Nürnberg
31.08.2026 - 10:01 Uhr

Vorbild oder zu viel Nähe? Sportliga gründet China-Forum

Tischtennis ist Nationalsport in China. Damit lässt sich in dem Land viel Geld verdienen. Die deutsche Bundesliga hat zusammen mit Partnern eine Plattform gegründet - und das nicht nur für den Sport.

Rund 1,4 Milliarden Menschen leben in China. Geschätzt 300 Millionen von ihnen spielen Tischtennis - ob in ihrer Freizeit oder als Wettkampfsport. Was für ein riesiger Markt das ist, weiß man im deutschen Tischtennis spätestens, seit Topspieler wie Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov in China für deutsche Produkte werben.

Seit der chinesische Olympiasieger Fan Zhendong in der deutschen Bundesliga (TTBL) spielt, will man dieses Potenzial auch hier nutzen. Befeuert durch den Zuschauerboom, den der 29-Jährige in der Liga ausgelöst hat, haben die TTBL und der deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) einen Sponsorenvertrag mit dem chinesischen Elektroauto-Konzern Leapmotor abgeschlossen. 

Die Streaming-Plattform Youku Sports hat die Übertragungsrechte für Bundesliga-Spiele in China gekauft. Und als Bundeskanzler Friedrich Merz im Februar zu einem Staatsbesuch nach Peking flog, war auch ein Sportfunktionär dabei: DTTB-Chef Wolfgang Dörner. 

Die TTBL geht nun noch einen Schritt weiter. Zusammen mit dem Wirtschaftsverband „Akademie Deutscher Weltmarktführer“ (ADWM) und dem chinesischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main hat sie ein „Deutsch-Chinesisches Wirtschaftsforum“ gegründet. 

Tischtennis ist in diesem Konzept die Plattform, auf der sich Wirtschaftsvertreter, Politiker und Sportfunktionäre treffen. Premiere war an diesem Wochenende bei der neu gestalteten Saisoneröffnung der TTBL: dem „Pokal Grand Opening“ in Nürnberg.

Viel Prominenz bei erstem Treffen 

„Mir ist aktuell kein vergleichbares Format im deutschen Profisport bekannt“, sagt TTBL-Geschäftsführer Nico Stehle. Die Idee liege „auf der Hand: Tischtennis ist in China der Nationalsport. Und auch wir sind kein schlafender Riese mehr. Es gibt in Deutschland über eine halbe Million Vereinsspieler und über drei Millionen Freizeitspieler. Das wollen wir nutzen.“

Der Auftakt des Wirtschaftsforums war prominent besetzt. Neben den Initiatoren traten unter anderem der Opel-Chef Florian Huettl, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, und die Tischtennis-Legende Timo Boll auf.

Er halte es „für eine exzellente und gewinnbringende Initiative, die gemeinsame Leidenschaft Tischtennis“ zu nutzen, sagte Fratzscher der Deutschen Presse-Agentur. „Gerade in Zeiten zunehmender geopolitischer Konflikte ist es wichtig, faire Partnerschaften auf Grundlage gemeinsamer Regeln zu stärken.“

Große Nähe zu China

Auffällig ist: Während das „Deutsch-Chinesische Wirtschaftsforum“ die Kooperation vertiefen will, fordern andere Experten aus Politik und Wirtschaft das Gegenteil: einen härteren Kurs gegen China. Kurz bevor das Treffen in Nürnberg begann, veröffentlichte der „Spiegel“ seine neue Titelgeschichte: „Straßenkampf. Wie China die deutsche Autoindustrie überfährt“.

Auch Tanja Gönner beschrieb der dpa einen „China-Schock 2.0.“. Nach Angaben der Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) nutze China verschiedene Mittel, um die deutsche Wirtschaft unter Druck zu setzen: „Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen, eine deutlich unterbewertete Währung und staatlich induzierte Überkapazitäten.“

Das „Deutsch-Chinesische Wirtschaftsforum“ setzt dagegen ganz auf China-Nähe. Ein Teilnehmer in Nürnberg war der frühere Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, der heute als Unternehmensberater mit Schwerpunkt China-Geschäft tätig ist.

Fan-Zhendong-Transfer als „Geschenk des Himmels“

Gründer der „Akademie Deutscher Weltmarktführer“ ist der frühere baden-württembergische Wirtschaftsminister Walter Döring, der auch Wirtschaftsforen in China selbst organisiert. „Ich bin der Überzeugung: Man kann die zweit- und die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht entkoppeln“, sagt er.

Das deutsche Tischtennis hat ein eigenes Interesse an dieser Kooperation: von der riesigen Bedeutung dieses Sports in China zu profitieren. Seit Fan Zhendong 2025 zum 1. FC Saarbrücken und in diesem Sommer zu Borussia Düsseldorf wechselte, füllen chinesische Fans die Bundesliga-Hallen. Sie fliegen dafür extra aus Asien ein.

Ein „Geschenk des Himmels“ nennt Düsseldorfs Manager Andreas Preuß das. „Mit diesem Ausmaß an Hype, an Zuschauerbindung und an Vermarktungsmöglichkeiten haben selbst Insider wie Timo Boll nicht gerechnet.“

Boll: Sport als Vorbild für Politik und Wirtschaft

Der frühere Weltranglisten-Erste Boll ist für das „Deutsch-Chinesische Wirtschaftsforum“ eine wichtige Figur. Der 45-Jährige ist mit Fan Zhendong befreundet und in China extrem populär. Boll kann dort Türen für die deutsche Politik und deutsche Unternehmen öffnen, auch wenn er immer betont: Was hinter diesen Türen passiert, entscheiden Unternehmer und Politiker allein.

Trotzdem könne der Sport „ein Vorbild für die Politik und für die Wirtschaft sein“, sagt Boll. Gerade seine Freundschaft zu Fan Zhendong zeige, „dass trotz großer Konkurrenz ein Austausch und ein Miteinander stattfinden können“.

Persönlich sei er schon „über 100 Mal in China gewesen“. Einmal habe die Tischtennis-Weltmacht ihren größten Konkurrenten sogar in ihr nationales Trainingszentrum eingeladen. In diesem Moment, so Boll, sei es im Sport „so ähnlich wie im Geschäftsleben gewesen: Man muss sich ein bisschen öffnen, man muss sich gegenseitig vertrauen, um sich weiterzuentwickeln“.

© dpa-infocom, dpa:260831-930-608045/1

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