22.02.2020 - 15:30 Uhr
RegensburgSport

Nach aberkanntem Jahn-Tor: VfB Stuttgarts Doppelschlag

Der VfB Stuttgart ist klarer Sieger im Fernduell mit dem HSV: Ein verdienter 2:0-Heimsieg gegen überforderte Regensburger steht einem 0:2 der Hanseaten im Lokalderby gegen St. Pauli gegenüber.

VfB-Edeltechniker Daniel Didavi (links) bejubelt seinen Kunstschuss zum 1:0 gegen Jahn Regensburg.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Kein Vorwurf: Bei den hochkarätig besetzten Schwaben kann man verlieren. Und der SSV Jahn hat dem Tabellenzweiten lange Zeit Paroli geboten. Auf der anderen Seite hätten die Regensburger erneut brutal unter die Räder kommen können, hätte der VfB Stuttgart seine zahllosen Kombinationen in den Strafraum konsequenter abgeschlossen.

Daran ändert auch das Wirwarr um den möglichen Führungstreffer für die Regensburger wenig: Grüttner behindert zu Beginn der zweiten Hälfte VfB-Keeper Gregor Kobel im Fünfer, der lässt die Kugel fallen, und kann sie erst hinter der Linie wieder einfangen – nach Rücksprache mit dem Linienrichter gibt Schiri Thorben Siewer den Treffer, wird dann aber von Köln zurückgepfiffen. Nach Video-Studium entscheidet er auf Freistoß für den VfB. Kölle alaaf!

Wenig später macht Daniel Didavi den Unterschied: Sein Kunst-Freistoß landet zum 1:0 im Torkreuz (58.). Keine 90 Sekunden später kommt Wastl Nachreiner aus dem Tritt, Silas hat freie Bahn, legt quer auf Castro, der zum 2:0 einnetzt (59.). Ein Bielefelder Waterloo droht, zumal dann auch noch der bis dahin starke Marcel Correia zu schwimmen beginnt. Die Reaktion von Jahn-Trainer Mersad Selimbegovic gibt Rätsel auf: Mit zwei Defensivwechseln – Oli Hein für Aaron Seydel und Bene Gimber für Max Besuschkow – stellt er nicht gerade die Weichen für eine mutige Schlussoffensive.

Dass mehr drin gewesen wäre, zeigt die Zufallschance von Andreas Albers: Der Däne rutscht in eine Flanke von Bene Saller, der Aufsetzer springt aus fünf Metern über den Kasten. Wie geschrieben: Man kann bei starken Stuttgartern verlieren. Aber muss man wirklich ein 0:2 eine halbe Stunde vor Schluss absichern? Mutlosigkeit ist kein gutes Rezept für die Restsaison – es wäre nicht das erste Mal, dass der SSV Jahn einen fast sicheren Tabellenplatz noch verdaddelte.

Hat der Jahn das peinliche 0:6 verdaut?

Auch nach dem eher schmeichelhaften 1:0 gegen Wehen ist das peinliche 0:6 von der Bielefelder Alm nicht ganz vergessen. Kommt Jahn Regensburg beim Aufstiegsaspiranten VfB Stuttgart erneut unter die Räder?

Noch schlimmer als in Bielefeld traf es den Jahn schon einmal – 1977 ausgerechnet beim VfB: Die höchste Zweitliganiederlage fügte den Oberpfälzern fast im Alleingang Otmar Hitzfeld zu. Beim desaströsen 0:8 traf der spätere Bayern-Trainer sechsmal. Der VfB Stuttgart konnte zuletzt zweimal in Folge siegen und steht vor dem Spieltag punktgleich mit dem HSV auf Rang zwei in der Tabelle.

Nur zwei Mannschaften gelang bisher ein Auswärtssieg bei den Schwaben: kurioserweise der SV Wehen Wiesbaden (2:1) und Holstein Kiel (1:0). Mit neun Siegen aus den anderen neun Spielen belegt der VfB deshalb Platz eins in der Heimtabelle. Wenigstens ein wenig dürfen die Regensburger auf heimische Unterstützung hoffen: 1317 Auswärtstickets wurden bereits verkauft.

Selimbegovic hoffte auf „Sahnetag“

„Wir müssen uns dagegenstemmen und auch taktisch richtig gut anstellen“, sagte Jahn-Trainer Mersad Selimbegovic vor der Partie beim Tabellenzweiten in der Mercedes-Benz-Arena. „Wenn wir die in den Flow und Spielrausch bringen, dann wird es nicht schön für uns, das müssen wir verhindern.“

Um eine Chance zu haben, müsse sein Team einen „Sahnetag erwischen“, der VfB wiederum einen „schlechten Tag“. Personell wird es für den verletzten Sebastian Stolze, der bei Union Berlin ein Thema sein soll, noch nicht reichen. Ansonsten kann der Coach aus dem Vollen schöpfen: Zurück ist vor allem Kapitän Marco Grüttner, der sich auf die Partie bei seinem Verein des Herzens aus Kindheitstagen freut: „Ein kleiner Traum geht in Erfüllung.“

Matarazzo erklärte Jahns „anderen Fußball“

„Regensburg ist ein unangenehmer Gegner“, weiß einmal mehr der neue VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo. „Sie spielen einen anderen Fußball als viele in der Liga. Sie pressen höher, spielen viel auf zweite Bälle, schießen die meisten Kontertore in der Liga. Wir können uns auf ein kampfbetontes Spiel einstellen. Wir müssen die erste Pressingwelle knacken. Dann gibt es Raum.“

Wie genau seine Startelf aussehen wird, verrät er nicht: „Wenn ich ganz ehrlich bin, mache ich mir keine Gedanken um eine feste Elf. Ich denke eher situativ. Ich will immer elf schlagkräftige Spieler auf dem Platz haben, die als Einheit auftreten. Es kann also sein, dass es morgen wieder einige Änderungen gibt – es muss aber nicht sein.“ Chancen aber hat der Ex-Regensburger Hamadi Al Ghaddioui: „Ali kann sicherlich hoffen, gegen Regensburg zu starten. Ich sehe es nicht so, dass Mario Gomez Stammspieler ist und immer gesetzt.“ Es komme immer auch drauf an, was im Training angeboten werde und wer zum Gegner passe.

Sicher ist: Der VfB muss weiter ohne Badstuber, Kaminski, Kempf, Gonzalez und Kalajdzic auskommen. Ausfallen wird auch Tanguy Coulibaly, der sich im Training eine Prellung zugezogen hat und umgeknickt ist. „Er wird nicht im Kader stehen“, sagt Matarazzo. Und tatsächlich: Hamadi Al Ghaddioui steht in der Stuttgarter Startelf. Auf der anderen Seite nur eine Überraschung: Aaron Seydel darf von Beginn an ran.

Erste Chance für Grüttner

Gedenkminute für die Opfer des Irren von Hanau: 50.000 Zuschauer schweigen betroffen. Beim Anstoß warten in Weinrot Andi Geipl und Marco Grüttner. Erstes Loch im Regensburger Abwehrverbund, Silas verpasst die Steilvorlage für Hamadi Al Ghaddioui, der alleine auf Keeper Meyer zulaufen hätte können (2.). Auf der anderen Seite perfekte Flanke von Bene Saller, Grüttner köpft unbedrängt aus fünf Metern, Kobel rettet zur Ecke (4.).

Gefährliche Situation, der Jahn bekommt Didavi nicht unter Kontrolle, Freistoß aus 18 Metern halblinks: Castro in die Mauer (8.). Jetzt das Ganze gespiegelt, Freistoß Regensburg von links außen, Albers bekommt noch den Fuß in Okorojis Pass, aus spitzem Winkel einen Meter daneben (10.). Seydel holt die erste Ecke für den Jahn, der künftige Heidenheimer Geipl zu ungenau. Dann verdaddelt Correia den Ball in der gegnerischen Hälfte, Stuttgart macht das Spiel schnell, Glück für den Jahn, dass der VfB das nicht gut ausspielt (13.). Ein paar Minuten später macht er es besser, als er mit Grätsche vor Castro zur Ecke klärt (16.).

Orel Mangala (Stuttart ) am Ball vor Andreas Albers.

Mangalas Traumtor aberkannt

Nächste Rettungstat nach unnötigem Ballverlust im Mittelfeld, Correia vor Al Ghaddioui. Nächste Ecke, Mangala nimmt die zu kurze Kopfballabwehr volley, der Ball zappelt im Netz – aber: Zuvor wird Besuschkow klar zu Boden gezogen, Tor zählt nicht. Da hat sich der VfB selbst ein Bein gestellt, denn der hatte überhaupt keinen Einfluss aufs Spielgeschehen (20.). Und wieder gelingt Correia eine Grätsche zur rechten Zeit, bevor Massimo durchbrechen kann (24.).

Das kann man besser machen: Okoroji versucht den schnellen Massimo zu umlaufen, Ball im Aus (26.). Geduldspiel für den VfB, da ist die Lücke, aber Castro verfehlt den freigelaufenen Massimo (29.). Nächste Gefahrenstelle, Pass auf Silas, der verheddert sich im Strafraum, Didavi mit Gefühl von der Strafraumgrenze, der Ex-Stuttgarter Meyer mit der Faust zur Ecke (31.).

Schwäbische Drangphase

Stuttgart drückt, kombiniert sich in den Strafraum, Didavi schiebt Meyer der Ball aus 5 Metern in die Hände, puuh, Glück für die Oberpfälzer (34.). Gleich danach muss Saller in letzter Sekunde mit Grätsche vor Silas retten (35.). Auch der Jahn kann Fußball: Besuschkow behauptet sich an der Mittellinie gegen drei Stuttgarter und bekommt den Freistoß (38.). Geipl überzeugt den Schiri mit einem Bocksprung von einer Gelben Karte für Silas (39.).

Nächste Chance für die Hausherren, wieder ist ein Weißer frei, wieder ein schlampiger Pass ins Aus (41.). Okoroji sorgt für etwas Entlastung, aber die Ecke ist einmal mehr optimierbar (42.). Silas mit dem Solo bis vor Meyer, dann trifft er den Keeper und wird zurückgepfiffen (44.). Auch Al Ghaddioui hat technisch dazu gelernt, bringt aber ebenfalls den letzten Pass nicht. Und ein letztes Mal tiefes Durchatmen beim Jahn, Didavi wieder am Fünfer und wieder die Grätsche im allerletzten Moment – das 0:0 zur Pause glücklich, aber auch tapfer erkämpft.

Kein Tor, Tor, kein Tor

Noch hat der VfB seine Ungenauigkeit nicht abgestellt, Castro muss deswegen taktisch foulen und sieht Gelb (48.). Ein Tor für Regensburg, das wohl kaum zählen wird: Grüttner behindert den Keeper im Fünfer – die ganz große Überraschung: Der Linienrichter spricht sich für den Treffer aus. Jetzt schaltet sich Köln ein: Thorben Siewer läuft zum Bildschirm: kein Tor, Chaos hat einen Namen, Kölle Allaf! Auch eine Möglichkeit: Okoroji mit der Ecke direkt ins Aus.

Auf der anderen Seite heftiger Einsatz von Nachreiner gegen Silas, nur Freistoß von links außen, erst mal abgewehrt (54.). Stuttgart setzt sich fest, Didavis Ecke schwach, aber der Jahn kommt nicht mehr raus, Beschuschwkow tritt zu, Gelb und Freistoß 20 Meter zentral: Didavi ins linke Torkreuz, 1:0 (57.). Riesenbock von Nachreiner eine Minute später, Dr. jur, gleitet zu Boden, Silas ist durch, legt quer auf Castro, 2:0 aus 12 Metern (59.) – Bielefeld lässt grüßen. Jetzt fängt auch noch Correia zu schwimmen an, erst ein missglückter Kopfball, dann ein Luftloch.

Regensburgs zarte Ansätze

Etwas Verwirrung im Stuttgarter Strafraum, aber Grüttner und Co. drehen sich einmal zu viel um die eigene Achse (63.). Jahn-Coach Selimbegovic bringt an dieser Stelle Oli Hein für Seydel: interessanter Ansatz, was will der Trainer hier mit Blick auf ein mögliches Anschlusstor umstellen (66.)? Silas ist erneut im Strafraum, sein Pass ein Geschenk für die gebeutelte Jahn-Abwehr. Aus einer schwachen Ecke die beste Jahn-Chance: Okoroji mit dem zweiten Ball, Kobel stark auf der Linie (68.).

Mangala legt sich die Kugel im 16er zurecht, haarscharf links vorbei (75.). Warum der Jahn-Trainer jetzt auch noch Ideengeber Besuschkow für Defensiv-Berserker Bene Gimber vom Platz nimmt, verwundert doch arg (76.). Und da war die Chance zum Anschluss: Pass von Saller, Albers allein im Fünfer, Aufsetzer über die Latte (78.). Auf der anderen Seite schlenzt Darko Churlinov die Kugel aus 12 Metern übers Kreuz (79.). Bei Stuttgart kommt Lilian Egloff für Castro (82.). Dreifach Chance für den VfB: Al Ghaddioui und Eglhoff bringen die Kugel aus nächster Nähe nicht im Tor unter (83.).

Die letzten Minuten kommt Klement für Dosenöffner Didavi (86.). Meyer festigt seine Position als stärkster Jahn-Spieler mit einer Blitzreaktion bei einem von Correia abgefälschten Schuss (87.). Feierabend nach 93 Minuten – jetzt muss der SSV am Freitag gegen Dresden beweisen, dass der Platz im vorderen Drittel der Tabelle kein glücklicher Zufall ist.

Stuttgarts damaliger Trainer Tim Walter bedankt sich nach dem 3:2-Sieg in Regensburg bei Holger Badstuber (Mitte).
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.