18.10.2018 - 14:45 Uhr
NürnbergSport

Mitgliederversammlung: Fast harmonisch beim Club

Die Zahlen und der Erfolg des Aufstiegs beim 1. FC Nürnberg sprechen für sich: Eigentlich müsste es da harmonisch bei der Mitgliederversammlung zugehen. Das tut es - aber eben nicht ganz.

Der 56-jährige Peter Meier (von links) ist neu in den Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg gewählt worden. Die beiden bisherigen Räte Christian Ehrenberg und Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly verteidigten ihre Ämter.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Jubelnde Spieler, die Mannschaft, die auf der Tribüne den Aufstieg feiert und ein Trainer Michael Köllner, der die obligatorische Bierdusche über sich ergehen lassen muss. Untermalt sind die Szenen zu Beginn der Mitgliederversammlung mit Heldenmusik. Das Einspieler-Video zeigt, wie die Stimmung beim 1. FC Nürnberg und seinen Fans ist.

Rund 1100 FCN-Mitglieder sind am Mittwochabend in die Meistersingerhalle gekommen, um das Aufstiegsjahr Revue passieren zu lassen. "Wir können auf eine erfolgreiche Saison zurückblicken", sagt ein sichtlich zufriedener Sport-Vorstand Andreas Bornemann. "Kein Experte hatte den Club zu Saisonbeginn als Aufstiegskandidat benannt." Trotzdem sei es den Franken gelungen. Obwohl der Club - wie auch in den Jahren zuvor - Spieler abgeben musste. "Die Mannschaft sowie Köllner und sein Team haben außergewöhnliches geleistet", lobt er. Dafür gibt es natürlich viel Applaus aus den Publikumsreihen.

Bornemann zeigt aber auch, dass der Club im Vergleich zu Teams wie SC Freiburg, FC Augsburg und Mainz 05 finanziell ganz schön hinterherhinkt. "In dem dynamischen Umfeld haben wir den Anschluss verloren", klagt er. Das liegt natürlich auch daran, dass die Franken nach dem Abstieg 2014 so lange zweitklassig blieben. "Wir müssen eigene Ideen entwickeln und Vertrauen haben in die Ausbildung unseres Nachwuchses." Vom ersten Spieltag an habe der Club gezeigt, dass er in der Bundesliga konkurrenzfähig sei. Trotz der deutlichen Pleite in Dortmund und zuletzt dem 0:6-Debakel in Leipzig. "Ich bin überzeugt, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, erfolgreich sein kann. Wir haben eine Mannschaft, um die uns viele beneiden: Mit echten Typen und Identifikationsfiguren, die sich mit unseren Zielen identifizieren."

Viel Beifall für Meeske

Dass der Club zum ersten Mal wieder einen Überschuss produziert hat, macht es für den nach Wolfsburg ziehenden Finanzvorstand Michael Meeske wohl etwas leichter, Nürnberg zu verlassen. "Mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn der Club ist mir in den dreieinviertel Jahren sehr ans Herz gewachsen." Der Club erreichte in der Aufstiegssaison einen Überschuss von 2,7 Millionen Euro. Auch ein Teil der Verbindlichkeiten konnte um 3,4 Millionen Euro getilgt werden - nun plagen den Club "nur noch" 17,4 Millionen Euro Schulden. Mehrere FCN-Anhänger nutzen die Möglichkeit, sich bei Meeske zu bedanken. "Ohne Sie würde es den Club nicht mehr geben", sagt einer.

"Der 1. FC Nürnberg ist in einem ruhigen Fahrwasser und ich wähne ihn auf einen guten Weg". Dennoch dürfe man nicht alles durch die rosa-rote Brille sehen, bremst Meeske sogleich. Er gibt seinem Nachfolger daher noch einige Hausaufgaben mit: "Eine Ausgliederung der Profimannschaft ist noch nicht vom Tisch." Und auch die Einbindung der lokalen Unternehmen als Investoren beziehungsweise Sponsoren müsse noch intensiver betrieben werden. "Da geht noch mehr", ist er sich sicher. Die Fans verabschieden sich schließlich mit Standing-Ovations von Meeske - wann passiert schon so etwas beim Club?

Kritik am Aufsichtsrat

Dass die Stimmung im Aufsichtsrat hingegen wohl nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen ist, zeigt sich, als der Vorsitzende Thomas Grethlein ans Rednerpult tritt. In einer Mail habe ihn sein Gremiumskollege Hanns-Thomas Schamel darauf hingewiesen, dass er nicht für ihn in seinem obligatorischen Bericht spreche. Denn dieser sei nicht mit ihm abgestimmt worden. Die Fans sind irritiert, manche Pfiffe sind zu hören. Wohl auch deshalb, weil sich in der Vergangenheit der Aufsichtsrat bekanntermaßen gern in der Öffentlichkeit über Interna ausgetauscht hat. Noch dazu pikant: Schamel kandidiert für eine weitere Amtszeit im Gremium. Bei den Wortmeldungen wird deutlich, dass die Fans ein solches Verhalten nicht goutieren. "Ich fühle mich an dunkle Zeiten erinnert. Die Grabenkämpfe gehören nicht in die Öffentlichkeit. Das will ich nicht mehr erleben", kritisiert ein Anhänger.

Ob das letztlich auch ein Grund ist, weshalb Schamel bei der Neuwahl durchfällt? Als die Mitglieder aufgerufen sind, drei Räte zu wählen, liegt der Verdacht nahe. Mit großer Mehrheit wählen die FCN-Fans Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (899 Stimmen) erneut ins Gremium, genau wie Christian Ehrenberg (780). Schamels (486) Platz nimmt der 56-jährige Peter Meier (597) ein, der Mitglied im Konzern-Vorstand der Nürnberger Versicherung - also des Hauptsponsors des Club - ist.

Niels Rossow:

Er ist der Neue beim Club: Der gebürtige Nürnberger Niels Rossow übernimmt die Nachfolge des Finanz-Vorstands Michael Meeske. Zwölf Jahre war er weltweit für den Sportartikelhersteller Adidas unterwegs. „Jetzt habe ich einen Traumjob: In meiner Stadt darf ich bei meinem Verein arbeiten.“

Er gibt sich bei seiner Vorstellung visionär: „Ich möchte das Profil des 1. FC Nürnberg schärfen.“ Denn Konzerne wie Adidas gäben Millionen Euro aus, um eine solche emotionale Bindung zu einer Marke aufzubauen, wie sie der Club bereits hat. „Wir sind stolz, wieder in der Bundesliga zu spielen. Damit das langfristig klappt, müssen wir mehr finanzielle Mittel garantieren.“ Der Spieltag solle zum gesellschaftlichen Ereignis werden. „Wir brauchen wieder Kultstätten, damit die Fans länger beim Club sind. Wollen die Fans S’Gärtla wieder haben, dann bauen wir es wieder auf.“ Der Club sei weit mehr als Fußball. Das sollten auch die lokalen Unternehmer registrieren: „Der 1. FC Nürnberg ist ein interessanter Partner.“ Seine Strahlkraft mache Firmen erfolgreicher.

Rossow fordert, dass der Club in der Stadt Nürnberg sichtbarer wird. „Ein Flagshipstore an der Lorenzkirche ist ein erster Schritt.“ Er plant, dass der Einkauf im Fan-Shop zum Erlebnis wird. „Ich möchte eine Kultur schaffen, dass die Besten bei uns arbeiten wollen.“ Genau das habe der Club verdient.

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