: 75 aktive Schiedsrichter; pro Wochenende stehen Obmann Wolfgang Klose davon "gut zwei Drittel" zur Verfügung. Je nach Bedarf von Kreisliga-Gespannen müssen pro Woche zwischen 50 und 55 Unparteiische eingeteilt werden.

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Schwarzenfeld

 

 

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