Update 28.08.2026 - 08:19 Uhr

Eskalation: Darum will die UEFA FIFA-Boss Infantino stürzen

Mit dem Antrag auf Beweissicherung bei der Justiz in Florida spitzt sich der Konflikt zwischen UEFA und FIFA weiter zu. Welche Folgen drohen Weltverbandschef Infantino nun konkret?

Die UEFA arbeitet konsequent an einem Sturz von FIFA-Boss Gianni Infantino. Mit ihrem Gesuch an die US-Justiz zur Sicherung von Dokumenten rund um den verhinderten WM-Investorendeal bei einem Gericht in Florida haben die europäischen Fußball-Funktionäre den Konflikt auf ein neues Level gehoben. Der Fußball-Weltverband steuert auf die größte Krise seit den Skandalwirren um Ex-Chef Joseph Blatter vor gut elf Jahren zu. 

Eine Rückkehr zu einer Zusammenarbeit zwischen UEFA und Infantino scheint unabhängig vom Ausgang der nun losgetretenen juristischen Aufarbeitung ausgeschlossen. „Die FIFA muss wieder als eine Institution geführt werden, die dem Fußball dient - und nicht als Instrument individueller Macht agiert“, hieß es in einer UEFA-Stellungnahme nach dem Treffen aller 55 Mitgliedsverbände in Monaco. 

Weshalb beharken sich FIFA-Boss Infantino und die UEFA?

Mit seinem abseits aller FIFA-Institutionen mit US-Geschäftspartnern vorangetriebenen Milliarden-Deal zur WM-Vermarktung hat Infantino aus Sicht der UEFA eine rote Linie überschritten. Die seit langem gärende Stimmung bei den Europäern gegen ihn ist in offene Konfrontation gekippt.

Es geht längst nicht mehr nur um Bagatellen wie die verspätete Anreise im Privatjet zum Kongress in Paraguay 2025 oder die krude Männerfreundschaft mit US-Präsident Donald Trump, die in der Verleihung des FIFA-Friedenspreises gipfelte. „Infantino polarisiert die Fußball-Welt, wie man es noch nie erlebt hat“, sagt die norwegische Verbandschefin Lise Klaveness - eine der größten Kritikerinnen des Schweizers.

Fakt ist: Das letzte bisschen Vertrauen zum einstigen UEFA-Generalsekretär ist aufgebraucht. Seit 2016 wurde ihm in mehreren Fällen persönliche Bereicherung vorgeworfen - und sein Versuch, die WM-Rechte teilweise zu privatisieren, ist Wasser auf die Mühlen aller Gegner, die Infantino für korrupt halten. Die UEFA will ihn stürzen. Daran lässt sie keinen Zweifel mehr.

Was hat es mit den juristischen Drohungen auf sich?

Mit dem auf 60 Seiten für ein Distriktgericht in Florida ausformulierten Erklärungen und Anschuldigungen macht die UEFA klar, dass sie nicht bloß von einem Fall sportjuristischer Verfehlungen ausgeht. Sie strebt ein strafrechtliches Verfahren an und will Beweise sichern lassen, die vor Schweizer Gerichten gegen Infantino vorgebracht werden können. 

Das Vorgehen und die USA als Ort der Auseinandersetzung sind konsequent. Auch Infantinos Vorgänger Joseph Blatter räumte seinen Posten erst, als sich die US-Justiz mit dem damaligen FIFA-Gebaren befasste. Sollten die Richter einen Anhaltspunkt finden, dass nicht nur Schweizer Recht gebrochen worden sein könnte, sondern auch US-Interessen tangiert sind, bekäme die Entwicklung noch mehr Tragweite. 

Welche Konsequenzen drohen Infantino?

Noch ist keine Anklage erhoben. Es geht nur um die Vorbereitung eines möglichen Verfahrens in der Schweiz. Sollte es dazu kommen, könnten die Folgen für Infantino aber gravierend sein. Der juristische Vorwurf lautet auf ungetreue Geschäftsbesorgung. Das kann ein Bußgeld und sogar Haftstrafen nach sich ziehen. Aber natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Infantino beharrt darauf, nicht gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. 

Was heißt das alles für die FIFA-Präsidentschaftswahl?

Vorläufig noch nichts. Stand jetzt kann Infantino unverändert seine Amtsgeschäfte führen und auch für eine vierte Amtszeit kandidieren. Ändern würde sich daran nur etwas, wenn die FIFA-Ethikkommission ihn suspendieren oder die Governance-Abteilung des Verbands seine Kandidatur ablehnen sollte. Dafür gibt es keine Anzeichen. Kritiker meinen, die Gremien würden auf rechtswidrige Weise von Infantino kontrolliert. Viele Verbände in Asien, Afrika und Südamerika unterstützen ihn nach wie vor. 

Wie schnell die Justiz in den USA und dann womöglich in der Schweiz arbeitet, ist schwer zu prognostizieren. Womöglich wird sich die Angelegenheit bis weit hinter den Wahltermin am 18. März 2027 ziehen. Einen Gegenkandidaten hat die UEFA noch nicht präsentiert. Das wird eine Aufgabe für die Zeit bis zum Ende der Bewerbungsfrist am 18. November sein. 

Wie reagiert die FIFA?

In Zürich gibt man sich nach außen hin entspannt. Eine öffentliche Stellungnahme gab es bis zum späten Donnerstagabend nicht. Abseits des offiziellen Protokolls wurde das Vorgehen der UEFA als durchschaubarer Schachzug bezeichnet. Die Europäer wollten nur davon ablenken, dass sie den angekündigten Boykott von FIFA-Turnieren nicht aufrechterhalten können, hörte man aus der Zentrale des Weltverbands. Infantino tourt derweil weiter durch die Kontinente und versucht Allianzen für seine Wiederwahl zu schmieden. 

Wie sieht die deutsche Position aus?

Der DFB und sein Chef Bernd Neuendorf stehen eng an der Seite von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin, dem Wortführer der Front gegen Infantino. Daran ließ man auch in Monaco keinen Zweifel. Die deutschen Funktionäre sehen sich auch in ihrer Haltung bestätigt, nicht wie viele andere schon Ende April einen Unterstützerbrief für Infantinos Wiederwahl unterzeichnet zu haben. Wie offensiv man nun gegen den Schweizer agiert, wird sich zeigen müssen.

© dpa-infocom, dpa:260828-930-593970/2

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.