15.06.2020 - 16:44 Uhr
GrafenwöhrSport

Michaela Specht: "Ein Privileg, in der aktuellen Phase Fußball spielen zu dürfen"

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Die aus Grafenwöhr stammende Bundesliga-Spielerin der TSG Hoffenheim spricht im Interview über die Coronapause in der Heimat, sinkende Champions-League-Hoffnungen sowie das Hygienekonzept. Und, weshalb ihr Trainer beim Spitzenspiel fehlte.

Oberpfalz-Power für die TSG Hoffenheim: Michaela Specht (links) aus Grafenwöhr feuert im Bundesliga-Topspiel noch vor der Coronapause gegen den Spitzenreiter VfL Wolfsburg aus der Distanz. Den deutschen Nationalspielerinnen Lena Goeßling (Mitte) und Alexandra Popp bleibt nur die Zuschauerrolle.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Drei Spiele waren in der Rückrunde der Frauenfußball-Bundesliga gespielt, ehe die Coronakrise Michaela Specht, ihren Club TSG Hoffenheim sowie alle anderen Teams in die Zwangspause schickte. Der Re-Start verlief für die 23-jährige Grafenwöhrerin mit den Kraichgauern allerdings suboptimal: 0:3-Pleite beim FC Bayern München, dem direkten Konkurrenten um den Champions-League-Platz zwei, dazu das Pokal-Aus bei Bayer Leverkusen. Mittlerweile ist die TSG wieder in der Spur: Daheim gewannen Specht und Co. die Liga-Revanche gegen Leverkusen mit 4:1 und beim SC Sand mit 6:0.

ONETZ: Frau Specht, nach dem 4:1-Sieg am 1. März gegen den SC Freiburg wurde die Saison wegen der Coronavirus-Pandemie unterbrochen. Wie haben Sie die ganze Situation vor etwas mehr als drei Monaten wahrgenommen?

Michaela Specht: Ich habe natürlich in den Nachrichten davon gelesen, allerdings war das für mich wenig greifbar. Ich dachte, das wird schon wieder vorbeigehen. Erst als zunächst die Uni in Mannheim und dann unser Trainingszentrum geschlossen wurden, hat mich das das erste Mal getroffen.

ONETZ: Wie haben Sie darauf reagiert?

Michaela Specht: Ich wusste nicht wohin, und bin relativ schnell nach Hause zu meinen Eltern gefahren.

ONETZ: Heim nach Grafenwöhr…

Michaela Specht: Genau. Ich blieb insgesamt vier Wochen daheim. Auch wenn ich erst zu Hause mitbekommen habe, dass hier einer der Corona-Hotspots Deutschlands sehr nah ist.

ONETZ: Sie meinen die Landkreise Tirschenreuth, Neustadt/WN sowie die Stadt Weiden?

Michaela Specht: Davon hatte ich in Sinsheim zunächst nichts mitbekommen. Bis zu den oben genannten Ereignissen lief mein Leben normal weiter. Daheim habe ich dann erstmal sehr zurückgezogen gelebt, bin nur zum Einkaufen oder Sportmachen vor die Tür und habe mich strikt an die Beschränkungen gehalten. Auch aus Rücksicht auf meine Oma, die bei uns mit im Haus wohnt.

ONETZ: Also keine Besuche bei Freunden oder Bekannten in der alten Heimat?

Michaela Specht: Nein, gar keine. Natürlich habe ich mich mit den Nachbarn über den Gartenzaun unterhalten, aber Coronapartys standen ganz sicher nicht auf meinem Tagesplan. Da blieb Zeit für mein Trainingsprogramm.

ONETZ: Hatten Sie vom Verein einen Trainingsplan mitbekommen?

Michaela Specht: Ich habe lange Zeit individuell nach dem Vereins-Trainingsplan als auch nach meinem eigenen Plan trainiert. Dazu gab es Videoanalysen per Skype. So blieb der Kontakt zu Mitspielerinnen und Trainerteam bestehen.

ONETZ: Wann ging‘s zurück nach St. Leon-Rot, wo sich das Trainingszentrum der Frauen befindet?

Michaela Specht: Am Mittwoch vor Ostern. Wir durften ab dem 8. April mit einer Sondergenehmigung für Profimannschaften wieder in Kleingruppen und unter Einhaltung strenger Vorschriften trainieren.

ONETZ: Mittlerweile haben Sie vier Geisterspiele absolviert. Wie wirkt sich die veränderte Umgebung auf das Geschehen auf dem Platz aus?

Michaela Specht: Ganz ehrlich? Eigentlich kaum. Die Geräuschkulisse ist bei unseren Spielen ohnehin überschaubar, da im Schnitt unter 1000 Zuschauer kommen. Und kommunikativ bin ich auf dem Platz sowieso immer – egal ob mit oder ohne Fans. Der einzig negative Randaspekt war, dass meine Eltern nicht zum Spiel in München kommen konnten. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Jeder muss zur Zeit Einschränkungen hinnehmen, da darf man sich über so eine Kleinigkeit nicht ärgern. Anderen geht es da deutlich schlechter und sie haben ganz andere Sorgen als wir aktuell.

Hier geht's zum Interview mit Michaela Specht aus dem Dezember 2019

Grafenwöhr

ONETZ: Das 0:3 gegen die Bayern könnte die entscheidende Niederlage im Kampf um den Champions-League-Platz gewesen sein, vier Punkte liegt die TSG im Hintertreffen. Rein hypothetisch: Wäre mit Zuschauern mehr drin gewesen?

Michaela Specht: Nein, diese Niederlage hatte nichts mit der Coronapause oder Geisterspielen zu tun, sondern mit einem späten Standard, der die Partie entschieden hat. Ansonsten haben wir auf Augenhöhe agiert.

ONETZ: Ist der Kampf um Platz zwei somit entschieden?

Michaela Specht: Ich glaube, dass der Zug für uns abgefahren ist. Selbst wenn die Bayern noch gegen Spitzenreiter Wolfsburg verlieren sollten, fehlt uns noch immer ein Punkt. Wir müssen unsere drei noch ausstehenden Spiele gewinnen, alles andere haben wir leider nicht mehr in der eigenen Hand.

ONETZ: Für den Frauenfußball gilt das gleiche strenge DFL-Hygienekonzept wie für die Männer. Obwohl die Voraussetzungen völlig andere sind. So musste die TSG in München auf Trainer Jürgen Ehrmann verzichten, weil der als Lehrer die vor dem Re-Start angeordnete Quarantäne-Woche nicht mitmachen konnte. Ist das gerecht?

Michaela Specht: Für uns war die Möglichkeit, die Saison zu Ende zu spielen, von Anfang an eine große Wertschätzung. So war klar, dass wir die Vorgaben auch entsprechend annehmen müssen. Auch wenn es viele negative Stimmen gab: Das Konzept ist gut so, wir haben uns alle dafür entschieden und stehen voll dahinter. Ich empfinde es als Privileg, in der aktuellen Phase Fußball spielen zu dürfen. Und die Vorgaben schränken uns jetzt nicht total ein. Home-Office oder Online-Studium sind sowieso gerade Standard, von dem her können auch wir dieses Konzept gut umsetzen.

ONETZ: Fühlt man sich benachteiligt, wenn der eigene Trainer nicht dabei sein darf, weil er einfach seinem „normalen“ Beruf nachgeht?

Michaela Specht: Nein, wir wussten von Anfang an, dass Jürgen Ehrmann nicht dabei sein kann, wenn der Wiederbeginn außerhalb der Ferien erfolgt. Zwar fehlt auf und neben dem Platz schon etwas, aber mit unserem Co-Trainer Gabor Gallai gab es im Vorfeld sehr genaue Absprachen, es war alles gut geplant und wir konnten uns wie gewohnt auf das Spiel vorbereiten.

ONETZ: Sie sehen das alles relativ nüchtern, oder täuscht der Eindruck?

Michaela Specht: Dass der Trainer und auch eine Spielerin wegen der strengen Vorgaben ausgerechnet beim Spiel gegen den FC Bayern fehlen, ist zwar schade. Aber es ist aktuell notwendig, Opfer zu bringen. Die Möglichkeit nicht zu ergreifen, unter den bekannten Umständen wieder auf den Platz zurückzukehren, hätte ich nicht für gut empfunden. Außerdem wäre nicht absehbar gewesen, wie und wann es überhaupt wieder möglich gewesen wäre zu spielen. Der Re-Start verlief absolut positiv, vielleicht ist das auch für die gesamte Gesellschaft ein gutes Zeichen: Eine neue Normalität ist wieder möglich.

Zur Person:

Das ist Michaela Specht

Im Alter von vier Jahren (2001) begann Michaela Specht mit dem Fußballspielen bei der SV Grafenwöhr. Ab 2010 wurde die 23-Jährige parallel am Nachwuchsleistungszentrum der SpVgg SV Weiden ausgebildet. 2013 folgte der Wechsel zum FC Bayern München, wo sie in der zweiten Mannschaft zum Einsatz kam (25 Spiele) und auch bei den B-Juniorinnen spielte, mit denen sie 2014 die deutsche Meisterschaft gewann. 2015 wechselte Specht zur TSG Hoffenheim, wo sie nach 22 Einsätzen in der zweiten Mannschaft inzwischen 65 Mal für die Bundesliga-Mannschaft auflief. In der aktuellen Spielzeit 2019/20 ist sie eine von nur zwei TSG-Spielerinnen, die in bislang allen 19 Saisonspielen zum Einsatz kam. Im Nationaltrikot debütierte die Grafenwöhrerin 2012 für die deutsche U15. 2014 gehörte sie zum Team der U17, das Europameister wurde. Der letzte DFB-Einsatz datiert aus dem Jahr 2016 für die U20.

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