04.06.2021 - 15:56 Uhr
KonnersreuthSport

SV Mitterteichs Ex-Torhüter Fabian Scharnagl: "Bin erstmal nach Hause und habe geflennt"

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Die Motivation auf Fußball bewegt sich beim langjährigen Stammtorhüter des Landesligisten in der Corona-Pause um den Nullpunkt. Nach Monaten ringt er sich zur Entscheidung durch: ein Wechsel zurück zum Heimatverein – in die Kreisliga.

Fabian Scharnagl (rotes Trikot) in Aktion, wie sie ihn nicht nur beim SV Mitterteich in den vergangenen acht Jahren kennengelernt haben. Sicher zupackend war die Nummer eins die Konstante im Landesliga-Kader der Stiftländer.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Statt von der SG Quelle Fürth, vom 1. FC Herzogenaurach oder vom SC 04 Schwabach kommen die Stürmer, gegen die Fabian Scharnagl seinen Kasten künftig sauberhalten muss, von den Sportfreunden Kondrau, vom TuS Erkersreuth und vom TSV Waldershof. Mitten in der elendlangen Fußballpause infolge der Coronavirus-Pandemie hat der langjährige Stammtorhüter des SV Mitterteich den Entschluss gefasst, zurück zu seinem Heimatverein TSV Konnersreuth zu wechseln. Aus der Landesliga geht es in die Kreisliga. "Mir ist klar, dass das auf den ersten Blick wie ein Rückschritt aussehen mag", räumt der 28-Jährige unumwunden ein. Doch im Gespräch wird schnell deutlich, dass der Abschied vom ambitionierten Amateurfußball auf Verbandsebene keineswegs nur eine coronabedingte Kurzschlusshandlung ist. "Ich hatte bereits im vergangenen Jahr den Plan, eine fußballerische Auszeit zu nehmen. Ich wollte vier Monate lang auf Weltreise gehen, doch dann kam Corona und zerschoss sämtliche Pläne." Fünf bis sechs Mal pro Woche Training, lange Auswärtsfahrten am Wochenende, da blieben Urlaube, Reisen und spontane Aktivitäten mit Freunden auf der Strecke. "Ich habe nur für den Fußball gelebt."

Motivation auf dem Nullpunkt

In der Phase nach dem ersten sportlichen Stillstand macht Scharnagl beim SVM zwar weiter, spielt in der kurzen Zeit im Herbst 2020 wieder für die Stiftländer. Die Gedanken an einen Rückzug aber bleiben, verstärkt durch die unkalkulierbaren Corona-Wirren. "Es war alles schwieriger. Du versuchst dich einigermaßen fitzuhalten, weißt aber nicht, wie die Lage in zwei bis drei Wochen aussieht. Du gehst laufen, aber die Infektionszahlen steigen. Das war Training ohne ein konkretes Ziel, die Motivation tendierte gegen Null", gewährt der Schlussmann einen Einblick in sein Innenleben. Der Drang, fußballerisch kürzerzutreten, wurde immer stärker, die innere Zerrissenheit nagte am ehrgeizigen Sportler. "So wollte und konnte ich mich doch nicht aus Mitterteich verabschieden. So heimlich, still und leise nach acht aufregenden Jahren. Ich hätte mich gerne mit einem letzten Saisonspiel verabschiedet. Das hat mir schwer zu schaffen gemacht." Als er letztlich den Entschluss fasst, den SV Mitterteich über seinen Abschied zu informieren, geht es Scharnagl in den Tagen zuvor "so schlecht wie noch nie".

„Fabi war ein absoluter Glücksfall für uns. Er zählt für mich nach wie vor zu einem der besten Keeper in der Region, der durchaus noch höherklassiger hätte spielen können.“

Vorsitzender Roland Eckert über die ehemalige Nummer eins des SV Mitterteich

Vorsitzender Roland Eckert über die ehemalige Nummer eins des SV Mitterteich

Nach monatelangem Grübeln, Zweifeln und Hadern sucht er das Gespräch mit dem SV-Vorsitzenden Roland Eckert, der von den Gedanken seines Keepers zwar weiß, aber nicht ahnt, dass der Zeitpunkt der Trennung nun gekommen ist. "Ich habe nachts von Fußball, vom SV Mitterteich geträumt. Ich hänge an diesem Verein und wollte ihn nicht im Stich lassen. Nach dem Gespräch mit Roland Eckert bin ich erstmal nach Hause und habe geflennt. Ich habe noch nie wegen des Fußballs geweint. Es ist eine ungeheure Last von mir abgefallen. Erst nach einer Woche voller Gewissensbisse 'Ist es richtig? Ist es falsch?' konnte ich wieder richtig schlafen." SV-Vorsitzendem Eckert blieb nichts anders übrig, als die Entscheidung "schweren Herzens" zu akzeptieren. "Fabi war ein absoluter Glücksfall für uns. Er zählt für mich nach wie vor zu einem der besten Keeper in der Region, der durchaus noch höherklassiger hätte spielen können", singt Eckert ein Loblied auf seine nun ehemalige Nummer eins. Scharnagl sei aufgrund seiner Einstellung für den SV "als Mensch und Charakter" nicht adäquat zu ersetzen. Zumindest sportlich soll künftig Dominik Pautsch Scharnagls Platz im Mitterteicher Tor übernehmen. "Das war mir sehr wichtig, dass der Verein relativ schnell einen neuen Torhüter gefunden hat. Landesligataugliche Schlussmänner wachsen hier in der Region ja nicht auf den Bäumen", merkt Scharnagl zu seinem Nachfolger an.

Kein Larifari in der Kreisliga

Diese überwältigenden und bislang nicht gekannten Gefühle in Bezug auf den Fußball schiebt Fabian Scharnagl auf die ohnehin schon immer besonders geartete Torwart-Spezies. "Das sind sowieso schon emotionalere Typen." Seine Mitspieler in Mitterteich hätten zunächst geschockt reagiert, doch nach und nach haben sie all die Erinnerungen an die ganz besonderen Momente, die eine Mannschaft so durchlebt, hervorgekramt. "Besondere Spiele, spezielle Siege zum Klassenerhalt in der Landesliga, aber auch richtig geile Auswärtsfahrten nach Herzogenaurach, Schwabach oder Feucht bleiben da für immer hängen." Was diese Auswärtsfahrten so besonders gemacht hat, will der Torhüter lieber für sich behalten. Nur so viel: "Ein bisschen Blödsinn gehört dazu." Mittlerweile wurde der scheidende Torhüter beim SV Mitterteich auch offiziell verabschiedet - den sinkenden Inzidenzzahlen sei dank. "Das war mir wirklich wichtig. Ich muss mich da besonders bei Roland Eckert für seine Unterstützung bedanken."

Wer jetzt allerdings glaubt, nach der Rückkehr zu seinem Heimatverein TSV Konnersreuth wird es Scharnagl locker-flockig angehen lassen, wird schnell eines Besseren belehrt werden. "Da spielen meine ganzen Kumpels, wir waren die ganze Zeit über in Kontakt. Der Mix in der Truppe aus jungen, frischen Spielern und erfahrenen Hasen passt. Ich persönlich habe schon das Ziel aufzusteigen", sagt der neue Schlussmann, der sich mit 28 Jahren in der Blütezeit eines Fußballers befindet. Fast scheint es so, als habe der Torwart diese Luftveränderung benötigt, um wieder neue Fußballlust zu tanken. Wenn es dann noch mit dem Erfolg in der Kreisliga und irgendwann einmal mit der lange geplanten Weltreise klappt, dann hätte diese vermaledeite Corona-Zeit zumindest für Fabian Scharnagl doch noch etwas Gutes zutage befördert.

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"Nach dem Gespräch mit Roland Eckert bin ich erstmal nach Hause und habe geflennt. Ich habe noch nie wegen des Fußballs geweint. Es ist eine ungeheure Last von mir abgefallen."

Fabian Scharnagl über den Moment, als er den SV Mitterteich über seine Entscheidung informierte

Fabian Scharnagl über den Moment, als er den SV Mitterteich über seine Entscheidung informierte

Fabian Scharnagl (Mitte) trägt künftig wieder das Torwarttrikot des TSV Konnersreuth. Sehr zur Freude des Abteilungsleiters Florian Neumann (links) und des Vorsitzenden Maximilian Siller.
Hintergrund:

Zur Person: Das ist Fabian Scharnagl

  • Alter: 28 Jahre
  • Beruf: Softwareentwickler
  • bisherige Vereine: TSV Konnersreuth, SV Mitterteich
  • Wagt 2013 den Sprung vom TSV Konnersreuth zum SV Mitterteich, spielt anfangs in der 2. Mannschaft, sitzt bei der "Ersten" auf der Bank, ist dadurch teilweise mit Trainingseinheiten bis zu sechs Tage pro Woche auf dem Platz
  • In der Saison 2015/16 einzige Rote Karte: Gegen Fortuna Regensburg schubst Scharnagl seinen Gegenspieler in einem Laufduell um. "Ich war unschuldig", beteuert er noch heute mit einem Augenzwinkern.

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